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Amoklauf in Lörrach: Warum Frauen seltener zum Rächer werden

Dass Frauen Amok laufen, wie in Lörrach passiert, ist selten. Ein Psychologe erklärt, woran dies liegen könnte und was Menschen zu solch einer Tat treibt.

Herr Hoffmann, Sie beschäftigen sich seit langem mit Amokläufern. In Lörrach war es eine Täterin. Ist das eher ungewöhnlich?
Ja. Amoklauf wird in der Regel als ein männliches Phänomen betrachtet. Dass eine Frau zur Amokläuferin wird, ist eher ungewöhnlich. Aber es gibt eben auch Täterinnen. Weltweit sind es allerdings unter fünf Prozent.

Warum werden Frauen seltener zu Amokläufern?
Bei Amokläufen geht es häufig darum, Rache zu üben, sich nicht alles gefallen zu lassen, was wiederum mehr mit einer männlichen Identität, mit einer Krieger-Identität zu tun hat. Öffentlich als Rächer aufzutreten, ist für Frauen eher ungewöhnlich. Frauen gehen mit Selbstwertkrisen in der Regel anders um, sie kommunizieren mehr und sind generell widerstandsfähiger, verarbeiten Kränkungen, Krisen und Konflikte besser. Oder sie richten die Gewalt alleine gegen sich, begehen zum Beispiel Selbstmord. Bei Frauen dauert es auch wesentlich länger, bis der Punkt erreicht ist, an dem sie gewalttätig werden. Wenn sie sich zu einem Amoklauf entschlossen haben, ist dieser aber nicht weniger grausam als bei Männern.

Männer sind also deutlich gewaltbereiter als Frauen?
In der Regel ist das so. Wir sehen aber auch, dass bei genereller Gewalt der Anteil von Frauen wächst. Zwar ist es schwer, dies direkt mit Amokläufen zu vergleichen. Allerdings könnte es ein erstes Anzeichen dafür sein, dass sich kulturell etwas verändert, dass Gewalt nicht mehr nur männlich ist und für Frauen gewissermaßen akzeptabel wird.

Die Rechtsanwältin in Lörrach hat zuerst ihr Kind und ihren Mann getötet. Ist diese gegen die eigene Familie gerichtete Gewalt ein typisches Verhalten für weibliche Amokläuferinnen?
Manchmal ist es bei Amokläufen so, dass zuerst Familienmitglieder umgebracht werden und der Täter das Töten dann auch auf andere Menschen ausweitet. Bei Frauen findet sich allerdings tatsächlich oft dieser Familienbezug oder eine schwere psychische Erkrankung, die zu einem Realitätsverlust führt. Wenn solche Frauen ihre Kinder töten - wie in Lörrach passiert -, dann häufig, um ihnen aus ihrer verqueren Sicht Leid zu ersparen.

Wann laufen Frauen Amok? In Lörrach war es vermutlich eine Beziehungstat.
Die Beziehungssituation ist häufig ein Auslöser für eine Gewalttat. Je besser man sich kennt, desto häufiger sind solche Taten. Generell kommen im Vorfeld von Amokläufen allerdings viele Faktoren zusammen - bei Männern wie bei Frauen. Berufliche und private Krisen, ein Gefühl der Ausweglosigkeit und Rachegedanken. Wenn eine solche Tat nicht durch psychotische Ursachen, also Wahnvorstellungen, ausgelöst wird, steckt in der Regel eine längere Geschichte dahinter. Der moderne Amoklauf passiert geplant und gezielt, die Idee entwickelt sich über Wochen, Monate, manchmal Jahre. Und es ist kein Affekt, sondern eine bewusste Handlung. Im Lörracher Fall könnte dafür sprechen, dass Augenzeugen berichtet haben, dass die Frau sehr ruhig das Krankenhaus betreten haben soll.

In Lörrach ist die Rechtsanwältin nach dem Mord an ihrem Mann und ihrem Sohn in die gynäkologische Abteilung des Krankenhauses gelaufen. Wie beurteilen Sie das Verhalten?
Die Frage ist sicher, ob die Attentäterin zufällig dorthin gelaufen ist oder ob die Einrichtung gezielt angesteuert wurde. Wobei es typisch für einen Amoklauf ist, dass die Täter die große Bühne für eine Generalabrechnung suchen. Mitunter bringen sie daher auch ihre Familienmitglieder um, da sie nicht wollen, dass dies im Nachhinein unter der Tat "leiden" müssen. Es kann aber auch sein, dass die Frau ihren Tod gesucht hat. Ein Phänomen, das wir als "Selbstmord durch die Polizei" bezeichnen. Bei dem Amoklauf in Ansbach vor einem Jahr war dies so. Dort hat der Täter im Anschluss gesagt, dass er erschossen werden wollte, da er sich nicht getraut hat, sich selbst das Leben zu nehmen. Inwiefern dieses Phänomen allerdings in Lörrach eine Rolle gespielt hat, wissen wir noch nicht.

Den Ermittlungen zufolge hatte die Amokläuferin in dem Krankenhaus, in dem sie einen Krankenpfleger erschoss, vor sechs Jahren eine Fehlgeburt.
Das würde ins Bild passen. In diesem Fall wäre es vermutlich eine generelle Abrechnung.

Welchen Einfluss haben psychische Erkrankungen?
Bei erwachsenen Amokläufern ist deren Einfluss größer als bei Jugendlichen. Der Anteil von Tätern mit Wahnerkrankungen und psychotischen Erkrankungen ist deutlich höher.

Ist der Tathergang in Lörrach typisch für einen Amoklauf?
Es ist eine vertraute Struktur. Wir kennen den Ablauf, dass zuerst Familienmitglieder getötet werden, bevor die Täter weiterziehen. In der Regel zu anderen Menschen oder Institutionen, von denen sie glauben, dass Ihnen dort Unrecht getan wurde.

Lea Wolz
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