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Einleitung: Von den Geheimnissen des Universums

Es hat einen Anfang, aber kein Ende. Seit dem Urknall vor 13,5 Milliarden Jahren dehnt sich das All aus, gebiert dabei immer neue Feuerbälle, birgt rätselhafte Energien.

Von Horst Güntheroth

Mensch heißt auf Griechisch "Anthropos": derjenige - so die alten Hellenen -, der nach oben schaut. Staunend. Fragend. Zu den Sternen. Sie leuchten vom nächtlichen Firmament und fordern des Zweibeiners neugierigen Geist heraus - seit Anbeginn seiner Existenz.

Wer in dunkler, wolkenloser Nacht das Schauspiel der funkelnden Himmelslichter auf sich wirken lässt, ist ergriffen von der majestätischen Kulisse. Und manch einer schaudert angesichts der eigenen Nichtigkeit. Ahnt, dass er eingebunden ist in etwas Gigantisches, in einen unfassbaren Kosmos, eine geheimnisvolle Ordnung. Für unsere Ahnen war der Himmel die Sphäre vollkommener Harmonie, der Wohnort der Götter.

Dem Wissenschaftler öffnet sich nachts ein Fenster ins All - eine Einladung, Antworten auf die großen Fragen der Menschheit zu finden. Die Astronomie ist die älteste aller Naturwissenschaften. Seit Jahrtausenden wird sie betrieben, war ein Motor für menschliche Kultur und Zivilisation. Doch erst seit wenigen Jahrzehnten gelingt es Forschern, ein umfassendes Bild vom Kosmos zu entwerfen.

Mit immer besseren Teleskopen, mit Hilfe von Satelliten und Sonden sind Astrophysiker inzwischen tief ins All vorgedrungen. Sie haben unser Sonnensystem mit seinen neun Planeten ausgekundschaftet und das Meer aus Raum und Zeit jenseits unserer kosmischen Heimat. Dabei spürten die Wissenschaftler Milliarden und Abermilliarden Sterne auf und erkannten: Es sind allesamt Sonnen, ähnlich der unseren. Glutbälle, in deren Innern Wasserstoff zu Helium verschmilzt und dabei enorme Strahlung freisetzt.

Der Raum zwischen den Sternen ist zum größten Teil leer. Und unvorstellbar riesig. Die Distanzen im All sind so enorm, dass Astronomen sie in Lichtjahren messen. Ein Lichtjahr ist die Entfernung, die ein Lichtstrahl in einem Jahr zurücklegt. Der Abstand zwischen Sonne und Erde beträgt nur einen winzigen Bruchteil davon, hierfür braucht das Licht lediglich acht Minuten. Schon die nächsten Sterne sind mehrere Lichtjahre von unserer Sonne entfernt.

All die Himmelslichter verteilen sich nicht gleichmäßig im Raum, sondern konzentrieren sich zu gewaltigen Galaxien. Eine davon ist unsere Milchstraße - allein sie besteht aus 100 Milliarden Sternen. Die Galaxien wiederum formieren sich zu noch größeren Strukturen, die Astronomen Haufen und Superhaufen nennen (siehe Poster). Dabei sind die Archipele im All in ständiger Dynamik. Sterne sterben, neue werden geboren. Und seit dem Urknall, mit dem - so die Theorie der Astrophysiker - vor 13,5 Milliarden Jahren die Geschichte des Universums begann, fliegt alles auseinander. Immer weiter, bis in alle Ewigkeit.

Angesichts solch gewaltiger Kräfte und Dimensionen erreicht die menschliche Vorstellungskraft ihre Grenzen, auch die der Wissenschaftler. Zugleich gelingt es ihnen, dem Universum ständig Neues zu entlocken. Explosionsartig wächst das Wissen moderner Astrophysik. Und beinahe jede Erkenntnis wirft neue Fra-gen auf. "Je mehr wir vom Kosmos entdecken, desto weniger verstehen wir", sagt der Münchner Astrophysiker Professor Harald Lesch.

Was Wissenschaftler bis heute über das All herausgefunden haben, fesselt die Menschen. Wissbegierig strömen sie zu Vorträgen in Schulen, Volkshochschulen und Universitäten. Schulklassen und Familien pilgern in die Planetarien, um sich die Wunder von Raum und Zeit vor Augen führen zu lassen. Eineinhalb Millionen Besucher zählten die deutschen Sternentheater allein im vergangenen Jahr. Das Geschäft mit den Kosmos-Büchern boomt. Die höchste Auflage erreichte dabei ein Werk des englischen Physikers Stephen Hawking: "Eine kurze Geschichte der Zeit" wurde weltweit von 25 Millionen Menschen gekauft - obwohl die Abhandlung über moderne astrophysikalische Theorien nicht leicht zu verstehen ist. Hierzulande stand das Buch 90 Wochen hintereinander auf der Bestsellerliste.

Ob Laie oder Forscher - des Menschen Erkenntnisdrang ist so groß, weil er Antworten auf die letzten Fragen sucht. Vor allem will er Klarheit über die eigene Existenz. Seit fast 500 Jahren weiß er: Er ist nicht das Zentrum der Welt. Nur ein Wesen auf einem kleinen Planeten namens Erde, der um einen ganz normalen Stern kreist. Und der wiederum ist, wie Astronomen später herausfanden, nur einer unter vielen der Milchstraße, dreht sich dort um deren Mittelpunkt. Homo sapiens ist eine kosmische Randfigur.

Aber welche Bedeutung hat er darüber hinaus im Gesamtgefüge? Ist er zumindest ein Unikat? Oder nur Massenware? Ist die Erde die einzig belebte Oase im Universum? Oder nur eine von vielen? Und leben womöglich irgendwo Wesen, die uns weit überlegen sind? Noch kennt kein Forscher die Antworten. Doch mit einer neuen, enorm leistungsstarken Generation von Teleskopen werden Wissenschaftler sie vermutlich bald geben können. Wir stehen vor einem revolutionären Umbruch in unserem Weltbild.

Von dieser Woche an wird der stern, der seinen Namen den funkelnden Himmelslichtern verdankt, seinen Lesern den Kosmos vorstellen. Die sechsteilige Serie "Abenteuer Weltall" erzählt von der Entdeckung der Gestirne durch unsere Vorfahren, erklärt die neuesten Erkenntnisse von Planetenforschern und Kosmologen, stellt die kühnsten Raumfahrtprojekte vor. Zum Auftakt berichten wir von der "Macht der Sterne". Millionen Menschen versprechen sich von der Astrologie, der Deutung himmlischer Phänomene, Aufklärung über ihr Wesen und Schicksal, ähnlich wie vor Jahrhunderten, als Astrologie und Astronomie noch eins waren.

Die Serie ist verbunden mit einem Projekt, das nicht nur unseren Lesern die Faszination des Weltalls näher bringen will. Die "Lange Nacht der Sterne" heißt die Aktion, am 18. September wird sie stattfinden. Eine Veranstaltung der Superlative: 165 Planetarien, Sternwarten, wissenschaftliche Institute, Museen und Vereine in Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligen sich. Unterstützt wird das Projekt von Mercedes-Benz, Kooperationspartner sind die Europäische Weltraumagentur ESA, die Europäische Südsternwarte ESO, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR und die Vereinigung der Sternfreunde e.V. VdS. Die Schirmherrschaft hat Edelgard Bulmahn übernommen, die Bundesministerin für Bildung und Forschung.

Während der "Langen Nacht der Sterne" werden die beteiligten Institutionen vom Abend bis in die frühen Morgenstunden eigene Programme anbieten - für Kinder wie Erwachsene. Es gibt Vorträge und Shows, Beobachtungen durch Teleskope und Filmvorführungen, Sonderausstellungen und Open-Air-Partys. Eine Liste sämtlicher Veranstaltungen ist ab sofort im Internet unter www. lange-nacht-der-sterne. de zu finden. Der stern veröffentlicht die Termine am Donnerstag vor der Aktion (Nr. 39, erscheint am 16. September). Wenn das Interesse so groß wird, wie der stern und seine Partner es erwarten, soll die "Lange Nacht der Sterne" in den kommenden Jahren zu einer festen Institution im gesamten deutschsprachigen Raum werden.

Für manchen wird der Planetariumsbesuch auch deshalb ein besonderes Erlebnis werden, weil er die Pracht des sternenfunkelnden Himmels kaum mehr kennt. Seit Thomas Alva Edison im Jahre 1879 die Glühbirne mit Kohlefaden erfand, schwindet mehr und mehr die Nacht, wird es zunehmend heller auf dem Globus. Heute erleuchten Straßenlaternen, Autoscheinwerfer, Leuchtreklamen, Flutlichtanlagen und Disco-Laserbeamer die Finsternis. Immer seltener zeigt sich die volle Pracht der Milchstraße mit ihren rund 6000 sichtbaren Sonnen.

Vor fünf Jahren haben die Vereinten Nationen den Sternenhimmel als schützenswertes Kulturgut eingestuft. Und immerhin haben sich inzwischen in einigen Ländern Initiativen gegen die hellen Nächte formiert. So fordert in Deutschland die Fachgruppe Dark Sky in der Vereinigung der Sternfreunde Politiker und Behörden auf, endlich zum Schutz unseres Himmels aktiv zu werden. Vorbild: Tschechien. Dort wurde das weltweit erste Landesgesetz gegen zu viel Licht erlassen, nun kontrollieren die Behörden, ob Laternen und Leuchtreklamen nicht nach oben strahlen. Wer gegen die Auflagen verstößt, muss bis zu 4800 Euro zahlen.

Sollte das tschechische Beispiel Schule machen, haben wir gute Chancen, in Zukunft wieder klarer zu sehen. Dann können wir wieder aufblicken zu dem, was uns Bescheidenheit lehren sollte: zu den Sternen der Milchstraße, unserer Heimat im All. Und in die grenzenlosen Weiten des Universums.

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