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Foodwatch-Kampagne: Käfig-Eier im Gourmet-Kuchen

Passend zu Ostern startet die Organisation "Foodwatch" eine Ei-Kampagne: Sie fordert Lebensmittelhersteller dazu auf, über die Herkunft von Eiern und Haltungsbedingungen von Hennen zu informieren, wenn ihre Produkte Ei enthalten. Im Visier der Verbraucherschützer: ein Kuchen von Bahlsen.

Von Claudia Wüstenhagen

Ob sie ausgeblasen und bemalt am Osterstrauch baumeln, in Eierbechern geköpft oder in Kuchenteige geschlagen werden: Wenn es um Eier geht, greifen die Deutschen immer häufiger zu Produkten aus Boden-, Freiland- oder Ökohaltung. Nach Angaben der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft (ZMP) kauften Verbraucher im vergangenen Jahr 61 Prozent aller Eier aus diesen alternativen Haltungsformen. Trotzdem stammen die meisten in Deutschland erzeugten Eier noch immer aus Legebatterien: Gut zwei Drittel aller Hennen leben in Käfigen, wie das Statistische Bundesamts gerade mitteilte.

Das liegt daran, dass viele Eier gar nicht direkt von Kunden gekauft werden, um in privaten Pfannen oder Kuchenformen zu landen. Etwa die Hälfte geht an die Lebensmittelindustrie, die tonnenweise Eier in ihre Fertigkuchen, Nudeln und anderen Produkte mischt. Und die stammen häufig aus Käfighaltung. Ob das der Fall ist, erfahren Verbraucher in der Regel allerdings nicht. Denn die Hersteller müssen keine Hinweise zur Haltung auf ihre Produkte drucken. Nach Ansicht der Verbraucherschutzorganisation "Foodwatch" ist das ein Misstand, auf den sie mit ihrer neuen "abgespeist"-Kampagne aufmerksam machen will.

Im Visier: ein Gourmet-Kuchen

Im Zentrum der Protestaktion steht ein Kuchen: der Gourmet-Genießerkuchen Mohn-Marzipan von Bahlsen. Wie bei all ihren Kampagnen fordert Foodwatch: "Es muss draufstehen, was drin ist." Beim Gourmet-Kuchen ist das ihrer Ansicht nach nicht der Fall. "Bahlsen wirbt mit einem Qualitätsversprechen, doch das Etikett unterschlägt etwas sehr Wichtiges: nämlich die Herkunft der Eier", sagt Anne Markwardt von Foodwatch. Aus welcher Haltungsform die Eier stammen, würden die Kunden daher nicht erfahren. Nach Foodwatch-Informationen sind es Käfig-Eier. Eine entsprechende Nachfrage von stern.de beantwortete das Unternehmen jedoch nur mit dem Hinweis: " Wir versichern Ihnen, dass wir ausschließlich mit Lieferanten zusammenarbeiten, die alle gesetzlichen Vorgaben des Tierschutzes einhalten". Näheres wollte Bahlsen zur Haltungsform nicht sagen.

"Jemand, der so vollmundig seine erlesenen Zutaten und Premium-Qualität bewirbt, muss auch transparent darüber informieren, welche Zutaten enthalten sind, und da gehört die Herkunft der Eier aus unserer Sicht dazu", sagt Markwardt. Kunden sollten über ihre Kaufentscheidung Einfluss nehmen können, meint Foodwatch. Wer lose Eier kauft, hat dazu die Möglichkeit. Sie sind je nach Haltungsform mit einer Nummer gekennzeichnet. "Unserer Meinung nach muss das auch für verarbeitete Produkte gelten, die Ei enthalten", sagt Markwardt.

Verbraucher legen Wert auf Tierschutz

Tatsächlich scheint es vielen Käufern wichtig zu sein, etwas über Tierhaltung zu erfahren. Die EU-Kommission hat ermittelt, dass 62 Prozent der Europäer ihre Kaufgewohnheiten ändern würden, um tierschutzfreundliche Erzeugnisse zu erwerben. 74 Prozent glauben, Einfluss auf den Tierschutz nehmen zu können, indem sie bestimmte Produkte kaufen oder nicht. Eine große Mehrheit wünscht sich deutlichere Angaben über gute Tierschutzstandards auf Lebensmitteletiketten.

Zu dem Vorwurf von Foodwatch, die Herkunft der Eier zu unterschlagen und somit die Wahlmöglichkeit der Verbraucher einzuschränken, erklärt das Unternehmen: "Für uns stehen die gesundheitlichen und qualitativen Interessen unserer Konsumenten im Vordergrund. Deswegen verwenden wir nur qualitativ hochwertige Zutaten und ausschließlich Eier der Güteklasse A. Sämtliche Rohstoffe unterstehen einer strengen und kontinuierlichen Qualitätskontrolle."

Streitfrage Hühnerhaltung

Ohnehin ist die Frage, welche Hühnerhaltung am ehesten den Tierschutz gewährleistet, durchaus strittig. Zwar entschied das Bundesverfassungsgericht 1999, dass die herkömmliche Käfighaltung, bei der einem Huhn nur die Fläche eines DIN-A4-Blattes zur Verfügung steht, nicht tiergerecht sei. Allerdings gibt es Studien, die auch auf die Freiland- und Bodenhaltung kein gutes Licht werfen. Demnach gebe es unter Tieren in solch großen Gruppen häufiger Rangkämpfe und Kannibalismus, mehr Erkrankungen und Todesfälle. Auch Bahlsen verweist in seiner Antwort auf eine solche Studie.

"Dennoch entsprechen alternative Haltungsformen eher dem Tierschutzgedanken, weil sie artgemäßes Verhalten ermöglich", sagt Michael Marahrens, Tierarzt und Wissenschaftler am Institut für Tierschutz und Tierhaltung des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) in Celle. Käfighühner seien in ihrem ganzen Verhalten eingeschränkt. "Sie können nicht einmal im Sand baden oder mit den Flügeln schlagen", sagt Marahrens. Viele würden sich an den Gitterstäben verletzen. Verbesserung soll eine neue Art der Kleingruppenhaltung in größeren Käfigen bringen, die die herkömmlichen Drahtverhaue im kommenden Jahr ablösen. Denn die sind ab 2009 verboten.

Gesünder im Käfig?

In seiner Erklärung verweist Bahlsen auch darauf, dass bei der Freilandhaltung für die Hennen das Risiko bestünde, sich mit Krankheiten wild lebender Vögel zu infizieren. Deshalb müssten Freilandhühner in der Regel häufiger mit Medikamenten geimpft werden als Hennen aus Käfighaltung. "Daraus ergibt sich für uns, dass Eier aus überdachten Ställen für unsere Produkte am sichersten sind und wir somit auch im Sinne unserer Konsumenten handeln", heißt es in dem Schreiben.

Die Gefahr durch Wildvögel sei zwar nicht von der Hand zu weisen, sagt FLI-Forscher Marahrens, müsse jedoch hinterfragt werden. Im Fall der Vogelgrippe bestehe die größere Gefahr eher darin, dass die Infektion durch Personen oder Zukäufe von Tieren von Betrieb zu Betrieb verbreitet werde. Auch bei Salmonellen hält er das Risiko einer Infektion durch Wildvögel für relativ gering. "Wenn eine Taube Kot in den Auslauf fallen lässt, ist die Dosis meist zu niedrig", sagt Marahrens. Das Risiko einer Salmonelleninfektion sei bei Hühnern aus Käfighaltung sogar tendenziell höher. In Boden- und Freilandhaltung seien die Hühner zwar einer Vielzahl von Erregern ausgesetzt, ihr Immunsystem aber auch besser trainiert. Viele Erreger würden sich zudem gegenseitig neutralisieren. "Bei der Käfighaltung gibt es eine solche gegenseitige Kontrolle verschiedener Infektionsträger nicht. Dringt also dort tatsächlich ein Erreger ein, kann er sich viel schneller ausbreiten, weil Käfighühner dafür nicht gewappnet sind", sagt Marahrens.

Doch diese Aspekte sind bei der aktuellen Foodwatch-Kampagne nachrangig. Welche Haltungsform die Beste ist, will die Organisation nicht bewerten, sondern die Entscheidung den Konsumenten überlassen - und daher für eine bessere Wahlfreiheit kämpfen. "Unser Fokus liegt auf den Verbraucherrechten", betont Anne Markwardt. "Aus Verbrauchersicht müsste auf den Kuchen draufstehen 'Eier aus Käfighaltung'. Das wäre eine ehrliche Kennzeichnung, und Verbraucher wüssten, was sie kaufen."