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Nepal: Todesflieger verunglückte zum dritten Mal

Die im Himalaya abgestürzte Passagiermaschine der Yeti Airlines, in der auch zwölf deutsche Urlauber ums Leben kamen, war bereits in mehrere Unfälle mit Pilotenfehlern verwickelt. Neue Details zur Vorgeschichte des Unglückflugzeugs machen Angst.

Von Till Bartels

Eine Datenbankabfrage beim Online-Branchendienst "Aviation Herald" und beim unabhängigen Flugunfallbüro Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre (Jacdec) ergab, dass die abgestürzte Maschine vom Typ DeHavilland Twin Otter bereits zwei Mal in schwere Unfälle verwickelt war. Das 1980 gebaute Flugzeug mit der Baunummer 720, das seit Anfang 1999 für Yeti Airlines unterwegs war, wurde nach jedem Unfall repariert und wieder in Dienst gestellt.

Ein Mitarbeiter der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig sei als Beobachter zugelassen, sagte ein Sprecher der Behörde am Donnerstag. Bei dem Absturz während des Landeanflugs auf den in knapp 3000 Meter Höhe gelegenen Flughafen Lukla in Nepal waren am Mittwoch insgesamt 18 Menschen getötet worden. Lediglich der Pilot hatte den Absturz schwer verletzt überlebt. Ob der deutsche Experte bei der Analyse des Unglücks konkret helfen könne, hänge von dem Leiter der Untersuchung in Nepal ab, sagte der Sprecher der BFU.

Das Flugzeug mit zwei Bruchlandungen

Bereits am 2. Juli 2006 geriet die jetzt abgestürzte Maschine im Anflug auf den Flugplatz von Bajura in Westnepal zu tief, streifte einen Zaun und setzte hart vor der Landebahn auf. Trotz starker Windböen hatte der Pilot den Anflug nicht abgebrochen, sondern die Landung riskiert. Zum Glück wurde niemand verletzt. Die nepalesische Zivilluftfahrtbehörde (CAAN) nennt in ihrem 48-seitigen Abschlussbericht einen Pilotenfehler als Unglücksursache.

Einige Wochen später ging die reparierte Propellermaschine wieder in die Luft. Am 29. Juni 2007 brach das Flugzeug bei der Landung in Surkhet, ebenfalls im Westen Nepals gelegen, nach links aus und pflügte über unebenes Terrain. Mit gebrochenem Bugrad und beschädigtem Rumpf blieb die Twin Otter im weichen Boden stecken. Auch in diesem Fall gab die CAAN Pilotenfehler als Unfallursache an, da man im Cockpit zu spät auf die Richtungsabweichung reagiert habe. Die Piloten durften die nächsten Wochen nur unter Beobachtung eines Instruktors in die Luft gehen.

Das Problem der dritten Landung

"Ein Zusammenhang der Unfälle mit dem aktuellen Absturz ist jedoch bislang nicht bewiesen", so Jan-Arwed Richter von Jacdec. Fest steht allerdings, dass die rapide Sichtverschlechterung eine entscheidende Rolle spielte. Am Morgen des 8. Oktobers 2008 waren drei Flüge der Yeti Airlines nach Lukla unterwegs: Flug 111, 101 und als dritter der Unglücksflug 103. Beide voraus fliegenden Maschinen landeten ohne Probleme in Lukla. "Dieser Umstand könnte den Piloten von Flug 103 in eine mentale Drucksituation gebracht haben", zitiert Richter Mohan Adhikari, den Vertreter des Flughafens in Lukla.

Als aber Flug 103 an der Reihe war, zogen plötzlich Nebelschwaden auf. Die Sicht fiel rapide ab. Dennoch entschied sich der Pilot zu einer Landung. Die These der "erzwungenen Landung" ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Wille zu landen lässt manchen Piloten das Risiko verdrängen oder mögliche Gefahren falsch einschätzen, ergaben Studien der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA.

Der Tenzing-Hillary Flugplatz in Lukla gilt als einer der gefährlichsten der Welt. Die kurze Piste ist in den Hang hineingebaut. Technische Anflughilfen gibt es nicht. Gelandet werden darf dort nur bergauf, gestartet dagegen nur bergab. Um dort landen zu dürfen, müssen strenge Regeln eingehalten werden. Dazu gehört auch, dass mindestens fünf Kilometer Sicht herrschen müssen. "Ist dies nicht der Fall, müssen die Piloten woanders landen", so Mohan Adhirkari.

Weitere Abstürze von Yeti Airlines

Nach Jacdec-Angaben ist das Unglück vom 8. Oktober nicht der erste Totalverlust von Yeti Airlines. Am 25. Mai 2004 prallte eine Twin Otter im Landeanflug auf Lukla gegen einen wolkenverhüllten Berg. Alle drei Besatzungsmitglieder starben. Der Kommandant gab fehlerhafte Positionsmeldungen durch, nach denen der Fluglotse annahm, dass dem Flug keine Gefahr drohte. Am 21. Juni 2006 brach ein Pilot seinen Anflug nahe Jumla ab und wollte von der entgegen gesetzten Richtung aus landen, als die Maschine an Geschwindigkeit und Höhe verlor. Kurz vor der Piste stürzte das Flugzeug in ein Feld, überschlug sich und fing Feuer. Keiner der neun Insassen überlebte den Crash. Als Unfallursache wurde mangelnde Aufmerksamkeit des Piloten ermittelt.

In Nepal existieren Flugpläne nur für wenige Routen, da das Wetter den Flugalltag bestimmt. So wird Lukla nur angeflogen, wenn es das Flugwetter zulässt. So kann es sein, dass bei gutem Wetter pro Tag bis zu 40 Maschinen in Lukla landen. Trotz der Unfälle ist Nepal ein Land, das schon aus Imagegründen die Sicherheit im Luftverkehr sehr ernst nimmt. Vor kurzem wurde eine unabhängige Flugunfallkommission ins Leben gerufen, die mit weit reichenden Befugnissen ausgestattet ist. Airlines, die wiederholt negativ auffallen, können bis hin zu einem generellen Flugverbot bestraft werden.

Unter den Opfern der jüngsten Flugkatastrophe - sie sind bisher noch nicht vom Bundeskriminalamt (BKA) identifiziert - befinden sich eine Reisegruppe von Hauser Exkursionen und deren nepalesischer Reiseleiter. Die Vorgeschichte der Unglücksmaschine ist dem Münchner Veranstalter nicht bekannt. "Wir können bisher nichts zur Unfallursache sagen. Es sind Fachleute vor Ort, um den Unfallhergang und alles, was damit zusammenhängt, zu untersuchen", sagte Dr. Kundri Böhmer-Bauer von Hauser Exkursionen im Gespräch mit stern.de. "Wir werden die Ergebnisse berücksichtigen und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen."

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