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Krebsprävention: "Gesunde Ernährung allein bringt's nicht"

"Wer viel Obst und Gemüse isst, hat ein geringeres Risiko für Krebs" - mit diesem Slogan wirbt schon seit Jahren die Kampagne "5 am Tag". Neue Ergebnisse der Krebsforschung ziehen diese griffige Formel in Zweifel.

"Es gibt Krankheiten, die nur durch richtige Ernährung geheilt werden können" - diese gut 2400 Jahre alte Feststellung des griechischen Arztes Hippokrates sorgt abgewandelt aktuell für Wirbel: Seit dem Jahr 2000 wirbt die Obst- und Gemüsewirtschaft gemeinsam mit Gesundheitsorganisationen wie der Deutschen Krebsgesellschaft dafür, fünf Mal täglich Obst und Gemüse zu verzehren, um so Krankheiten vorzubeugen. Neue Ergebnisse der Krebsforschung nähren Zweifel an Angaben der Kampagne "5 am Tag".

"Neue Studien belegen, dass die Aussage nicht haltbar ist, Obst und Gemüse schütze generell vor Krebs", sagt der Leiter der Abteilung Prävention bei der Krebsgesellschaft in Frankfurt, Volker Beck. So hatte zum Beispiel eine Untersuchung der Ernährungsgewohnheiten von fast 326.000 Frauen aus zehn europäischen Ländern ergeben, dass "ein hoher Obst- und Gemüseverzehr keinen Einfluss auf das Eierstockkrebsrisiko" hat. Nach Bekanntwerden dieser so genannten Epic-Studie befand die Krebsgesellschaft bereits im vergangenen Herbst: "Die Bedeutung des Verzehrs von Obst und Gemüse für die Krebsvermeidung scheint überschätzt."

Wirkung bei einigen Krebsarten nicht nachweisbar

Der Frankfurter Ernährungsmediziner Prof. Jürgen Stein betont: "Krebs ist nicht Krebs." Bei einigen Krebsarten wie Darm- oder Brustkrebs gebe es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Ernährung und Ausbruch der Krankheit, bei anderen lasse sich das nicht nachweisen.

Nach Auffassung des Stuttgarter Ernährungswissenschaftlers Prof. Hans Konrad Biesalski wurde die Kampagne "5 am Tag", die Ende der 90er Jahre aus den USA nach Deutschland schwappte, bisweilen "ein bisschen einseitig" geführt. "Viel Gemüse und Obst am Tag ist durchaus gesund", sagt der Forscher. Weitgehend einig ist sich die Fachwelt, dass Äpfel, Bananen, Broccoli und Co. das Immunsystem stärken, Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen und Übergewicht vermeiden helfen.

Daher werde sich die Krebsgesellschaft trotz der neuen Forschungsergebnisse auch nicht aus der Ernährungskampagne zurückziehen, heißt es in Frankfurt. "Wir werden die Aktionen von "5 am Tag" weiterhin kritisch begleiten", sagt Präventionsleiter Beck. Allerdings sollen zusätzlich verstärkt Ernährungstipps für Menschen erarbeitet werden, die bereits an Krebs erkrankt sind - jedes Jahr kommen nach Zahlen des Robert Koch-Instituts fast 400.000 neue hinzu.

Kampagne wirbt unverdrossen

Im Rahmen eines europaweiten Nutrition Day" ("Ernährungstag") in Krankenhäusern am 19. Januar will die Krebsgesellschaft ihre neue Strategie erläutern. Ernährungsexperte Biesalski, der auch Sprecher der "Kommission Ernährung und Krebs" der Krebsgesellschaft ist, versichert: "Die Deutsche Krebsgesellschaft verabschiedet sich nicht aus der Prävention - aber gesunde Ernährung allein bringt's nicht."

500.000 Euro stehen den Machern von "5 am Tag" nach Angaben von Vereinsvorstand Helmuth Huss pro Jahr zur Verfügung - finanziert von der Obst- und Gemüsewirtschaft. Ein Beirat aus acht Wissenschaftlern - Krebs- und Ernährungsforscher - entscheidet, was mit dem Geld gemacht wird. "Wir sehen keinen Anlass, die Kampagne einzustellen, nur weil bei bestimmten Krebsarten keine Erfolge nachweisbar sind", betont Huss, der als Ministerialrat im rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsministerium tätig ist. "Wir haben auch nie etwas gesagt wie "Bananen gegen Brustkrebs"."

Trotz der Debatte wirbt die Kampagne, die von einer illustren Schar aus dem Bananenverkäufer Dole über den Handelskonzern Rewe, diverse Krankenkassen und die Messe Berlin bis hin zum Abnehmclub Weight Watchers getragen wird, im Internet unverdrossen: "Zahlreiche Studien aus aller Welt zeigten: Wer viel Obst und Gemüse isst, hat ein geringeres Risiko für Krebs."

Jörn Bender/DPA / DPA
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