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Rettung der Kumpel Chile bewegt die Welt


69 Tage hat das chilenische Volk mit den 33 "Mineros" gehofft und gebetet. Die Presse des Landes feiert die Männer nun als Helden. Einer der Kumpel schlägt nach seiner Rettung politische Töne an.
Von Isabel Gomez, Frankfurt

"El viejo está en la jaula!" ("Der Alte ist im Käfig!"): Als dieser Satz um 23.55 Uhr Ortszeit aus rund 650 Metern Tiefe zu hören ist, bricht Chile in Jubel und Tränen der Erleichterung aus. Der erste von 33 eingeschlossenen Bergleuten in der Mine San José, Florencio Ávalos, hatte die Rettungskapsel 'Fénix 2' betreten und befand sich auf dem Weg nach oben. Es sei der Moment gewesen, "in dem Chile und die Welt erschauderten", schreibt die chilenische Tageszeitung "El Mercurio". Seit diesem Zeitpunkt begleiten alle chilenischen TV- und Radiosender die Rettung live. Auf den Internetseiten der größten Tageszeitungen prangen riesige Bilder der Kapsel, der Männer, die aus der Tiefe kamen und ihrer Angehörigen. Minütlich werden die dazugehörenden Texte aktualisiert.

"Die internationalen Nachrichtenagenturen schätzen, dass weltweit rund eine Milliarde Zuschauer die Rettung des ersten Bergarbeiters Florencio Ávalos live an den Fernsehgeräten miterlebt haben", schreibt "El Mercurio". Der zweite Gerettete, Mario Sepúlveda, bietet den Zuschauern eine Show der Extraklasse. Schreiend und johlend springt er aus dem Käfig, "es lebe Chile, Scheiße". Die Extra-Ausgabe der Tageszeitung "Las Últimas Noticias" präsentiert nur Stunden später sein Konterfei auf dem Titel, überschrieben mit "Súper Mario". "Er beschrieb den Tagesablauf der 33 Arbeiter, empfahl ihren Frauen, das Geld in ihrer Abwesenheit nicht zu verprassen, er tanzte und schloss seine Ansprachen mit den Worten 'zurück ins Studio'", schreibt das Blatt über den Sprachführer der Gruppe, der meistens mit dem Rettungsteam kommunizierte.

Dann ist da José Ojeda, der "als liebevoll und lustig gilt". Er ist Witwer und hat zwei Enkel, schreibt die Zeitung "El Día". Und Mario Gómez, der als neunter an die Oberfläche gefahren wurde. "Titán" wird der 63-Jährige aufgrund seines Alters in den chilenischen Medien genannt. Und Claudio Yáñez, der unter Tage einen Heiratsantrag von seiner Freundin bekommen hatte und antwortete: "Wir heiraten, sobald ich oben bin."

Versprochene Hochzeit, Grüße von Hugh Heffner

Besonders das Schicksal von Luis Urzúa, dem Schichtführer, bewegt die Chilenen. Er soll als letzter aus der Grube geholt werden. Urzúa ist Topograph, sein Vater und sein Stiefvater wurden in der Diktatur Auguste Pinochets ermordet, schreibt "El Mercurio". "Seinen Vater kannte er kaum, weil Urzúa bei dessen Verschwinden noch ein Kind war." Sein Stiefvater, Benito Tapia, war Vorsitzender der Gewerkschaft der Kupferarbeiter und des Zentralkomitees der Sozialistischen Jugend. "Er wurde im September 1973 von Pinochets Beamten verhaftet und hingerichtet", so "El Mercurio".

Die zweite große Tageszeitung "La Tercera" bildet auf ihrer Internetseite Grüße von Politikern, Sängern, Schauspielern und Sportlern ab. US-Präsident Barack Obama schrieb: "Wir beten, dass die Arbeiter mit Gottes Hilfe gesund geborgen werden und bald zu ihren Familien können". Playboy-Gründer Hugh Heffner erklärte: "Die verschütteten Arbeiter zu retten, ist ein wahres Wunder. Glückwünsche an alle Beteiligten." Der aktuelle Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa sendete Grüße aus seiner Heimat Peru: "Welch schöne Worte: Einer der Bergleute sagte, es seien nicht 33, sondern 34 Bergleute, weil Gott sie niemals verlassen habe. Belästigen wir Gott heute nicht mit Nebensächlichkeiten, er ist gerade damit beschäftigt, den Bergleuten in Chile das Leben zu retten."

Brüderliche Worte aus Bolivien

Doch nicht nur in Chile geht die unerwartet schnelle Rettung den Menschen nahe. Der bolivianische Präsident Evo Morales ist angereist, um sich mit dem geretteten bolivianischen Bergarbeiter Carlos Mamani und dem chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera zu treffen. "Ich bin überrascht, beeindruckt von dem, was der Präsident Chiles und seine Regierung geleistet haben. Diese großartig menschliche Tat für die 33 Bergleute und speziell für unseren Bruder Carlos Mamani", sagte Morales bei seiner Ankunft laut "El Mercurio". Und: "Bolivien wird diese Bemühungen niemals vergessen." Die spanische Tageszeitung "El País" widmet den 33 ein ganzes Online-Spezial, in dem jeder Einzelne vorgestellt wird, der Leser erfährt die gesamte Biografie der Eingeschlossenen. Die Konkurrenz von "El Mundo" begrüßte die Geretteten mit der Schlagzeile "Willkommen im Leben". Die ecuadorianische Zeitung "La Hora de Ecuador" titelt "Vollkommene Freude in Chile".

Der von den chilenischen Medien als "geborener Anführer" bezeichnete Mario Sepúlvedra ahnt wohl bereits, dass er und seine 32 Kumpel die längste Zeit ein unauffälliges Leben als Bergleute hatten und nutzte die weltweite Aufmerksamkeit für einen politischen Aufruf. "Dieses Land muss verstehen, dass Änderungen in der Arbeitswelt erforderlich sind. Die Unternehmer müssen den Menschen auf der mittleren Führungsebene die Befugnis geben, für diese Änderungen zu sorgen", sagte er Minuten nach seiner Rettung in die Kameras. Auf den Medienrummel, der ihn jetzt erwarte, könne er dagegen getrost verzichten. "Behandeln sie uns nicht wie Künstler oder Journalisten, behandeln sie mich weiterhin wie Mario, den Arbeiter, den Bergmann", schloss er.

FTD

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