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Wiederaufbau nach "Katrina": "Wir haben katastrophal versagt"

Ein Jahr nach der Katastrophe durch Hurrikan "Katrina" machen die Einwohner von New Orleans mehrere Stellen für die Zerstörungen und den schleppenden Wiederaufbau verantwortlich: Schuld sind demnach unter anderem die Katastrophenschutzbehörde, das Heer, die örtlichen Behörden und nicht zuletzt US-Präsident George W. Bush.

"Big Easy" hat sich auch nach einem Jahr noch immer nicht ganz von den Folgen von "Katrina" erholt. Das Pionierkorps des US-Heeres hat in einem Bericht bereits die Verantwortung für die Überflutung der Metropole New Orleans übernommen. Die Deiche hätten nachgegeben, weil sie unter Verwendung überholter Daten unzusammenhängend gebaut worden seien, hieß es darin. "Das ist das erste Mal, dass das Korps einräumen muss: Wir haben katastrophal versagt", sagte dessen Leiter Generalleutnant Carl Strock bei der Vorstellung des Reports Anfang Juni.

Scharfe Kritik an FEMA

"Katrina" beschädigte 270 Kilometer des 560 Kilometer langen Deichsystems, das New Orleans schützen soll. Den Behörden in Louisiana sei die Bedrohung durch Wirbelstürme bereits seit Jahrzehnten bekannt gewesen, schrieb das Homeland Security and Governmental Affairs Committee im Senat. Dennoch seien die Sicherheitsvorkehrungen nicht auf das notwendige Maß erhöht worden. Auch die FEMA sei auf ein so katastrophales Ereignis wie den Hurrikan "Katrina" nicht vorbereitet gewesen, kritisierte der Senatsausschuss.

Laut einem Bericht der Ermittlungsbehörde des US-Kongresses (GAO) verschleuderte die Katastrophenschutzbehörde zwischen 600 Millionen und 1,4 Milliarden Dollar an finanzieller Unterstützung für "Katrina"-Opfer. Einige Empfänger hätten mit dem Geld Champagner und Sex-Artikel gekauft, andere seien mit falschen Adressen und Sozialversicherungsnummern an die Unterstützung gekommen. Schwere Vorwürfe wurden auch gegen die Regierung in Washington erhoben. Der Stab von Bush war internen Aufzeichnungen zufolge schon Tage vorher über die massiven Bedrohungen durch "Katrina" informiert. Auf Videoaufzeichnungen ist zu sehen, wie Vertreter der FEMA eindringlich vor verheerenden Auswirkungen für die Golfküste warnen. Der damalige FEMA-Chef Michael Brown brachte gegenüber Bush und Heimatschutzminister Michael Chertoff die Befürchtung zum Ausdruck, es gebe möglicherweise nicht genügend Rettungskräfte, um den Flüchtlingen im Footballstadion Superdome in New Orleans zu helfen.

Jetzt, ein Jahr nach dem Wirbelsturm, komme der Wiederaufbau größtenteils trotz und nicht wegen der Regierung voran, kritisiert eine der ältesten Nachbarschaftsbewegungen der Stadt, die Broadmoor Improvement Association. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht heißt es, vielmehr nähmen Einzelpersonen das Schicksal der Stadt in die Hand. Zwtl: Fortschritte trotz und nicht wegen der Regierung Bush hatte versprochen, rasch alles Notwendige für den Wiederaufbau zu unternehmen. Umgesetzt wurde bislang nicht alles. So wurden unter anderem wichtige Entscheidungen über den Wiederaufbau und die Verbesserung des Deichsystems sowie Sozialleistungen für die Armen in einem "neuen" New Orleans verschoben. Für die Reparatur und Verbesserung des Deichsystems um die Stadt hat Washington seit "Katrina" rund sechs Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt.

30 Milliarden Dollar benötigt

Nach Einschätzung von Experten sind jedoch bis zu 30 Milliarden Dollar notwendig, um das Deichsystem so aufzurüsten, dass es auch Hurrikanen der Kategorie fünf standhält. Ein Hilfsprogramm für Louisiana im Umfang von 30 Milliarden Dollar lehnte die US-Regierung noch im Januar ab. Im Juni schließlich wurden dem Staat neun Milliarden Dollar für das "Road Home"-Programm zugesagt, das unter anderem Finanzhilfen für die Renovierung und den Wiederaufbau von Wohneigentum vorsieht.

Bis Mitte Oktober 2005 sollten alle 270.000 "Katrina"-Flüchtlinge aus Notunterkünften reguläre Wohnungen erhalten, hatte Bush im vergangenen Herbst weiter angekündigt. Seine Zusage hielt er ein, allerdings wurden die meisten Menschen in Hotelzimmer einquartiert, für die die FEMA die Kosten übernahm. Mehr als 100.000 Familien wurden behelfsweise in Wohncontainern untergebracht. Angekündigt hatte der US-Präsident auch, dass Evakuierte während der Arbeitssuche bei der Weiterbildung und der Kinderbetreuung unterstützt werden sollten - was jedoch nicht weiter verfolgt wurde, ebenso wie der Plan, Armen in New Orleans Baugrundstücke zur Verfügung zu stelle. Sie sollten entweder von den Betroffenen selbst oder durch spezielle Programme finanziert werden.

AP / AP
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