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Ureinwohner Menschenrechtlerin verteidigt Inselvolk nach Tod eines Missionars: "Begründete Selbstverteidigung"


Ein junger Amerikaner will ein abgeschiedenes Volk auf North Sentinel Island bekehren. Und bezahlt diesen Versuch mit dem Leben. Der Vorfall wäre vermeidbar gewesen, sagt die Menschenrechtlerin Linda Poppe.

Diese Reise endete für John Chau tödlich. Der junge Amerikaner besuchte vor knapp zwei Wochen die Bewohner von North Sentinel Island. Er wollte sie missionieren. Doch die wollten davon nichts wissen. Sie beschossen ihn mit Pfeilen, der 27-Jährige starb an seinen Verletzungen. Seine Leiche soll am Strand vergraben liegen. Die indischen Behörden versuchen, in Kontakt mit den Einwohnern zu treten, die ansonsten streng abgeschirmt von der Außenwelt leben. Ob das allerdings gelingt, ist höchst fraglich.

Die Menschenrechtlerin Linda Poppe von der Organisation Survival International Deutschland erklärt im stern-Interview, wie die Behörden solche Zusammenstöße in Zukunft verhindern können.

Frau Poppe, die indischen Behörden haben ihre Bemühungen noch nicht ganz aufgegeben, die Leiche des jungen Amerikaners zu bergen. Halten Sie dieses Vorgehen für richtig?

Aktuell ist tatsächlich noch nicht klar, was mit der Leiche passieren wird. Survival International und andere Experten fordern jedoch, dass auf eine Bergung verzichtet wird. Jeder derartige Versuch ist unglaublich gefährlich, sowohl für die indischen Beamten als auch für die Sentinelesen, die von eingeschleppten Krankheiten ausgelöscht werden könnten.

Die Sentinelesen sind ein unkontaktiertes Volk, das bedeutet, dass eingeschleppte Krankheiten wie Masern oder Grippe für sie schnell tödlich enden können. Es ist nicht ungewöhnlich, dass nach der Kontaktaufnahme innerhalb eines Jahres die Hälfte eines unkontaktierten Volkes an solchen Krankheiten stirbt.

Was überwiegt aus Ihrer Sicht mehr: Das Recht der Insel-Bewohner auf Isolation oder der Anspruch der Angehörigen, ihren Verwandten zu beerdigen?

Natürlich können wir verstehen, wenn die Angehörigen Abschied nehmen wollen. Aber die Bergung der Leiche wäre mit hohen Risiken verbunden und es ist nicht auszuschließen, dass weitere Menschen sterben könnten. Das Risiko einer tödlichen Epidemie durch Grippe, Masern oder anderen Krankheiten ist sehr real und steigt mit jedem Kontakt. Zudem endeten ähnliche Bemühungen in früheren Fällen mit dem Versuch der Sentinelesen, ihre Insel gewaltsam zu verteidigen. Wir sind daher gegen eine Bergung. 

Der junge Amerikaner starb vermutlich durch einen Pfeilschuss. Sind die Bewohner von North Sentinel Island generell gegenüber Fremden feindselig oder hat John Chau sie provoziert?

Auf die meisten Kontaktversuche haben die Sentinelesen ablehnend reagiert. Das ist für unkontaktierte Völker nicht ungewöhnlich, sie haben sich dafür entschieden keinen Kontakt zu suchen.

Man kann nur mutmaßen warum, aber wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass sie schlechte Erinnerungen an frühere Begegnungen mit Außenstehenden haben. Auch Mitglieder der Sentinelesen wurden von britischen Kolonialherren verschleppt. Ein älteres Paar starb sehr schnell an Krankheiten, die entführten Kinder schickte man dann mit kleinen Geschenken zurück auf die Inseln. Niemand weiß, was aus ihnen wurde. Man kann die Sentinelesen "feindlich" nennen, aber ich sehe es eher als begründete Selbstverteidigung.

Ist überhaupt bekannt, wie die Menschen auf der Insel leben? Auf Luftaufnahmen sind jedenfalls keine Felder erkennbar.

Es ist kaum etwas über sie bekannt, nicht einmal wie sie sich selbst nennen. Von Beobachtungen weiß man, dass sie im Wald auf der Insel jagen und sammeln. Zudem fischen sie in den Küstengewässern und bauen Boote. Wir werden oft gefragt ob sie ein "Steinzeitvolk" sind. Die Antwort lautet ganz klar: nein! Sie leben im Hier und Jetzt. Ihre Strände werden sicher auch nicht von Plastikmüll verschont.

Welche Maßnahmen würden Sie für die Zukunft empfehlen, um tödliche Begegnungen wie vor elf Tagen zu vermeiden?

Es ist verboten, die Insel der Sentinelesen zu besuchen und das ist wichtig und richtig so. Diese Politik muss aufrechterhalten werden. Dazu gehört auch einige Bestimmungen für Touristen wieder einzuführen, die im Sommer aufgehoben wurden. Das hatte ein falsches Signal gesendet. Außerdem muss die Sperrzone um die Insel wirklich durchgesetzt werden. Es ist die Entscheidung der Sentinelesen unkontaktiert zu leben, wir müssen das respektieren. Dann lassen sich auch Tragödien wie diese vermeiden.

Ureinwohner: Menschenrechtlerin verteidigt Inselvolk nach Tod eines Missionars: "Begründete Selbstverteidigung"
Interview: Sebastian Ostendorf

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