Winnenden Amoklauf - Ein Fall für das SEK


Amoklauf, Geiselnahmen, Terrorabwehr - wann immer es richtig gefährlich wird, ist Jens Schneider im Einsatz. Seit 17 Jahren ist er beim SEK. Über das Rambo-Klischee, das der Spezialeinheit anhaftet, kann der Elitepolizist nur müde lächeln.
Von Manuela Pfohl

Amoklauf in Winnenden. Der Bildschirm zeigt die Albertville-Realschule, Rettungswagen, Polizisten. Ein Reporter meldet, es habe bei einer Schießerei an der Schule vermutlich mehrere Tote gegeben, eine Mutter sagt schluchzend, sie habe Angst, dass ihre Tochter unter den Opfern ist. Jens Schneider* steht mit seinen Kollegen im Aufenthaltsraum eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) in Nordrhein-Westfalen vor dem Fernseher und spürt hautnah, was sich hunderte Kilometer entfernt von ihm gerade abspielt. Winnenden im März 2009, das ist für den 44-Jährigen auch Erinnerung an Emsdetten im November 2006.

Damals hatte ein schwer bewaffneter Amokläufer in einer Schule der nordrhein-westfälischen Kleinstadt wild um sich geschossen. Ein Fall für das SEK, auch für Jens Schneider und sein Team. "Als wir ankamen, war die Informationslage noch sehr unklar. Wir wussten, dass in der Schule geschossen wird. Ob es einen oder mehrere Täter gab, und um wen es sich dabei handelte, wussten wir nicht", erinnert sich Schneider. Aus einem der beiden Aufgänge im Gebäude quoll dichter Rauch. Die Beamten stürmten durch den freien Aufgang, während andere Kollegen über die Fassade in die Schule eindrangen. Scheiben klirrten, Kinder schrien. Kommandos hallten durch die Flure. "Ich sehe noch die Kinder vor mir, die mit Panik in den Augen zu fliehen versuchen. Manche waren verletzt, andere saßen irgendwo weinend am Boden. Eigentlich möchte man sie in den Arm nehmen, aber das ist natürlich völlig unmöglich", sagt Schneider. "In so einer Situation geht es nur darum, den Täter so schnell wie möglich zu finden und zu isolieren, damit nicht noch mehr passiert. Gefühle müssen da völlig ignoriert werden."

Tausendmal hatten die Polizisten "Amok-Lagen" trainiert. Der Einsatz lief ab, wie ein Programm: Strategie und Ratio als Handlungsbasis. Und dann lag er irgendwann da, der Amokläufer, gerade mal 18 Jahre alt, das halbe Gesicht weggeschossen, um den Körper trug er einen Gürtel mit Sprengstoffbomben, die Augen blickten totenstarr ins Leere. 37 Menschen hatte der ehemalige Schüler durch Schüsse verletzt, ehe er sich selbst richtete. Und Schneider stand vor der Leiche und fragte sich, was im Kopf des Jungen vorgegangen sein mag. Strategie und Ratio wichen der Ratlosigkeit, so wie jetzt, als der SEK-Mann die Bilder aus Winnenden sieht. Mit 15 erschossenen Opfern und einem toten Amokläufer, 17 Jahre alt.

Keine Chance für Rambos

"Da ist kein Gefühl des Hasses. Da ist einfach nur Fassungslosigkeit", sagt er, schiebt seinen Kaffeebecher in kleinen Kreisen über den Tisch und schaut aus dem Fenster. Seit 1992 ist Schneider beim SEK. Teil eines nach außen streng abgeschirmten Mikrokosmos innerhalb der Polizei, einer Elitetruppe, die immer nur dann für die Öffentlichkeit sichtbar wird, wenn es eine extreme Bedrohungslage gibt. Supermänner offenbar, die in Sturmmaske und schwarzer Kampfmontur an Häuserwänden hochklettern, über Dächer jagen und sich mit scheinbar finsterer Kaltblütigkeit jeder Gefahr stellen. Über das weit verbreitete Klischee vom coolen Rambo, der mit der Knarre in der Hand sein Macho-Ego auslebt, kann der SEK-Mann nur müde lächeln. "So einer käme bei uns nicht mal durch die erste Prüfung fürs Auswahlverfahren", sagt er.

Schneider ist das Anti-Klischee. Ein Allerweltstyp, der im braven hellblauen Hemd und abgewetzten Jeans dasitzt. Er hat eine Frau, drei Kinder, ein kleines Häuschen und einen Garten. Er spielt mit seinen Jungs am Wochenende Fußball, engagiert sich als Elternvertreter in der Schule und liest gern Bücher zu historischen Themen. Er kennt ein paar wirklich gute Grillrezepte und wenn er im Sommer mit den Nachbarn ein Feierabendbier trinkt, kommt keiner auf den Gedanken, dass der Mann einer von denen ist, die morgens zum Dienst gehen und nicht wissen, ob sie abends noch leben. Es darf auch keiner wissen. Schneider führt ein Doppelleben, von dem nur die engsten Familienangehörigen eine Ahnung haben. Eine Dienstvorschrift, die die Beamten schützen soll. Vor Typen beispielsweise, die im Internet ein Kopfgeld auf die Namen und Adressen von SEK-Beamten versprechen.

"Ein beschissenes Gefühl"

Schneider hat gelernt mit der Schizophrenie, die sein Job ihm aufzwingt, umzugehen. So wie mit einem lästigen, aber notwendigen Übel. Wird er nach seinem Dienst, 60 Kilometer vom Wohnort entfernt, gefragt, erklärt er: "Ich verwalte Kriminalität." Das klingt nach Schreibtisch und staubigen Akten und erstickt meist jede Neugier. Nur manchmal, wenn er von einem besonders harten Einsatz zurückkommt und die Jungs im Sportverein oder der superschlaue Nachbar mal wieder ganz genau wissen, worum es geht und wie es richtig hätte laufen müssen, steigt der Ärger in ihm hoch.

"Soll ich ihnen sagen, was für ein beschissenes Gefühl es ist, auf einen Menschen zu zielen, wie nervzerfetzend es ist, nicht zu wissen, ob hinter der nächsten Tür eine Sprengfalle ist oder ein zu allem entschlossener Killer, wie nachhaltig mich der Schrei eines zu Tode verängstigten Kindes verfolgt, wie es ist, nachts nicht schlafen zu können, weil mich die Bilder eines blutigen Einsatzes nicht mehr loslassen?" Soll er seinen Job einfach hinschmeißen und wieder zurück in den "normalen" Streifendienst gehen, wie in der Zeit vor dem SEK? "Ich hab drüber nachgedacht", sagt Schneider. "Aber es ist keine wirkliche Option. Ich mache meine Arbeit gerne, mit allem was dazu gehört."

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Taschengeld für die "Supermänner"

Dazu gehört auch, dass die SEK-Beamten in NRW trotz unregelmäßiger Dienstzeiten und oft überlanger Einsätze keinen Schichtzuschlag bekommen. Dass sie die Spritkosten für die langen Wege zur Dienststelle aus der eigenen Tasche bezahlen müssen. Dazu gehört, dass sie dasselbe Gehalt wie ein normaler Polizist des gleichen Dienstranges bekommen. Dass ihnen für ihren lebensgefährlichen Job lediglich eine Erschwerniszulage von lächerlichen 153 Euro zugebilligt wird, bei der allerdings die Zusatzversicherung gegen gerechnet werden muss, die alle SEK-Beamten auf eigene Kosten abzuschließen verpflichtet sind - wegen des erhöhten Gefährdungspotentials. Dazu gehört auch, dass SEK-Männer bis maximal zum 50. Lebensjahr ihren Job machen dürfen und danach zur "Rückverwendung" ausgeschrieben sind, was so viel heißt, wie da weitermachen, wo man als Polizist vor dem SEK-Einsatz stand.

Dutzende SEK-Stellen seien inzwischen unbesetzt, sagt Schneider. Der Elitetruppe fehle der Nachwuchs. Die Aussicht, unter diesen Bedingungen für ein Taschengeld sein Leben zu riskieren, scheint wenige junge Polizisten zu begeistern. "Die Politik muss endlich reagieren, die erhöhten Anforderungen, denen SEK-Beamte ausgesetzt sind, wahrnehmen und ihre in Sonntagsreden so gern zitierte Wertschätzung in der Praxis beweisen, sonst wird sie irgendwann keine guten Leute mehr für den Job bekommen."

Null-Bock auf Autoritäten

Schneiders Triebfeder ist eine andere, wesentlich idealistischere: Der Reiz, Verantwortung zu übernehmen, sich jeden Tag neu auf das Leben und seine Abgründe einstellen zu müssen und manchmal tatsächlich auch etwas zum Guten zu wenden, sei es wert, persönliche Nachteile hinzunehmen. "Meine Frau und ich wussten ja auch, worauf wir uns einlassen", meint er, dreht wieder imaginäre Kreise mit seinem Kaffeebecher auf dem Tisch und schüttelt dann den Kopf. "Naja, vielleicht nicht in allen Einzelheiten."

Als Helden, der die Welt retten will, hat sich Jens Schneider nie gesehen. Zur Polizei kam er eher durch Zufall. "Ich wollte ursprünglich Lehrer werden, traf dann aber in der Oberstufe auf einen Pauker, der mir nicht nur den Berufswunsch gründlich vermieste." Mit seinem Null-Bock auf Schule und dem Aufstand gegen sämtliche Autoritäten schmiss der jugendliche Verweigerer kurz vor dem Abi alles hin und entschied sich, erst einmal gar nichts zu machen. "Nach einem halben Jahr stellte mein Vater mich vor die Wahl: Banklehre oder über einen Bekannten bei der Bundeswehr anheuern. Doch die Alternative zwischen Schlips und Befehlsgewalt war wenig verlockend für mich gefrusteten 19-Jährigen." Über einen Kumpel kam er schließlich zur Polizei. "Das fand ich gut. Ich konnte selber entscheiden, mit Menschen arbeiten, etwas tun, was ich wirklich für sinnvoll hielt. Ich sah mich irgendwo zwischen Freund und Helfer und total straightem Verteidiger des Rechts."

Zwischen Gorleben und Amok

Ganz ohne innere Widerstände blieb das allerdings nicht. "Ich war im Laufe der Jahre bei einigen Demonstrationen wie zum Beispiel gegen die Startbahn West oder die Atommülltransporte in Gorleben im Einsatz, ebenso bei Lohn-Streiks, bei denen ich mich manchmal gefragt habe, ob ich die richtige Position vertrete." Konflikte mit dem Dienstauftrag, die Schneider inzwischen nicht mehr hat. Die Fronten zwischen Recht und Unrecht seien in seinem Berufsalltag als SEK-Beamter meist klarer. "Ein Amokläufer ist ein Amokläufer und fertig!" Unabhängig von den berechtigten Debatten, zu den Ursachen mancher Taten, ginge es im Moment der konkreten Gefahr nur noch darum, das Ganze so schnell wie möglich zu beenden - auch mit der Konsequenz des Todes für den Angreifer. Genau so hat er es auch seinen Kindern erklärt, als er am Abend nach Hause kam und sie ihn nach dem Massaker in Winnenden fragten. Er will ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, sie stark machen für das, was sie erwartet im Leben.

Ein paar graue Haare mehr

In den vergangenen Tagen hat er auf den Fahrten zum Dienst immer wieder über die Zukunft der Kinder nachgedacht. Darüber, was sich ändern müsste, politisch und gesellschaftlich und ganz praktisch. Er selbst müsste mehr Zeit für seine Jungs haben, die Lehrer an den Schulen müssten mehr Möglichkeiten bekommen, sich intensiver mit problematischen Schülern zu beschäftigen, damit sie Warnsignale wahrnehmen und rechtzeitig reagieren können. Es müsste mehr Geld geben für schulische und für soziale Projekte, für Kinder, die drohen auf die schiefe Bahn zu geraten oder ins emotionale Abseits. "Aber wahrscheinlich wird sich nicht Grundlegendes ändern", fürchtet Schneider.

Irgendwann wird es in der Dienststelle wieder einen Alarm geben. Sein Team und er werden ausrücken, die schwarzen Kampfmonturen anziehen, die Visiere der Helme herunterklappen, mit der Waffe in der Hand in den Einsatz gehen und hoffen, dass sie die Lage schnell in Griff bekommen. Es wird ein paar dramatische Fernsehbilder geben, die Menschen werden nach dem Warum einer schrecklichen Tat fragen, sein Nachbar wird ihm erklären, welche Fehler die SEK-Leute gemacht haben und Jens Schneider wird an den Schläfen ein paar graue Haare mehr haben.

*Name geändert


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