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Mit Diktiergerät dokumentiert: Der Plan - verstörender Einblick in die Welt eines angehenden Serienkillers

Niemand kann genau sagen, was im Kopf eines Mörders vorgegangen ist. Es sei denn, er hat seine Gedanken vor der Tat auf Band gesprochen. 

Von Franziska Seiffert

Sebastian Fritsche im Gerichtssaal

Sebastian Fritsche versteckt sich im Gerichtssaal hinter einem Ordner. Er hat schön früh gelernt, sich unsichtbar zu machen.

Nichts hat er erreicht. Nirgends gehört er dazu. Niemand interessiert sich für ihn. Gescheitert sind alle Versuche, etwas aus sich und seinem Leben zu machen. Wut beginnt sich in ihm anzustauen.

Einige Jahre später staut sich Blut im Auffangbecken des Kühlschranks. Es läuft aus den Beuteln und suppt über den Boden. Der Kühlschrank ist vollgepackt mit menschlichem Fleisch.

Irgendwann dazwischen fangen die Fantasien an. Landet ein erster Name auf der Liste. Füllt sich nach und nach das Blatt. Um seine "Wut verarbeiten zu können", so wird er es später dem Gericht erklären.

Der Druck in ihm wächst. Er beginnt, sich Ziele zu setzen. Zaghafte Ideen zu entwickeln. Auf seiner To-do-Liste notiert er: "einen Mord begehen" und "jemanden vergewaltigen".

Seine Gedanken teilt er nur seinem Diktiergerät mit

Seine Gedanken teilt er nur seinem Diktiergerät mit, auf das er zu Hause spricht. Er versucht, langsam und deutlich zu reden, doch manchmal verhaspelt er sich. Immer wieder macht er Pausen, denkt nach und ergänzt das Gesprochene, so wie es die Leute machen, die in Filmen ein Diktiergerät benutzen. Es klingt, als würde er eine Szene, die langsam vor seinem inneren Auge entsteht, beschreiben. Immer weiter feilt er an ihr, immer tiefer geht er ins Detail. Er ergötzt sich an dem Film in seinem Kopf:

"Gayromeo, jemanden kennenlernen in Leipzig, einen Passiven, dann Komplettkörperrasur, Haare ab, Augenbrauen ab, beides künstlich dran. Und andere Klamotten, also Jeans, neue Schuhe, und ihn dann treffen in einem Café oder so oder direkt bei ihm zu Hause und dann zustechen und dann alles wieder, wie ihn waschen. Vorher noch rausfinden, wie schnell die äußeren Hautzellen absterben, und dann vorher abrubbeln, ja."

Er will ein einzigartiges Verbrechen begehen, den perfekten Mord. Tag für Tag werden seine Fantasien lebendiger und konkreter. Gedanken werden zu Bildern. Er träumt und lernt. Er liest die Geschichten von berühmten Serienmördern. Er durchforstet Fachliteratur, forscht im Internet über Tatortuntersuchungen, kriminaltechnische Methoden und lernt, wie man Spuren vernichtet. Niemand weiß, wie er seine Nachmittage verbringt. Immer wieder greift er zum Diktiergerät. Über Monate hinweg. Nach und nach entwickelt sich der Plan.

"Mord an einem Schwulen. Wozu ich einige Dinge besorgen muss, zum Beispiel Chlor, ich muss gucken, ob ich Handschuhe habe und Dinge, die ich anziehen kann, Kondome."

Alexander, Jan und Sebastian* leben in Leipzig. Die drei treffen sich häufig. Alexander und Jan kennen sich schon aus der Schulzeit. Sie sind ein ungleiches Paar. Jan ist ein Computernerd mit Tendenz zur Verwahrlosung. Alexander einer, auf den die Mädels stehen. Obwohl sie so verschieden sind, haben Jan und Alexander auch nach dem Abitur Kontakt gehalten.

Sie hängen zusammen wie ein dreiblättriges Kleeblatt

Bei der Ausbildung zum Physiotherapeuten hat Alexander dann Sebastian kennengelernt und ihn mit seinem alten Schulfreund bekannt gemacht. Auch Sebastian ist ein schüchterner, unscheinbarer Typ. Seither hängen sie zusammen wie ein dreiblättriges Kleeblatt. Von außen betrachtet wirkt das Trio sonderbar, aber die Freundschaft findet ohnehin meist hinter verschlossenen Türen statt. Am liebsten sitzen sie bei einem von ihnen in der Wohnung, spielen Computer, trinken ab und an ein Bier und diskutieren dann über den Sinn des Lebens.

So richtig zufrieden sind sie alle drei nicht mit ihrem Leben. Jeder für sich hat das Gefühl, zu Größerem berufen zu sein. Wie sinnlos doch die Schufterei ist, da ist man eingepfercht in eine 40-Stunden-Woche oder abhängig vom Sozialamt. Arbeit oder Arge, der Mensch als Sklave der Gesellschaft, so schwadronieren sie, und dann heben sie ab in höhere Sphären, bis sie irgendwann über das Wesen des Universums philosophieren.

Er schaut auch gern Filme. Meistens geht es ums Töten. Es fasziniert ihn, wenn jemand stirbt. Die Filme sind im Lauf der Zeit immer krasser geworden. Es fließt immer mehr Blut. Seine Helden sind nicht die Ermittler, sondern die Mörder. Sie inspirieren ihn.

"Dann werde ich ihn hier zu mir einladen, wir werden Sex haben, dann gehe ich mit ihm ins Bad und werde ihn dort töten, dann werde ich die Leiche zerteilen, je nachdem wie ich es schaffe, dass ich sie entsorgen kann." 

Allerdings werden die Mörder im Film meist geschnappt. Das stört ihn. Er will es besser machen. Er will die Fehler "ausmerzen". Er braucht zum Beispiel ein Opfer, das keiner mit ihm in Verbindung bringen kann.

"Einen Fakeaccount anmelden oder halt irgendeinen Account von mir anlegen und (…) dort jemanden kennenlernen (…). Er muss passiv sein, und er muss aus Leipzig kommen, und er muss mich besuchen können."

Im Trio ist Alexander die Lichtgestalt. Er ist 21 Jahre alt und kommt aus einer gut situierten Familie, wenngleich auch dort nicht immer alles stabil war. Der Vater ist schon lange ausgezogen. Seine Mutter ist dafür umso fürsorglicher. Sie ist Ärztin und gilt als sehr engagiert und warmherzig. Auch ihr Sohn hat auf den ersten Blick etwas Gewinnendes. Er ist intelligent und sieht gut aus, trägt gern Poloshirt und hat das Haar hochgegelt, ein Sohn aus gutem Hause. Er hat auch eine Freundin.

Ein ungleiches Trio: Alexander (von ihm liegt kein Foto vor), Jan und Sebastian (v. l. n. r.)

Ein ungleiches Trio: Alexander (von ihm liegt kein Foto vor), Jan und Sebastian (v. l. n. r.)

Charismatisch und eloquent ist er, manche nennen ihn aber auch manipulativ. Er ist ein Alphatier. Wenn er den Raum betritt, fällt er auf, und wenn er spricht, dann hört man zu. Manche finden, dass er etwas Herrisches hat. Es ist jedenfalls schon beim ersten Hinsehen klar, wer bei den drei Freunden das Sagen hat. Manche vermuten, er hat sich genau aus diesem Grund Jan und Sebastian als beste Freunde erkoren: damit er der Anführer sein kann.

Macht ist etwas Schönes. Schon seit einiger Zeit begeht er kleine Diebstähle, nicht um sich zu bereichern, sondern um dieses Gefühl zu genießen, dass einzig er weiß, wo die Sachen sind. Da stand zum Beispiel neulich ein Bekannter im Raum, konnte seinen Schlüsselbund einfach nicht mehr finden, und niemand wusste, wo er hingekommen war. Bis auf einen. Dieses Wissen verleiht ihm Macht. Wie dem Rumpelstilzchen, als es um das Feuer lief und rief: "Ach wie gut, dass niemand weiß …"

So soll es auch bei der großen Tat sein, die er jetzt plant. Niemand soll je wissen, dass er es war. Er muss es nur schlau genug anstellen.

"Muss ich praktisch auch direkt, nachdem ich alles vorbereitet habe, muss ich direkt nach dem Töten (…) das Blut entnehmen, ausbluten lassen und Chlor in die Wanne geben, beziehungsweise mach ich das nachher (…)."

Kann er seine Macht vielleicht noch steigern?

Kann er seine Macht vielleicht noch steigern? Bei seinen Recherchen hat er entdeckt, dass man Spuren nicht nur verwischen, sondern auch manipulieren kann, um den Verdacht auf einen Unbeteiligten zu lenken. Da kommt ihm die Idee. Was wäre das für ein erhabenes Gefühl, wenn jemand an seiner Stelle für die Tat büßen müsste und niemand weiß, dass er unschuldig ist? Keiner außer dem Unschuldigen und ihm selbst?

"Ich brauche eine Sprühflasche, weil ich dann Spuren (…) im Bad von (…) machen möchte. Spuren in Form, dass ich seine Wände einsprühe und dann wieder abwasche (…), Blutspuren. Vielleicht auch ’n bisschen vorher (…) verdünnen, wenn es eintrocknen sollte."

Er berauscht sich an den eigenen Fantasien: Ja, wie wäre es, nicht nur die Spuren eines Mords in der Wohnung eines anderen zu drapieren, sondern es auch noch so erscheinen zu lassen, als hätte der versucht, sie zu vertuschen!

Alexanders alter Schulfreund Jan wirkt auf andere so, als sei ihm alles egal. Es gibt nur eine Sache, der er sich wirklich hingibt: seinem Computer. Er spielt nicht nur am Rechner, er tüftelt auch, er weiß, wie man Daten im Netz manipuliert. So verbringt er seine Tage und Nächte.

Eigentlich ist Jan ein umgänglicher Mensch, der anderen gern hilft. Trotzdem bleibt er ihnen irgendwie fremd. Manche vermuten, dass er Autist ist. Aber jene, die ihn näher kennen, wissen auch von seiner anderen Seite. Er ist wütend auf die Gesellschaft und will sich dem System nicht beugen, dem Korsett, den vorgegebenen Strukturen.

Es gibt keine Strukturen in seinem Leben

Dabei gibt es genau genommen gar keine Strukturen in seinem Leben. Jan hat kaum noch Kontakt zu seiner Mutter. Ständig gab es Streit. Seinen Vater kennt er nicht. Er weiß nur, dass der Mann Vietnamese ist. Da war nie jemand, der ihn an die Hand nahm und ihm zeigte, wie man Dinge organisiert und sich Ziele setzt.

Das Abitur hat er gerade noch so geschafft. Er ist ja intelligent, aber die Schule hat ihn genervt. Und nun, mit 23, stolpert er einfach nur durchs Leben. Simple Dinge wie Putzen und Einkaufen überfordern ihn. Er hat keinen Job und keinen Plan, wann er eigentlich welchen Antrag beim Arbeitsamt abgeben muss. Seine Wohnung sieht aus wie eine Lagerhalle, weil Jan ungern Sachen wegschmeißt. Das Klo ist ausgetrocknet, die Duschwanne schmutzig. Manchmal liegen im Abfalleimer im Badezimmer Haarbüschel. Dann hat Jan sich wieder mal selbst eine Frisur verpasst.

Er achtet nicht auf sein Äußeres. Er hatte auch noch nie eine Freundin. Einige seiner Bekannten behaupten, er sei schwul, andere sagen, er sei bisexuell. Wieder andere, dass Sexualität in Jans Leben eh keine Rolle spiele. Seine Welt bestehe vor allem aus Programmieren und Zocken. Immerhin ist er in der Cosplay-Szene unterwegs und geht auf die Treffen, bei denen sich die Leute wie Mangafiguren verkleiden. Und er hat die tiefschürfenden Diskussionsrunden mit seinen besten Freunden Alexander und Sebastian.

Ja, sein Plan ist wirklich gut. Aber irgendwann merkt er, dass er selbst zu schwach ist. Sein Opfer sollte eigentlich niemand aus seinem Umfeld sein. Doch dafür müsste er einen Fremden ansprechen. So etwas hat er sich noch nie getraut. Was nun? Da kommt ihm jemand in den Sinn. Einer, den er bereits kennt. Jemand, der, wie er findet, das "geeignete Opfer" ist. Warum nicht der? Denn, mal ehrlich, niemand würde ihn wirklich vermissen.

So deutlich Alexander aus dem Trio heraussticht, so sehr ähneln sich die anderen beiden. Sebastian ist ein Außenseiter, genau wie Jan. Er hat zwar erste Erfahrungen mit Frauen gesammelt, aber so richtig war das nichts für ihn. Irgendwie kommt er mit Menschen nicht klar.

Als Kind war Sebastian immer das Opfer. Nie hatte er Freunde. Er stotterte und wurde gemobbt. Aber er übte sich darin, Dinge auszuhalten. Wehrte sich nicht, blieb emotionslos. Man könnte auch sagen: Sebastian lernte, sich unsichtbar zu machen. Ehemalige Mitschüler sagen, er sei irgendwann so unwichtig gewesen, dass sie ihn nicht einmal mehr gemobbt hätten.

Das Geld reichte - nur Liebe gab es für ihn keine

Zu seinen Eltern hatte Sebastian schon in der Kindheit keinen wirklichen Bezug. Von außen schien es eine gut funktionierende Familie zu sein. Es war nicht viel Geld da, aber es reichte. Nur Liebe gab es für ihn keine. Seine Mutter war Hausfrau und spielte lediglich eine Nebenrolle. Sie war halt da. Mehr nicht. Der Vater, ein Maurer, war der Herr im Hause. Er war ein Macher, dozierte aber auch häufig. Der Sohn schaute immer zu ihm auf. Das tut er bis heute. Er wäre gern "so stark" und "so klug" wie sein Vater, sagt er von sich. Der Vater hatte sich gewünscht, dass aus seinem Sohn etwas Besonderes wird. Aber der Junge war als Kind ein schmächtiger Stotterer, und nun als Erwachsener ist er ein schmächtiger Niemand. Als Sebastian einmal Geburtstag hatte, legte der Vater ihm eine Auflistung vor, auf der stand, wie viel der Junge ihn seit der Geburt schon gekostet hatte.

In seiner Wohnung in Leipzig taucht Sebastian in die virtuelle Welt ab. In der Anonymität kann er tun, was ihm sonst nicht gelingt. Auf Menschen zugehen, mit ihnen chatten und ihnen erzählen, was er Tolles macht, mag es stimmen oder nicht. In der realen Welt hingegen ist er regelrecht ein Fremdkörper. Er hat einfach kein Gespür für andere. Bei seiner Physiotherapeutenausbildung legt er manchmal den Patienten viel zu heiße Tücher auf den Rücken und merkt es erst, wenn sie sich wehren. Eine Patientin malträtiert er mit seinen Griffen so sehr, dass sie ihn bittet aufzuhören. Er macht weiter, weil es nun mal so im Lehrbuch steht.

Er spürt selbst, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt. Dass ihm das fehlt, was man Empathie nennt. Andere Menschen sind für ihn nur Touristen in seinem Leben. Er liest Selbsthilfebücher, sucht eine Diagnose. Er forscht nach einer Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu verändern. Er bezieht okkulte Methoden ein, Geisterbeschwörung zum Beispiel. Er ist auf der Suche nach sich selbst.

Der große Moment naht. Heute Nacht muss sie geschehen, die "Metamorphose". Alles hat er vorbereitet. Müllsäcke besorgt und Chlorreiniger Marke "DanKlorix". Ein spitzer Dolch steckt in der Hosentasche.

"Ergänzung: doppelt Laken auflegen, eventuell ein neues kaufen und Folie unterhalb legen, dass kein Schweiß durchdringt, dann sofort Laken und Bezug wechseln und ja Pinzette mitnehmen (…)."

Alexander mag der Anführer des Trios sein, aber Sebastian und Jan stehen einander näher als ihm. Zumindest so nahe, wie zwei derartige Persönlichkeiten die Nähe eines anderen Menschen ertragen können.

Jan ist für Sebastian erträglich. Klar, Jan ist ein Schnorrer, oft übernachtet er bei anderen, weil seine Wohnung einfach zu verschmutzt ist. Er lädt sich auch zum Essen ein, wenn er mal wieder einen leeren Kühlschrank hat. Das nervt Sebastian. Ständig muss er Jans schmutzige Wäsche waschen. Anderseits stellt Jan keine großen Ansprüche, man kann mit ihm hervorragend über abstrakte Dinge sinnieren, muss aber nicht über Gefühle oder über Persönliches sprechen. Er kommt Sebastian nicht zu nahe.

Das wiederum ist es auch, was Jan an Sebastian schätzt, abgesehen davon, dass dieser genauso ein Versager ist wie er selbst, keine eigenen Ziele hat und darum immer parat steht, wenn man ihn braucht: Er rückt einem nicht auf die Pelle. Gleichgültigkeit ist die Essenz ihrer Seelenverwandtschaft.

... dann knallt es auch mal zwischen den Beiden

Nur manchmal hat Sebastian diese Anwandlungen, dass er sich über Jans Unvermögen aufregen muss, als ob er sich selbst dadurch besser fühlen würde. Darauf wiederum reagiert Jan sehr allergisch. Dann knallt es auch mal.

So wie Anfang Oktober 2011. Da treffen sich die beiden mal wieder ohne Alexander. Der eine soll dem anderen helfen, seinen Lebenslauf zu schreiben. Danach wollen sie zusammen kochen. Sie haben sich ein kompliziertes Rezept ausgesucht, denn am nächsten Tag steht etwas Besonderes an, eine Feier.

Jan kümmert sich um das Karamellisieren. Er lässt den Topf so lange auf dem Herd stehen, bis die Masse darin hart und schwarz ist. Sebastian schimpft: Nichts bekomme Jan auf die Reihe. Der entgegnet, dass Sebastian doch keinen Deut besser sei. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch. Sie streiten darüber, wer der größere Verlierer ist.

Endlich ist es so weit, und es läuft bislang besser als geplant. Dass die Sache mit dem Lebenslauf dazugekommen ist, hätte er sich in seinem Drehbuch nicht besser ersinnen können: Der andere hofft, sein Schicksal in eine neue Bahn lenken zu können, und weiß nicht, dass seine letzten Minuten ablaufen. Sie sind dagesessen und haben auf einem Blatt Papier das Leben, das gleich enden wird, noch einmal Revue passieren lassen.

Danach hat es kein Zurück mehr gegeben.

Sie sind in die Küche gegangen. Dort musste er nur noch einen Streit provozieren. Das war leicht. Der andere sprang sofort darauf an.

Werkzeuge des Täters: Diktiergerät, Kondom, Gartenschere

Werkzeuge des Täters: Diktiergerät, Kondom, Gartenschere


Und nun stehen sie sich gegenüber. Er schubst den anderen. Der weiß nicht, wie ihm geschieht. Wehrt sich nicht. Auch nicht, als er ihm mit der Hantelstange auf den Kopf schlägt. Fragt nur: "Warum tust du das?"

Es werden seine letzten Worte sein.

Und da kommt auf einmal ein sonderbares Gefühl hoch: Enttäuschung. Er hat den anderen "für einen Denker und Philosophen" gehalten. Hätte der nicht wenigstens "etwas Wichtiges" sagen können zum Abschluss seines Lebens?

Weiter und weiter schlägt er auf ihn ein. Einen Menschen zu töten ist viel anstrengender, als er gedacht hat. Dann endlich ist sein Opfer bewusstlos. Er zerrt es ins Badezimmer. Und nun? Was hatte er noch mal auf sein Diktiergerät gesprochen?

"(…) und noch mal gucken, wegen der Anatomie vom Hals, dass ich die Gefäße auch treffe. Vielleicht ein paar Nerven mit, mal sehen (…)."

Er zückt den Dolch und sticht ihm damit in den Hals. Während das Blut aus der Halswunde auf den Badezimmerboden fließt, holt er eine Gartenschere und ein Messer mit Sägeschliff. Überall ist Blut. Eine Riesensauerei. Er ermahnt sich: "Du musst dich an den Plan halten." Er bugsiert den leblosen Körper in die Badewanne. Er hat sich das alles einfacher vorgestellt. Das Licht verändert sich. Es wirkt "gelblich", so wird er es später beschreiben. Er bekommt einen Tunnelblick. Er ist außer Atem. Er pumpt "wie ein Maikäfer". Auf einmal wird er wütend. Es erscheint ihm alles "dumm", "für den Arsch". Mindestens 22-mal sticht er seinem toten Opfer in den Rücken. Langsam wird er ruhiger.

Weiter im Plan.

Auf seiner Agenda steht: "Sex mit einer Leiche". Er entkleidet den Toten. Aber in ihm regt sich kein Verlangen, das sagt er zumindest später vor Gericht. Darum überspringt er diesen Punkt.

Der nächste Schritt steht an.

"Dann komme ich wieder, zerteile die Leiche und gehe dann nachts raus, entledige mich ihr (…)."

Das wird aufwendiger. Das Zerstückeln wird auch noch den ganzen folgenden Tag füllen. Er macht sich an die Arbeit.

Der tote Körper liegt nackt in der Wanne. Komischer Anblick. Der Penis stört ihn. Später wird er dazu sagen, er habe ihn "eklig gefunden". Er schneidet ihn ab, "um das Ding nicht mehr sehen zu müssen". Ihm wird "ein bisschen schlecht".

Dann trennt er die Gliedmaßen vom Rumpf. Beide Beine halbiert er in der Höhe des Knies, damit er sie besser transportieren kann. Auch der Oberkörper ist noch zu sperrig. Er teilt ihn unterhalb der Rippen.

"Ich sollte aber die Fingerspitzen und den Kopf irgendwie entsorgen, weil da Spuren, die man eventuell nachvollziehen kann."

Der Kopf kommt zum Schluss - er sägt ihn ab

Mit einem Messer schneidet er die Daumenglieder ab. Bei den restlichen Fingern geht es etwas leichter. Für sie verwendet er die Gartenschere. Der Kopf kommt zum Schluss. Er sägt ihn ab und entfernt Ohren und Nase. Jetzt greift er zur Zange und versucht die Zähne aus dem Kiefer zu brechen. Er schafft es nicht komplett. Egal, mit dem Kopf hat er eh etwas Spezielles vor.

"Ich werde ihn vermutlich irgendwo, ich werde ihn zertrümmern und im Wald vergraben müssen. In einer späteren Nacht. Oder mal sehen, wie ich es mache, wo kann man Fleisch entsorgen? Schwierig. Auf jeden Fall zertrümmern und entsorgen. Gut, ja."

Unter großer Anstrengung öffnet er das Brustbein. Mit bloßen Händen greift er rein und holt die Organe raus. Später wird er behaupten, das habe rein praktischen Nutzen gehabt. Der Körper wiege so viel, er habe ihn leichter machen wollen. Es folgt der nächste Punkt im Plan. Einer seiner größten Helden, der "Kannibale von Rothenburg", hat ihn dazu inspiriert,

"(…) nehme allerdings noch ein bisschen von der Wade mit, ein bisschen, weißt schon, ein bisschen Fleisch, um es zu braten (…)"

Er schneidet ein Stück aus dem Unterschenkel. Nachdem er es angebraten hat, isst er aber nur "einen halben Haps", weil es "geschmacklich nicht meinen Erwartungen" entspricht.

Nun verpackt er die Leichenteile in Mülltüten, legt sie in den Kühlschrank und kehrt zurück ins Bad. Das gleicht einem Schlachtfeld. Aber darauf ist er vorbereitet.

"Ergänzung: Ich brauche eine Säure oder eine Base, um das Blut (…) aus der Badewanne zu kriegen."

Auch die Leichenteile müssen noch entsorgt werden. Doch jetzt ist es dazu nicht an der Zeit. Er zieht sich um und macht sich frisch. Gleich ist es 18 Uhr. Er ist eingeladen.

Mit Alexander hat Sebastian schon immer eine Art Hassliebe verbunden. Er hat zu Alexander aufgeschaut, ihn bewundert für seine Eloquenz und sein Auftreten. Dafür, dass er so souverän ist und die Leute irgendwie Respekt vor ihm haben. Es hat ihm immer geschmeichelt, dass Alexander sich mit einem wie ihm abgibt.

Aber irgendwie hat an ihm auch das Gefühl genagt, dass Alexander in Wahrheit auf ihn herabschaut. Dass er nur deshalb mit ihm Zeit verbringt, weil er ihn kontrollieren kann, weil er die Fäden in der Hand halten will und die anderen daran zappeln lässt, wie es ihm gefällt. Auch wenn Sebastian noch nie gewusst hat, wer er ist: Eine Marionette wollte er auf keinen Fall sein.

Alexander steht immer wie der weiße Ritter da

Manchmal haben sich diese Gefühle dann auch entladen. Vor allem bei ihren Diskussionen: Alexander wollte recht haben und Sebastian nicht klein beigeben. Es ist dann nur noch ums Gewinnen gegangen. Und meist hat Alexander gewonnen. Er ist so wortgewandt. Irgendwie gelingt es ihm immer, gut auszuschauen.

Alexander gibt sich auch gern großzügig. Darum hat er sich bereit erklärt, in der eigenen Wohnung für einen seiner Freunde eine Geburtstagsparty zu schmeißen.

Alexander steht immer wie der weiße Ritter da. Auch das hat Sebastian schon oft genervt.

Eine Party! Das ist fast wie in den Filmen, aus denen er so viel gelernt hat.

"Als Inspiration diente (…) "Eine Leiche zum Dessert" und "Mord nach Plan" (...) oder die beiden halt, "Leopold und Loeb".

Sein Lieblingsfilm ist "Cocktail für eine Leiche". Zwei junge Männer ermorden darin ihren ehemaligen Klassenkameraden. Sie wollen beweisen, dass es möglich ist, den perfekten Mord zu begehen. Danach organisieren sie eine Party. Auch die Leiche ist anwesend. Sie haben sie in einer Truhe versteckt. Und niemand weiß davon.

Er selbst ist seinen Filmhelden sogar voraus. Er hat noch viel mehr vor, wovon niemand weiß: Einer ist tot, und bald muss der Falsche dafür ins Gefängnis. So sieht es der Plan vor.

"Derzeit kann ich noch Haare vom Opfer bei ihm hinlegen und Haare von (…) an der Leiche platzieren."

Auch Alexander ist daheim ausgezogen, obwohl er bei seiner Mutter eigentlich gut umsorgt war. Aber seine jetzige Wohnung bietet genug Platz für die kleine Feier, die er für seinen Kumpel ausrichtet. Es erscheinen ohnehin nicht viele Leute zu dessen Geburtstag.

Das, so sagt dieser Freund später vor Gericht, habe daran gelegen, dass er nun mal wenig Freunde habe, und "jetzt habe ich einen weniger".

Es ist gegen 22 Uhr, als das Geburtstagskind sich erschöpft verabschiedet.
Die Nacht zuvor ist hart gewesen.

In der Nacht, in der Sebastian 23 Jahre alt geworden ist, hat er seinen besten Freund ermordet und zerstückelt.

Er muss die Körperteile entsorgen. Immer wieder läuft er nachts zum nah gelegenen Elsterflutbecken. Schwer beladen mit einem Rucksack. Er watet in den Fluss und wirft die Leichenteile ab. Aber nicht die Müllsäcke, denn er hat von seiner Mutter gelernt, dass man Plastik nicht in die Natur schmeißt.

Als Nächstes müssen die Tatwerkzeuge weg und auch die Kleidungsstücke und persönlichen Gegenstände seines Opfers. Alles, bis auf den Hausschlüssel. Er geht zur Wohnung des Toten, leert dessen Briefkasten und nimmt den Computer mit. Es soll so aussehen, als ob der junge Mann Leipzig überstürzt verlassen hätte. Er hat extra einen fingierten Brief für den Ermordeten formuliert und legt ihn in dessen Wohnung ab. Darin teilt der Verfasser seinen Freunden mit, dass er es aufgegeben habe, sich irgendwo zu bewerben und zu arbeiten.

"Ich habe (…) keine Lust, Teil dieses Systems zu werden, das ich nicht mag. Deshalb habe ich mich mit einem Freund von außerhalb getroffen, bei dem ich vorläufig unterkomme. Er ist Mitglied in einer Gruppe mit sympathischen Ansichten und Vorstellungen und hat mit mir ein paar Ideen besprochen. Er kann mir da raushelfen. (…) Dafür muss ich allerdings sofort los mit ihm. Ich habe ein paar Klamotten, etwas zu essen und alles was man so braucht mitgenommen. Ich komm so bald es geht wieder und hol den Rest ab, wo ich eure Hilfe gebrauchen könnte, aber das klären wir wenn ich wieder da bin. Bis später." 

Auf der Geburtstagsfeier für Sebastian hat sich niemand gewundert, dass sein bester Freund Jan nicht da war. Er zieht sich immer mal wieder für Wochen zurück, geht nicht ans Handy, beantwortet keine Mails. Und da er oft bei anderen schläft, wundert sich auch keiner, dass er nicht aufmacht, wenn man bei ihm zu Hause klingelt.

Im Elsterflutbecken entdecken Spaziergänger die ersten Leichenteile. Die Polizei findet die restlichen. Nur den Kopf nicht.

Im Elsterflutbecken entdecken Spaziergänger die ersten Leichenteile. Die Polizei findet die restlichen. Nur den Kopf nicht.

Einen Monat ist er weg. Dann finden Anfang November Spaziergänger im Elsterflutbecken mehrere Leichenstücke. Die Polizei entdeckt bei der folgenden Suchaktion weitere Teile: zwei Arme, einen Torso, die Hüfte mit Gesäß und beide Oberschenkel. Es ist klar: Sie stammen von ein und derselben männlichen Person. Eine Isotopenanalyse ergibt, dass der Mann asiatischer Abstammung sein muss.
Sie suchen auch nach seinem Kopf.

Aber sie finden ihn nicht.

Er sitzt zu Hause und ist etwas irritiert. Er hat es endlich getan. Aber er hat sich nicht verwandelt. Seine Hoffnung, dass die ersehnte Metamorphose noch eintritt, schwindet. Sie wandelt sich in Angst. Denn er hat in der Zeitung gelesen, dass die Polizei die Leiche gefunden hat.

Er muss sich etwas einfallen lassen. Den Plan verfeinern. Er nimmt sein Diktiergerät und entwickelt beim Reden seine nächsten Schritte.

"Folgendes Szenario: Die Polizei hat die Leiche entdeckt, das bedeutet, dass sie eventuell Spuren daran finden kann, von mir. Das Problem bei der Sache ist jetzt, dass ich nicht ins Gefängnis will und deswegen fliehen muss."

Zwei Mädchen aus der Cosplay-Szene sorgen sich um Jan. Sie wollten mit ihm auf ein Festival fahren. Er geht nicht ans Telefon. Ja, er ist unzuverlässig, taucht oft ab, aber so lange? Da wurde doch dieser Tote gefunden. In der Presse stand, dass es sich um einen jungen Mann mit asiatischem Wurzeln handele. Ende November rufen sie bei der Hinweishotline der "Soko Elster" an. Kurz darauf ist das Opfer aus dem Fluss identifiziert: der 23-jährige Jan Dahlmann.

Er bricht in Panik aus, als er es liest: Sie wissen, wer der Tote ist. Und nun? Soll er tatsächlich einfach fliehen? Nein, das will er nicht. Noch nicht. Er muss seinen Plan weiter verfeinern. Durchziehen, was er eh schon vorhatte: den Verdacht auf den Dritten lenken.

"Ich werde ein Video machen, ein Video, in der ich Alexander der Mittäterschaft be…, sage, dass er Mittäter ist, und ihm sage, dass ich ein sehr krankes Schwein sei und dass er mich da reingezogen hat, da er mich kennt, da ich ja psychisch labil bin und, seitdem ich vergewaltigt wurde als Kind, keine Gefühle mehr empfinden kann, und (…) ich aber paranoid bin und weiß, dass er mich gleich treffen will und mich dort ebenfalls töten wird, da die Polizei Spuren von mir (…) bekommen hat. Und deswegen auf ihn zurückzuführen lässt. Und deswegen will er mich jetzt auch töten. Deswegen mach ich dieses Video, damit es doch noch rauskommt."

Ja, so könnte es gehen. Der Plan war ohnehin schon gut: mit der Sprühflasche Blutspuren des Opfers im Bad des Dritten hinterlassen, dann dessen Haare an der Leiche platzieren. Und nun ein reumütiges Bekennervideo. Die Polizei wird ihn selbst nicht mehr für den Täter halten, sondern nur für einen wehrlosen Mitläufer, der verführt wurde.

Die Ermittlungen laufen an. Alle Freunde und Bekannten des Toten werden befragt. Auch ein gewisser Sebastian Fritsche wird geladen. Er gilt als der beste Freund des Ermordeten. Vielleicht kann er einen Hinweis geben.

Jetzt hat die Polizei ihn sogar schon angeschrieben. Was kann er noch tun, damit er nicht überführt wird?

"Dann muss ich noch ein Messer nehmen, (…) am besten seins und dort mich schneiden und einen Fingerabdruck von ihm dort draufmachen."

Er geht einfach nicht auf die Wache

So müsste es klappen: Sein Kumpel ist nicht nur der Mörder, sondern hat auch ihn selbst mit einer Waffe bedroht und sogar verletzt.

Der Plan ist eigentlich perfekt.

Doch etwas ist noch mächtiger als jeder Plan: die eigenen Emotionen. Panik steigt in ihm auf. Die Polizisten wollen etwas von ihm, das ihm schwerer fällt als alles andere: Sie wollen mit ihm reden. Was, wenn er die Nerven verliert? Wenn er sich verplappert?

Er schafft es nicht.

Er geht einfach nicht auf die Wache.

Als der Zeuge Sebastian Fritsche nicht zu seinem Vernehmungstermin erscheint und die Ermittler ihn auch nirgends finden können, werden sie misstrauisch. Ist er ein weiteres Opfer? Oder auf der Flucht?

"Mein Plan für die Zukunft. Ich muss irgendwie abhauen und zu Freunden ziehen, dann dort erst mal an Geld kommen, in Form von Überfallen von Leuten. Bevorzugt Schwule, zu Hause überfallen und dort ausrauben (…)."

Ihm fällt sein Bekannter in Kassel ein, den er aus dem Internet kennt. Es ist einer, der nicht viel fragt und hilfsbereit ist.

Bei ihren Ermittlungen erfährt die Polizei von einer Verbindung nach Kassel. Beamte klingeln dort an der Wohnungstür eines Bekannten von Sebastian Fritsche. Doch der gibt sich ahnungslos, und es findet sich keine Spur von dem Gesuchten.

Er sitzt in einem Waldstück oberhalb von Kassel und friert. Fast hätten sie ihn gehabt. Aber als sie klingelten, war er schon durch ein Fenster abgehauen. Es ist Februar. Es ist arschkalt. Nur ein Schlafsack und ein paar warme Sachen schützen ihn. Weißbrot stillt den Hunger. Sonst hat er nichts dabei, nur sein Diktiergerät.

"Dann muss ich dafür sorgen, dass ich einen offiziellen Pass habe, indem ich jemanden, der mir ähnlich sieht, der nicht in der Nähe wohnt, ausraube, töte und seine Leiche komplett verschwinden lasse. Dann kann ich dort bei ihm eine Weile wohnen, und dann muss ich dafür sorgen, dass ich alles von ihm kündige und seine Identität annehme."

Wochenlang harrt er im Wald aus. Die Tage ziehen vorüber. Er wartet, bis es wieder ruhiger wird. Dann kehrt er in die Wohnung seines Bekannten zurück. Weitere Wochen verstreichen. Es wird April.

Wieder klingelt es an der Wohnungstür.

Diesmal haut er nicht mehr ab.

Er lässt sich widerstandslos festnehmen.

Die Ermittler erschaudern, als sie die Aufnahmen auf dem Diktiergerät abhören, das der festgenommene Sebastian Fritsche bei sich führte. Er hatte die Dateien zwar gelöscht, aber Techniker konnten sie rekonstruieren. Die Beamten staunen über die Kaltblütigkeit und Akribie, mit der er seinen Plan entworfen hat. Sie ahnen, wie viel Glück sie hatten, ihn mit seinem Diktiergerät zu schnappen, auf dem er Details aufgezeichnet hat, von denen nur der Mörder wissen kann. Sie fragen sich, was er wohl noch alles getan, wie viele Menschen er getötet hätte, wenn sie ihn nicht gefasst hätten.

Bekannte des Opfers legen Blumen am Elsterwehr ab. Sie haben ihren Freund zuerst nicht vermisst. Er hat sich ja immer mal wieder über Wochen zurückgezogen.

Bekannte des Opfers legen Blumen am Elsterwehr ab. Sie haben ihren Freund zuerst nicht vermisst. Er hat sich ja immer mal wieder über Wochen zurückgezogen.

Es war knapp. Sie hätten ihn womöglich nie als Tatverdächtigen ins Visier genommen, wenn er nicht vom Vernehmungstermin ferngeblieben und abgehauen wäre. Und sie hätten ihn ohne die Aufnahmen schwer überführen können. Denn die Kriminaltechniker haben tatsächlich weder an den Leichenteilen noch im Badezimmer Spuren gefunden, die darauf hinweisen, dass er der Mörder von Jan Dahlmann ist.

Aber jetzt sitzt Sebastian Fritsche blass und unsicher vor ihnen. Er stammelt oder schweigt. Er wirft ihnen nur immer mal wieder ein paar Brocken hin. Obwohl seine Aufnahmen ihn überführt haben, will er nicht gestehen. Er behält sein Wissen für sich. Er verrät nicht, wo der Kopf seines Opfers zu finden ist. Und auch nicht, wie viel er vom Rest seines Plans in die Tat umgesetzt hat.

Hat er tatsächlich falsche Spuren gelegt, um seinen anderen Freund zu belasten? Hat er Jans Blut in Alexanders Bad versprüht und Alexanders Haare an Jans Leiche platziert?

Diesen Fragen geht die Polizei nicht mehr nach. Da Alexander nicht als Tatverdächtiger gilt, werden weder seine DNA mit den gefundenen Spuren abgeglichen, noch wird seine Wohnung kriminaltechnisch untersucht. Auch das belastende Bekennervideo, das Sebastian Fritsche drehen wollte, wird nie gefunden.

Aber auch dieser Teil des Plans war erschreckend präzise, finden die Ermittler.

Der Plan war im wahrsten Wortsinne krank, finden Sebastian Fritsches Anwälte. Könnte ihr Mandant schuldunfähig sein? Sie bitten einen Kriminalpsychologen um seine Einschätzung. Die Anwälte sollen in seiner Vergangenheit nach kleineren Delikten suchen, empfiehlt der Psychologe. Er vermutet, dass der junge Mann immer mal wieder solche Taten begangen hat, um sich daran zu ergötzen. Man müsse sich Sebastian Fritsche wie das Rumpelstilzchen vorstellen, das sich im Märchen an seinem überlegenen Wissen berauscht und ruft: "Ach wie gut, dass niemand weiß …"

Kurz vor Prozessbeginn erreicht die Anwälte das Gutachten des Sachverständigen, den das Gericht bestellt hat. Es basiert nur auf den Akten, denn Fritsche hat sich geweigert, mit dem Psychiater zu sprechen.

Das Ergebnis überrascht sie: komplett schuldfähig.

Sie sind entsetzt. Den Alltag im Gefängnis würde ihr Mandant nicht überleben. Sie müssen das Gericht überzeugen: Sebastian Fritsche gehört in die Psychiatrie. Dazu müssten die Richter einen Eindruck von ihrem Mandanten gewinnen.

Doch der würde vor all den Menschen im Saal kein Wort herausbekommen. Und wenn er schweigt, wird das Gericht der Meinung des Sachverständigen folgen. Sie entschließen sich, das Gericht auf einem anderen Weg zu überzeugen.
Das erste Mal wird in einem deutschen Gerichtssaal eine Einlassung von einem Videoband abgespielt.

Diagnose: schwere schizoide Persönlichkeitsstörung

Drei Stunden später sind alle Anwesenden überzeugt. Der Sachverständige korrigiert sein Gutachten und diagnostiziert beim Angeklagten eine schwere schizoide Persönlichkeitsstörung. Im Dezember 2012 verurteilt das Gericht den Täter wegen Mordes in Tateinheit mit Störung der Totenruhe zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren. Es geht von einer verminderten Schuldfähigkeit aus und ordnet die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Der Verurteilte kommt erst wieder frei, wenn die Ärzte ihn für ungefährlich halten.

Man sieht nur seinen Oberkörper. Er trägt ein weißes T-Shirt, und er ist so unscheinbar, dass er sich kaum von der hellen Wand im Hintergrund abhebt. Er ist schmächtig und schüchtern. Ab und an stottert er.

Er ist nervös.

Er erzählt aus seinem Leben und lässt das Gericht an seiner Gedankenwelt teilhaben. In der dreistündigen Videoaufnahme durchleben seine Zuhörer die gesamte emotionale Bandbreite: von Mitgefühl bis Übelkeit. Er erklärt auch, was an dem Abend passiert ist, an dem sein Freund starb.

Irgendwann hört man die Stimme seines Anwalts im Hintergrund. Er will wissen, wie es sich für seinen Mandanten angefühlt hat, als sein Opfer dann tot war.

Sebastian blickt in die Kamera und sagt: "Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber er hat sich von der einen auf die andere Sekunde von meinem besten Freund in ein Stück Fleisch verwandelt, das ich entsorgen musste."

*Namen von der Redaktion geändert