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stern-Kolumne Winnemuth: Typisch deutsch

Soso, wir sind also sentimental und gefühlskalt zugleich. Die Urteile der anderen erfüllen uns mit wohligem Schauer – wir sind Identitäts-Masochisten. Aber warum nur?

Von Meike Winnemuth

Der Deutsche an sich liebt Gartenzwerge - sagt man. Also stellen wir sie uns fleißig in die spießigen Vorgärten

Der Deutsche an sich liebt Gartenzwerge - sagt man. Also stellen wir sie uns fleißig in die spießigen Vorgärten

Es gibt kaum ein Volk auf der Welt, das so obsessiv daran interessiert ist, was andere von ihm halten, wie die Deutschen. Das gilt im "Was werden bloß die Nachbarn denken"-Kleinen wie im Großen: Fast jedes Buch, das ein ehemaliger Korrespondent oder Botschafter nach einigen Jahren Deutschlandaufenthalt darüber schreibt, was typisch deutsch ist, wird sofort zum Bestseller.

Wenn einer uns erzählt, wie wir so sind – oder wie die so sind, diese imaginären "Die Deutschen" –, werden wir augenblicklich zu 13-jährigen Mädchen in der großen Pause: Was hat er über mich gesagt? Wie findet er mich? Nett? Doof? Sag schon! Dabei ist es ganz egal, wie abwegig oder überholt die Meinung ist – im Gegenteil, je mehr fossiliertes Klischee, desto besser.

Seit Wochen hält sich beispielsweise ein 70 Jahre altes Büchlein in den Top Ten der Bestsellerlisten, "Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944", ein Armee-Brevier für den richtigen Umgang mit diesem "merkwürdigen Volk".

Darin geht es um das Aussehen der Deutschen ("groß, fleischig und hellhaarig"), ihre kulinarischen Spitzenleistungen ("köstlich ist die Leberwurst") und wie man am besten mit ihnen spricht, nämlich möglichst streng: "Der deutsche Zivilist ist daran gewöhnt und erwartet nichts anderes." Doch Vorsicht: "Die Deutschen haben ihre Gefühle nicht gut im Griff. Sie weisen einen hysterischen Charakterzug auf. Sie werden feststellen, dass Deutsche häufig bereits in Wut geraten, wenn auch nur die geringste Kleinigkeit danebengeht."

"Welcome to the German Century"

Tja, und Sie werden feststellen, dass Deutsche Identitäts-Masochisten sind, die gern und mit wohligem Schauer lesen, für wie sentimental und zugleich gefühlskalt man sie hält. Wenn die anderen allerdings ganz unvermutet etwas Nettes denken, ist die Fassungslosigkeit meist groß.

Als vergangenes Jahr eine BBC-Umfrage unter 26.000 Befragten in 25 Nationen ergab, dass Deutschland das beliebteste Land der Welt sei, noch vor Kanada und Großbritannien, mochte es keiner glauben. Als nach dem Gewinn der diesjährigen Fußball-WM alle Welt Lobeshymnen über Deutschland sang und "Newsweek" sich sogar zu einer Coverstory mit dem Titel "Welcome to the German Century" hinreißen ließ, rieb man sich hierzulande ebenfalls die Augen.

VW-Käfer und Bierseidel

Kann das sein, sind wir wirklich so doll mit unserem German Way of Elternzeit, Mittelstand, Umweltbewusstsein und Problemlösungskapazität („Spot a problem. Analyze it. Solve it“)? Nee, oder? Selbstverständlich fließt die Ungläubigkeit, mit der in die neuerdings überall aufgestellten Spiegel geschaut wird, gleich in die nächste Analyse über das typisch Deutsche ein. Wieso sind wir nur so misstrauisch, so minderwertkomplexig, so miesepetrig, dass wir uns nicht mal über Anerkennung freuen können?

Vergangene Woche wurde nun im British Museum in London eine große Ausstellung über Deutschland eröffnet, und wieder hat man das im deutschen Feuilleton fast ergriffen zur Kenntnis genommen. Das British Museum! Über uns! Ja, Wahnsinn! Die Idee ist, 600 Jahre deutscher Geschichte anhand aussagekräftiger Gegenstände zu erzählen. Als da wären: der Goethe von Tischbein, ein VW-Käfer, Dürers Rhinozeros aus Meißener Porzellan, ein Bauhaus-Möbel, ein Bierseidel, Holzplastiken von Tilman Riemenschneider, ein Gartenzwerg in Schwarz-Rot-Gold, ein Stück Berliner Mauer. All dieses totgekochte bürgerliche Gerümpel, das sind also wir. Wir Deutschen. Dass wir es so verdammt gern haben, dass man an uns etwas typisch deutsch findet – das ist vermutlich das Typischste und Deutscheste an uns.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien in der vergangenen Woche, Heft Nr. 44.

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