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Todesfall von Quistorp: Felix ertrank im Brunnen seines Großvaters

Der in Niederbayern verschwundene Felix von Quistorp ist laut Polizei bei einem Unfall ums Leben gekommen. Offenbar wollte er den Brunnen seines Großvaters erkunden und stürzte beim Abstieg in den Schacht ab.

Von Markus Götting und Georg Wedemeyer

Ein Leiterwagen der Polizei steht im Hof von Schloss Weihenstephan in Hohenthann im Landkreis Landshut, die Beamten haben einen Taucheranzug zum Trocknen an der Leiter aufgehängt an diesem nass-kalten Morgen. Wie eine Vogelscheuche baumelt er vor dem großen grünen Wagen; ein Anzug als Symbol trauriger Gewissheit: Ein Taucher hat heute früh am halb zehn, sechs Tage nach seinem Verschwinden, die Leiche von Felix von Quistorp in einem Brunnen auf dem Schlossgelände geborgen.

Nach der Obduktion schließt die Polizei aus, dass der 14 Jahre alte Junge in den tiefen Brunnen gefallen ist. Die festgestellten Schürf- und Platzwunden seien nicht so erheblich, sagte ein Polizeisprecher. "Ein Fall aus zehn Metern hätte viel schlimmere Verletzungen verursacht." Felix müsse in den tiefen Schacht selbst hinabgestiegen und aus geringer Höhe gestürzt sein - er war nicht mehr in der Lage, sich vor dem Ertrinken zu retten. "Auf Grund der vorliegenden Erkenntnisse ist ein Fremdverschulden auszuschließen", so die Polizei.

Suche mit Spürhunden

Der Sprössling einer Adelsfamilie war mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Philipp und der Mutter aus Potsdam in das niederbayerische 300-Seelen-Dorf gereist, um die Weihnachtstage auf dem alten Gutshof seines Großvaters Erasmus von Fürstenberg zu verbringen. Vergangenen Donnerstag war die Familie gegen 15 Uhr von einem Ausflug ins Armeemuseum Ingolstadt nach Weihenstephan zurückgekehrt; Felix ging in sein Gästezimmer, danach verschwand er. Als der Großvater um 19 Uhr den Jungen vermisst meldete, begann die Polizei die Suche mit Spürhunden und Hubschraubern mit Wärmebildkameras.

Die Ermittler hatten zuletzt Handzettel verteilt, Autofahrer, Nachbarn befragt. Ohne eine Spur. Nun suchten sie am Mittwochmorgen noch einmal mit vierzig Leuten das Areal ab, darunter eine zehn Mann starke Tauchereinheit. Auf dem Grund eines rund 15 Meter tiefen Brunnens, in dem sechs Meter hoch Wasser, Schlick und Unrat standen, entdecken sie den leblosen Körper des Jungen. Der Brunnen befindet sich innerhalb eines Gewölbes und ist nur über eine Treppe zugänglich. "Felix ist wohl reingefallen oder reingeklettert", sagt Peter Schnitte, der Leiter der Landshuter Polizei. Von oben sei der Tote nicht zu sehen gewesen.

Taucher stiegen in den Schacht

Polizeichef Schnitte steht vor dem Schlosstor, hinter ihm ist mit rot-weißem Plastikband das Anwesen weiträumig abgesperrt. Das THW ist im Einsatz, die Spurensicherung der Kripo. Schnitte sagt, der neben einem Schwimmbad liegende alte Brunnen sei bereits kurz nach dem Verschwinden abgesucht worden. Die Einsatzkräfte hatten Lampen in den Schacht gehängt, konnten aber in dem trüben Wasser nichts erkennen. Nach der Suchaktion wurde der Brunnen mit Brettern abgedeckt. Am Mittwochmorgen stiegen schließlich die eigens angeforderten Taucher in den Schacht.

Der Brunnen auf dem Schlossgelände muss seit langer Zeit außer Funktion gewesen sein. Weder der örtlichen Feuerwehr, dem technischen Hilfswerk noch der Gemeindeverwaltung ist er bekannt. Als im August die Wirtschaftsgebäude des Schlosses in Brand gerieten, entnahm die Feuerwehr das Löschwasser aus dem Wassergraben, der das Anwesen viereckig umschließt. Auch dort hatten nun Taucher nach dem verschwundenen Felix gesucht.

Das ganze Dorf half bei der Suche

Als gegen Mittag der schwarze Van eines örtlichen Bestatters den Leichnam des 14-Jährigen in die Münchner Rechtsmedizin zur Obduktion abtransportiert, stehen auch ein paar Nachbarn an der Landstraße. Sie sind geschockt von dem tragischen Ausgang, schließlich hatte sich fast das gesamte Dorf an der Suche beteiligt; pitschnass seien sie alle heimgekehrt, erzählt eine Nachbarin. Erasmus von Fürstenberg, der einzige SPD-Mann im tiefschwarzen Gemeinderat, ist beliebt im Ort. Jeden Donnerstag komme er auf paar Biere zum Stammtisch, erzählt die Wirtin der Pension Mama Leone, einer ziemlich abgerockten Gaststätte gleich gegenüber dem Schloss, wo man den Capuccino noch mit Sahne krönt. Auch Felix sei zwei Tage vor seinem Verschwinden hier gewesen und habe nach einem Schokoriegel gefragt.

Die Mutter des Jungen, Maria Anna von Fürstenberg, 41, wuchs in Weihenstephan auf. 1990 heiratete sie dort den damals 29-jährigen Karl-Alexander von Quistorp. 1992 wurde Felix geboren. Bis 2001 lebte die Familie in Stuttgart. Dann zog sie aus beruflichen Gründen nach Potsdam um. Doch schon nach einem Jahr wurde der Vater "wieder in die Spätzle-Metropole berufen", wie es in einer Familienchronik heißt. Offenbar aus schulischen Gründen behielten die Mutter und Felix und seine beiden Geschwister Alexandra, 15, und Philipp, 11, Potsdam als Hauptwohnsitz. Wenige Jahre später kam zu der räumlichen auch die tatsächliche Trennung der Eltern. Aus diesem Grund, sagt Polizei-Chef Schnitte, hatten psychologisch geschulte Beamte zunächst auch angenommen, der Junge sei von zuhause weg gelaufen. "Scheidungskinder", sagt Schnitte, "leiden häufig."

Nun untersucht die Staatsanwaltschaft Landshut den tragischen Tod des jungen Potsdamers. Noch ist der Vorgang Routine wie jeder Todesfall mit ungeklärter Ursache. Der Fall Felix von Quistorp trägt in diesem Register bereits die Nummer vier im neuen Jahr. Staatsanwalt Markus Brümmer sagt: "Wir müssen natürlich auch den genauen Todeszeitpunkt des Jungen ermitteln, ob es zu Versäumnissen bei der Suchaktion kam und ob wegen schlechter Sicherung des Brunnens dem Großvater als Eigentümer ein Vorwurf zu machen ist." Es gebe allerdings in einem solchen Falle, "in dem die Folgen eines Versäumnisses für den Schuldigen ohnehin schon sehr schlimm sind, die Möglichkeit, von Strafverfolgung abzusehen." Die Familie wird zurzeit von Notfallseelsorgern betreut.

Von:

Markus Götting und Georg Wedemeyer