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stern-Kolumne Winnemuth: Warum ähneln unsere Wohnungen immer mehr Hotels?

Unsere Wohnungen sehen immer mehr aus wie Hotelzimmer. Und im Hotel? Da sollen wir uns bitte wie zu Hause fühlen. Was wollen wir denn nun?

Von Meike Winnemuth

Immer mehr Wohnungen übernehmen Einrichtungselemente aus Bars, Cafés und Hotels

Immer mehr Wohnungen übernehmen Einrichtungselemente aus Bars, Cafés und Hotels

Ein Freund, der für ein paar Wochen meine kleine Wohnung nutzte, sagte hinterher: "Ich habe mich unheimlich wohl gefühlt, deine Wohnung ist ja wie ein Hotelzimmer." Er meinte es offensichtlich als Kompliment, aber seitdem geht mir der Vergleich nicht mehr aus dem Kopf. Was bedeutet das? Ist meine Wohnung so unpersönlich? Langweilig? Austauschbar?

Tatsächlich habe ich beim Ausbauen und Einrichten all das übernommen, was ich an Hotels immer schon liebte. Es gibt eine begehbare Dusche, einen Handtuchwärmer, schwere lichtdichte und schallschluckende Vorhänge, exakt eine Farbe (grau), exakt eine Holzart (Fifties-Palisander), ein wirklich fantastisches Bett mit weißer Bettwäsche und die dicksten weißen Handtücher, die sich finden ließen. Angeblich schläft man in weißer Bettwäsche besser als in bunter, las ich neulich, und zwar genau aufgrund der Hotelzimmer-Assoziation: Hier ist der Ort, wo du dich entspannen kannst, wo für dich gesorgt wird, wo die Bettwäsche täglich gewechselt wird und die Handtücher auch, sofern dir die Umwelt egal ist und du sie auf den Boden wirfst, du Ökoschwein. Gut, das mit dem Bettwäsche- Wechseln und Handtuch-Aufheben muss ich leider immer noch selbst erledigen, die Minibar füllt sich ebenfalls nicht von allein (auf den 38 Quadratmetern war kein Platz mehr für ein Zimmermädchen), doch ansonsten ist aus der Wohnung genau das geworden, was ich wollte: ein Ort zum Heimkommen, aber auch zum schnellen und schmerzlosen Verlassen. Startrampe und Landeplatz in einem.

Der Vorleser am Bettrand

Allein bin ich mit diesem Wohngeschmack anscheinend nicht. Seit einiger Zeit beobachte ich, dass sich Privatwohnungen immer mehr öffentlichen Orten wie Hotels und Cafés annähern - und umgekehrt. In immer mehr Wohnungen finden sich Espressomaschinenmonster wie aus einer norditalienischen Bar, Frühstückstresen wie aus einem amerikanischen Diner, Bäder groß wie Saunalandschaften, Sofas breit wie Lobby-Mobiliar, Boxspring-Betten wie aus einem englischen Grandhotel, Zeitschriftenständer wie im Zahnarztwartezimmer.

Umgekehrt gibt es kaum noch eine Café- Kette ohne Sofas, gemütliche Ohrensessel und funzelige Stehlampen, kaum noch ein Hotel, das einem nicht auf Wunsch eine Wärmflasche kocht oder zumindest eine kleine Bücherauswahl aufs Zimmer gestellt hat. In einigen Häusern kann man sich die hoteleigene Katze aufs Zimmer mitnehmen, und ich hörte von einem Gutenachtgeschichten-Vorleser für Erwachsene, der sich bei Bedarf auf den Bettrand hockt. Mit anderen Worten: Man soll sich hier wie zu Hause fühlen, während man sich zu Hause immer mehr wie im Hotel oder Restaurant fühlen will.

Warum sich das Drinnen und das Draußen so sehr annähern, warum man es da draußen so gern kuschelig haben will und hier drinnen gewerbemäßig, dafür habe ich ehrlich gesagt noch keine Theorie. Dass man sich im öffentlichen Bereich häuslich einrichtet, ist ja ein altes Phänomen – manche Büros sehen mit ihren Topfpflanzen, Kinderfotos und Bonbonschälchen wie Zweitwohnsitze aus. Dass man aber den privaten Rückzugsraum mit der Effizienz und Professionalität des Gastgewerbes ausstattet, dass sich Drei-Sterne-Kochmesser und Milchschäumer inzwischen in nahezu jeder Küchenschublade finden und ergonomische Supersitzmaschinen im Homeoffice, das spricht für ein Bedürfnis nach Funktionalität im Privatleben, das vielleicht nicht das allergesündeste ist. Wir wollen so gern Profis sein in allem - sogar im Wohnen.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien in der vergangenen Woche, Heft Nr. 49.

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