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stern-Kolumne Winnemuth Totholz für Angeber


Darf man Bücher wegwerfen? Unbedingt! Auch wenn man sie liebt. Denn kein Sonntag wird so verregnet sein, dass man sie ein zweites Mal liest.
Von Meike Winnemuth

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht an die Kolumne der letzten Woche erinnern, in der es um Socken ging und um Unterwäscheschubladen, genauer: um das Aufräumen und Ausmisten derselben. Ich bin gerade in einer ausgesprochen radikalen Wegwerfphase, deshalb wird es diese Woche noch einen Zacken intimer: Bücher. Haltstopp, ich bin ja nicht verrückt und benutze "Bücher" und "wegwerfen" in einem Satz, eher würde ich "Robbenbabys" und "erschlagen" verwenden. Also sagen wir es zarter: Bücher "entsorgen". Sich von Büchern "trennen". Die Frage: Darf man das? Und wenn ja: Wie macht man das so, dass man sich selbst und allen anderen noch in die Augen gucken kann?

Meinem Eindruck nach wäre diese Frage noch vor fünf Jahren ganz anders beantwortet worden: Natürlich wirft man keine Bücher weg, die sind schließlich ein Kulturgut, zudem Teil der eigenen geistig/moralisch/ästhetischen Autobiografie, genauso gut könnte man sich den kleinen Zeh absäbeln. Inzwischen höre ich von vielen, die seit Jahrzehnten ihre Bücher ausschließlich bei Umzügen in die Hand nehmen und dazwischen nie, so ein leises Murren: "Ballast" … grummelgrummel … "Staubfänger" … grummel … "demnächst lieber gleich als E-Book kaufen". Man fängt vorsichtig an auszusortieren – vielleicht bei Jugoslawien-Reiseführern und Steuerratgebern aus dem späten 20. Jahrhundert – und gibt dann angesichts der immer noch verbliebenen Eiger-Nordwand aus Totholz ermattet auf.

Glorifiziertes Altpapier

Bei allem, was jetzt kommt, muss ich vorausschicken: Ich schreibe Bücher, ich lese Bücher, ich liebe Bücher. Ich fasse sie gern an, ich rieche sie gern, ich schätze sie als störrische analoge Gegengifte zum digitalen Leben. Aber zunehmend wird mir klar: Ich lebe auf einer Müllhalde inmitten von glorifiziertem Altpapier. Selbst wenn ich ein Buch super finde, werde ich es mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal lesen, es gibt ja so viele andere – warum sollte ich es also aufbewahren? Würde man mich nach meinen zehn Lieblingsbüchern fragen, käme ich auf gerade mal eines, das ich tatsächlich zweimal gelesen habe. Selbst "Ulysses" und "Moby Dick": einmal und nie wieder. Trotzdem stehen sie seit 35 Jahren in meinem Regal, zerfleddert, mit Post-it-Notes und Bleistiftstrichen, Angeberstücke seit Studententagen. Wozu? Wem will ich was beweisen? Und lese ich nicht in Wahrheit öfter Klatschzeitschriften in Zahnarztwartezimmern (natürlich nur da! Wo sonst!) als Thomas Mann in der Badewanne? Wenn es also um Lesefrequenz geht: Wieso steht nicht "Gala" in meinem Regal, sondern Kafka? Als 3-D-Tapete? Reliquie? Statussymbol? Nichts davon hat er verdient. Oh, und all die rauschhaft gekauften Bücher, die man irgendwann mal lesen wollte! Wenn man so steinalt ist wie ich, weiß man: Kein Sonntag kann je so verregnet sein, dass dieses Irgendwann ein Jetzt wird.

Hauptsache, weg

Also weg damit, endlich weg! In meiner neuen kleinen Wohnung habe ich fünf Regalbretter à 78 Zentimeter. Ein Brett geht derzeit für Hundeerziehungsbücher drauf – bestimmt nicht für die Ewigkeit, nicht mal bei meinem Hund. Die restlichen 312 Zentimeter werden ständig neu vergeben: ein Buch rein, eins raus. Verschenken, verkaufen, spenden – Hauptsache, weg.

Ein paar Bücher bleiben allerdings ewig im Handgepäck, "Bildnis einer Dame", "Stolz und Vorurteil" und, verdammt noch mal, auch "Moby Dick". Aus Gründen. Jeder hat so Gründe. Jeder braucht diese kleinen Klötze am Bein, selbst dort angeknotet und liebevollst durchs Leben geschleppt. Wer ich bin, wer ich war, wer ich gern sein möchte: Das sehe ich so mit einem Blick. Und alles davon ändert sich so oft wie die Bücher in meinem Regal.

Die Kolumne

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