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stern-Kolumne Winnemuth Wahre Lügen


Der Mensch hat ein erstaunliches Talent zum Betrügen, Täuschen, Verschleiern. Unbestechlich schien bislang nur die Technik - aber auch der sollte man heutzutage lieber nicht mehr trauen.
Von Meike Winnemuth

Wie jeder Journalist bin ich ein großer Fan der Lüge. Gut, möglicherweise sollte ich anders anfangen: Wie jeder Journalist bin ich ein großer Fan des menschlichen Talents zum Lügen, Betrügen, Tricksen, Täuschen und Verschleiern. Die Lüge ist ja nicht nur Grundlage der Zivilisation (Evolutionsbiologen sagen: ein Zeichen von Intelligenz und Kreativität und deshalb entscheidend für das Überleben), sondern auch Basis aller guten Geschichten. Ich schätze mal, 90 Prozent der Weltliteratur handeln von Lügen und Selbstlügen, die auch aus edlen Motiven geschehen können – aus Liebe, aus Barmherzigkeit, zur Rettung anderer.

Und auch im Alltag ist die Lüge meist eine prima Sache: soziales Gleitmittel, Konfliktverhinderer, Erträglichmacher. Laut Nietzsche, dem ollen Realisten, ist die Lüge "so sehr die Regel und das Gesetz, dass fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte". In der Tat ein großes Rätsel.

Die Beruhigungspillen des Alltags

Bislang war die Lüge - sieht man von einigen cleveren Schimpansen und manipulativen Katzen ab - eine Domäne des Menschen, dieser leicht verbeulten Krone der Schöpfung. Worauf man sich dagegen immer verlassen konnte: Technik. Computer. Unbestechliche Schaltkreise. Das scheint nun vorbei zu sein. In den nächsten Jahren, weissagen die Digitalgurus, wird es immer mehr Maschinen geben, die uns zu unserem eigenen Besten behumsen: Bekannt sind ja bereits die sogenannten Placebo-Buttons in Fahrstühlen und an Fußgängerampeln, die Tasten für "Türen schließen" oder "Signal kommt". Fast immer haben diese Knöpfe nur eine Funktion: Blitzableiter für nervöse Energie zu sein und Benutzern ein Gefühl von Kontrolle zu suggerieren. Ähnlich verhält es sich mit Download-Balken im Computer, die angeblich den Fortschritt eines Down- oder Uploads anzeigen, aber nicht das Geringste mit der tatsächlich noch verbleibenden Zeit zu tun haben (wie jeder weiß, der mal eine Viertelstunde lang auf die Anzeige "Weniger als eine Minute" gestarrt hat).

Solche Placebofunktionen sind Beruhigungspillen für unsere unvollkommene Spezies, die stets nur den eigenen Nutzen, nie den der Gemeinschaft im Blick hat. Bei Fußgängerampeln zum Beispiel funktionieren die Knöpfe nur nachts, tagsüber würde es zu einem wüsten Chaos in den Innenstädten führen, wenn jeder Passant in die Verkehrsführung eingreifen könnte. Hat man aber so einen Knopf erst mal gedrückt, bleibt man meist auch stehen, bis die Ampel - unbeeindruckt von der Drückerei - irgendwann sowieso auf Grün springt. Ergebnis: bravere Fußgänger, weniger Unfälle. Da geht so ein bisschen benevolenter Betrug doch in Ordnung.

Das alte Lügentier Mensch

Mensch schlägt Computer Oder doch nicht? Je schlauer die Maschinen werden und je mehr sie die Steuerung komplexer Zusammenhänge übernehmen, die kein Mensch mehr überblicken kann, desto ausgefeilter werden auch die Ablenkungs- und Beschwichtigungsmanöver, die uns über unseren Kontrollverlust hinwegtäuschen - wenn da nicht das gute alte Lügentier Mensch wäre, das bislang noch jede Maschine ausgehebelt hat. Ich trug zum Beispiel bis vor Kurzem ein Fitnessarmband, das meine körperliche Aktivität in ominösen, frei erfundenen "Fuel"-Einheiten maß. Mein Tagesziel waren 3000 Fuel. Wenn ich abends auf dem Sofa merkte, dass mir noch ein paar Hundert Einheiten fehlten, wedelte ich einfach so lange mit dem Arm, bis die 3000 voll waren, die andere Hand entspannt in der Chipstüte. Bingo. Im Lügen bin ich immer noch besser als jedes Gerät.

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