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Augenzeugenbericht: Paul sah Notre-Dame aus seinem Wohnzimmer brennen. Er hatte die Hoffnung bereits verloren

Paul, 64, lebt im vierten Stock eines Hauses am Quai de Béthune auf der Ile Saint-Louis. Von seinem Wohnzimmer aus sah er Notre-Dame in Flammen stehen. Hier beschreibt er, wie er den Brand erlebte.

Protokoll: Jörg Zipprick

Rauchwolken über Notre-Dame

Rauchwolken über Notre-Dame: Mehrere Augenzeugen berichten, dass die Feuerwehr relativ lange gebraucht haben soll, bis sie mit vielen Einsatzkräften vor Ort war

Getty Images

Der 64-jährige Pariser Paul* wohnt in unmittelbarer Nähe zur Notre-Dame. Er hat einem stern-Reporter von seinem Branderlebnis berichtet. Diese Schilderung geben wir hier aus seiner Sicht wieder:

Als ich die Sirenen hörte, bin ich sofort an mein Fenster geeilt. Der Brand war da schon in vollem Gange, meterhohe Flammen schlugen aus dem Dach. Eigentlich ist unsere Straße eine der ruhigsten in Paris: Vorn ist die Seine, rechts Notre-Dame, ab und zu zieht ein Lastkahn vorbei. Manchmal wird unsere Straße für Dreharbeiten von Komödien oder Geschichtsfilmen abgesperrt.

Rauchwolken über Notre-Dame

Rauchwolken über Notre-Dame: Mehrere Augenzeugen berichten, dass die Feuerwehr relativ lange gebraucht haben soll, bis sie mit vielen Einsatzkräften vor Ort war

Getty Images

Als ich die Flammen sah, ging mir alles Mögliche durch den Kopf: Könnte es ein Attentat sein? Im September 2016 hatte die Polizei schließlich mehrere Terroristinnen (drei Frauen, ein Mann, Anm. d. Red.) des sogenannten Islamischen Staates festgenommen, die ein Auto voller Gasflaschen neben der Kirche abgestellt hatten.

Was Notre-Dame für Franzosen bedeutet

Für uns Franzosen ist Notre-Dame ein Symbol. Zunächst mal das Symbol des Christentums, zusammen mit dem Vatikan. Und dann ein Symbol unserer Nation. Kriege, Not und Katastrophen, Notre-Dame hat alles überstanden. Selbst der zweite Weltkrieg konnte ihr nichts anhaben. Es gibt sicher Leute, die über solche Symbole lächeln, aber sie geben einem Halt, gerade in schwierigen Zeiten. Es ist die Vorstellung, dass mein Großvater Notre-Dame und den Eiffelturm gekannt hat und dass meine Enkel diese Monumente noch kennen werden.

Feuer von Notre-Dame: Jesu Dornenkrone: Diese unbezahlbaren Schätze konnten aus den Flammen gerettet werden

Gedacht habe ich an das Hôtel Lambert in meiner Nachbarschaft, dessen Dachstuhl vor sechs Jahren ausgebrannt ist. Und an meine Nachbarn: An die Inhaber der Cafés, der Hotels, an den jungen Monsieur Terrail, der das edle Restaurant "La Tour d’Argent" zu meiner Rechten führt. Ihre Kunden kommen auch für die Aussicht auf Notre-Dame. Wie wird es ihnen in Zukunft gehen? Durch die Proteste der Gelbwesten und die Krawalle auf den Champs-Elysées haben sie ohnehin viele Kunden verloren.

Was hätte man tun können? Warum hat anscheinend niemand an einen Brand gedacht? Wieso gibt es keine Sprinkler, keinen Wasseranschluss auf dem Dach? In solchen Momenten fühlt man sich klein. Man kann nichts tun, ich kann nichts tun. Ich war traurig und wütend zugleich.

Warum es schnell gehen sollte mit dem Wiederaufbau

Fast 45 Minuten wartete ich am Fenster bis die ersten Feuerwehrleute auftauchten. Für mich sah es aus, als wären sie schlecht ausgerüstet. Ihre Leitern reichten nicht mal annähernd an das Dach heran. Es war absurd: Da brennt ein Symbol unserer Stadt und zwei, drei Feuerwehrleute zielen verzweifelt nach oben, ohne eine reelle Chance, das Feuer wirklich zu erreichen. Allein die Flammen auf dem Dach loderten bestimmt 15 bis 20 Meter hoch. Kurz nach acht, als das Feuer auf den Nordturm übergriff, hatte ich die Hoffnung verloren. Jetzt brennt alles ab, sagte ich mir.

Der Moment erinnerte mich an den 11. September in New York. Zwei Türme, einer davon in Flammen, eine hohe Rauchsäule, ohnmächtige Feuerwehrleute. Irgendwann beruhigte sich die Lage. Links von meiner Wohnung hatten sich still jede Menge Leute auf der Pont de Sully versammelt. Einige sangen, einige beteten, die meisten machten permanent Fotos mit ihren Smartphones. Sie blieben bis zwei Uhr morgens. Es war eine Versammlung in aller Stille, etwas, das wir in Paris höchstens auf Beerdigungen kennen.

Als ich aufstand, waren die Außenmauern von Notre-Dame am alten Platz. Alles wirkte verblüffend normal. Im Radio erzählte jemand, dass der Milliardär Francois Pinault 100 Millionen für den Wiederaufbau gibt. Der Milliardär Bernard Arnault und sein Luxuskonzern LVMH spenden 200 Millionen. Der ehemalige Kultusminister Jack Lang sagt, die Restaurierung von Notre-Dame soll zügig als nationales Projekt vorangetrieben werden. Drei oder vier Jahre, dann könnte sie wieder stehen. Ich bin da ganz seiner Ansicht. Wenn niemand durchgreift, werden allein für Gutachten und Machbarkeitsstudien ein paar Jahre vergehen. Das Wahrzeichen von Paris wäre dann eine Ruine.

*Paul wollte seinen Namen nicht in diesem Bericht lesen, sein echter Name ist der Redaktion bekannt 

Sehen Sie auch im Video: So sieht es nach dem Brand aus – Aufnahmen zeigen die schweren Schäden im Inneren von Notre-Dame

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