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2000 Jahre nach Varusschlacht: Selbstversuch in Römer-Rüstung

Wie wandert es sich in einer 30 Kilogramm schweren Rrüstung durch die Wälder Deutschlands? Ein Selbstversuch entlang des Schicksalweges der Varus-Schlacht zeigt: Das Leben der römischen Legionäre war beschwerlich.

Schwertschwingende Germanen waren es wohl vor allem, die Roms Legionen vor zwei Jahrtausenden das Leben schwer gemacht haben. Wer heute im Selbstversuch in die exakt rekonstruierte Rüstung eines römischen Legionärs steigt, um dem damaligen Lebensgefühl nachzuspüren, ist mit Erfahrungen ganz anderer Art konfrontiert. Der grimmig blickende Dackel an der Leine der wackeren Wanderin, der die blechklappernden Gestalten aus längst vergangenen Tagen anknurrt, gehört dabei zu den amüsanteren "Marschverzögerungen". Und wohin bitte mit dem Handy, denn die Tunika hat keine Taschen?

Zehn Kilometer durch Feld, Wald und Wiesen nördlich der Lippe nahe Haltern in Nordrhein-Westfalen sollte es als Teilstück des Schicksalsweges gehen, den die knapp 20.000 Soldaten des Varus im Sommer des Jahres neun nach Christi Geburt in ihren blutigen Untergang marschiert sind. Schon das Anlegen der Armierungen - unter den Augen Dutzender neugieriger Besucher des Römermuseums in Haltern - erfordert ungeahntes Geschick. Auf den Weg schickt Museumschef Rudolf Asskamp glücklicherweise den "miles expeditus", den Legionär mit Marscherleichterung, der sein Bündel mit zusätzlich 20-Kilogramm-Gepäck dieses Mal nicht auf dem eigenen Rücken tragen muss. "Insgesamt lag die Tages-Marschleistung einer Legion bei etwa 18 Kilometern und notfalls mehr", sagt der Wissenschaftler.

Mit Kopfsprungtechnik ins Kettenhemd

Ein zehn Kilogramm schweres Kettenhemd streift man nicht so einfach über die stilechte rote Tunika wie ein modernes T-Shirt. Am besten ist eine Art Kopfsprungtechnik in die Wehr aus ungezählten Eisenringen, will man sich nicht den Hinterkopf schmerzhaft raspeln. Rasch den Militärgürtel mit klirrenden Zierriemen umgeschnallt und die eiserne Wurf-Lanze "pilum" in die Hand. Mit Schild in derbem Lederfutteral, Helm und Schwert am Schulterriemen hat der Legionär auf Probe nun rund 30 Kilo zu tragen. Doch kein Vergleich zu dicken Reisekoffern oder Mineralwasser-Kästen: Die nah am Körper anliegende Last verteilt sich gut austariert überraschend mühelos! Erstaunlich beweglich das lange Kettenhemd, das auch am warmen Sommertag den bald rinnenden Soldaten-Schweiß deutlich kühlt.

Schlammlöcher und Wasserpfützen auf dem historischen westfälischen Römerweg gilt es entschlossen zu durchqueren, denn welcher Legionär hätte in Marschformation sandalenschonend an den Wegesrand ausweichen können? Hier lauern zudem böse Brennnesseln auf die nackten Waden der Marschierer. Der normalerweise vor der Brust getragene und nur bei Gefahr aufgestülpte Helm entwickelt allerdings eigene Tücken: Im Klirren und Klappern der Waffen, beim ledernen Knirschen der Schildgurte ist unter dem Helm kaum mehr das eigene Wort zu verstehen. Wie bitte konnten antike Truppenführer die 6000 Soldaten ihrer Legion befehligen? "Den zahlreichen Hornbläsern kam sicher eine ganz wichtige Funktion bei der Kommando-Übermittlung zu", sagt Museumschef Asskamp.

Legionäre als "Muli"

Allerdings: Im Test gewährt der Helm mit seinen breiten Wangenklappen auch einen guten Schutz gegen fotoversessene Spaziergänger, grinsende Rad-Touristen oder westfälisch stur starrende Bauern. Nach einer guten Stunde Marsch meldet sich dann doch - vom schmerzenden Fußknöchel bis zur von Schildriemen malträtierten Schulter - der verweichlichte Körper des Stubenhockers der Jetztzeit. Schon leichte Steigungen am Lippe-Ufer werden zunehmend zur Last, die Hand verkrampft sich um den schweren Wurfspeer.

Die kampfbereite Überquerung einer vielbefahrenen Bundesstraße nördlich von Datteln wird dann doch noch zur Mutprobe: Das Gesichtsfeld deutlich eingeschränkt, der Kopf samt Helm ungewohnt schwer zu wenden, die Geräusche unter dem Metall gedämpft. So setzt der moderne Legionär schließlich erfolgreich auf die Rücksicht der nicht wenig verblüfften Autoraser vor querenden Römern. Wie konnte wohl der Kamerad von damals einen Überblick im Kampfgetümmel behalten? Ganz entschieden "nach vorn" sei eben auch die Strategie der kämpfenden Legionäre gewesen, analysiert Römer-Experte Asskamp die geglückte Überquerung der Bundesstraße.

Ein derber Soldatenscherz aus Römertagen wird am Ende des Marsches gut verständlich: Gern nannten sich die wackeren und schwer schleppenden Legionäre selbstironisch "muli" - "Maultiere" eben für den fernen Geschichtsbuch-Ruhm römischer Cäsaren.

Gerd Korinthenberg/DPA / DPA
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