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Aphasie, Teil 2: Der Weg zurück in die Welt der Worte

Seit einem Schlaganfall kann die 26-jährige Steffi nicht mehr sprechen: Sie leidet an Aphasie. Nach Monaten in der Klinik versucht sie nun zu Hause, ihren Alltag und die Welt der Worte zurückzuerobern.

Von Björn Erichsen

In der Reha macht sich Steffi daran, ihre Muttersprache ein zweites Mal zu lernen. Zusätzlich zu den täglichen Ergotherapie- und Logopädiestunden kämpft sie sich allein durch einen Stapel mit Übungszetteln. Sie muss ankreuzen, ob sich "Seil" eher auf "Maus" oder auf "Beil" reimt. Ob Zucker "süß", "salzig" oder "krumm" schmeckt. Und wie heißt noch mal dieses unsympathische Nagetier mit dem langen, dünnen Schwanz?

Es ist gespenstisch: Steffi hat die Antwort klar vor Augen, doch die "Ratte" will einfach nicht auf das Papier. Über Fehler ärgert sie sich maßlos. Ihr ist wohl bewusst, dass ein normal begabter Vorschüler solche Aufgaben mühelos bewältigt. Das ist die vielleicht bösartigste Facette einer Aphasie: Sie lässt den Betroffenen das eigene Scheitern bewusst erleben. "Wenn sich Besuch ankündigte, habe ich immer schnell die Zettel weggepackt", erinnert sich Steffi. "Mir war es peinlich, wenn meine Freunde gesehen haben, womit ich mich so schwer tue."

Jedes Wort ist ein Stück Freiheit

Den August und den September verbringt Steffi in einer Klinik im Ostseebad Damp - nahe ihrer Geburtsstadt Kappeln, wo auf dem Polterabend im Mai alles begann. Ihr neuer Logopäde quält sie nicht mit dem Beschriften von Bildchen, sondern versucht sie zum Sprechen zu animieren. Er hört geduldig zu, wenn sie von dem erzählt, was sie beschäftigt: Etwa wer sie am Vortag besucht und was die Stationsschwester gemacht hat. Steffi spricht - langsam und stockend, aber sie spricht. Und sie gewinnt ihren Optimismus zurück: Anders als für viele andere Betroffene scheint es für sie eine Rückkehr aus dem Sprachnebel zu geben.

Am 1. Oktober kehrt Steffi in ihre Wohnung in Hamburg zurück. Fast fünf Monate Rundumbetreuung in den Kliniken liegen hinter ihr; sie giert nach Privatsphäre, nach eigenen Entscheidungen. Nach Normalität. Als erstes geht sie zum Friseur und lässt sich einen neuen Haarschnitt machen, kurz und kastanienbraun. Darunter kann niemand mehr die Narben sehen. Steffi hat klar definierte Ziele: sich im Alltag zurecht finden, die Sprache wieder lernen und dann so schnell wie möglich zurück ins Berufsleben.

Telefonieren müssen ihre Freunde

Der erste Dämpfer kommt per Post. In einem sechsseitigen Schreiben möchte die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) ihre Zuständigkeit für Steffis Versorgung überprüft wissen. Was schon Sprachgesunde schaudern lässt, verschließt sich Aphasikern fast gänzlich: Behördendeutsch. Steffi weiß, dass der Brief wichtig ist, versteht aber nicht, was genau die BfA von ihr will. Sie muss Freunde bitten, ihr zu helfen.

Die unterstützen Steffi auch bei der Organisation der ambulanten Therapie, führen für sie schwierige Gespräche am Telefon, in denen es um Bescheinigungen und Kostenübernahme geht. Ein Neuropsychologe und eine Ergotherapeutin sind schnell gefunden, doch auch in der Großstadt Hamburg gibt es nur wenige Logopäden, deren Praxen nicht überlaufen sind. "Als ich hörte, dass Wartezeiten von einem halben Jahr keine Seltenheit sind, bin ich richtig böse geworden", erzählt Steffi. "Ich wollte doch so schnell wie möglich wieder lernen." Nur durch Zufall und die Beharrlichkeit einer Freundin findet sie nach drei Wochen einen Therapieplatz.

Abenteuer Einkaufen

Die täglichen Besorgungen erledigt Steffi schon bald allein. Im Supermarkt muss sie nicht viel sprechen und an der Käsetheke bestellt sie einfach "das letzte davon", wenn die Auszubildende viel zu schnell sämtliche Käsesorten runterrattert. Bei komplizierteren Einkäufen hat Steffi gern eine Freundin dabei; sie besteht aber stets darauf, es zunächst selbst zu versuchen. Auch wenn der nette, ältere Herr im Sportgeschäft auch nach zehn Minuten noch nicht versteht, dass sie ein Pulsmessgerät zum Joggen kaufen möchte.

An die fragenden und oftmals auch genervten Blicke ihrer Außenwelt hat sie sich schnell gewöhnt. Auch an den dankbaren Gesichtsausdruck der Verkäufer, wenn die Freundin schließlich das Sprechen übernimmt. Sie weiß ja, dass alle um sie herum wenig Zeit haben und Gespräche mit ihr nicht immer einfach sind.

"Richtig schlimm ist es aber, wenn mir mein Gegenüber ganz deutlich zu verstehen gibt, dass er Zweifel an meinem Geisteszustand hegt", sagt sie. So wie bei einem Besuch beim Augenarzt: "Die Assistentin war zunächst genervt, weil ich so lange brauchte, um zu erklären, was ich will. Erst als ich den Schlaganfall erwähnte, schaute sie interessiert von ihrem Terminkalender auf und redete dann nur in Babysprache mit mir. Bei der Untersuchung wedelte sie mit ihrer Hand vor meinem Kopf hin und her, fragte immer wieder: 'Wo ist der Ernie? Na, wo ist denn der Ernie?'."

Sie will zurück auf die andere Seite des Krankenbetts

Steffi lebt heute zurückgezogener als früher. Wenn sie ausgeht, dann meistens zu ruhigen Abenden mit Freunden. Ihren Alltag bekommt sie langsam in den Griff und ihre Sprache auch. Nun will sie möglichst schnell wieder zurück in ihren Job: Endlich wieder auf die andere Seite des Krankenbettes. Sie setzt große Hoffnungen auf ein Therapiezentrum in Aachen - dort wird berufsspezifische Therapie angeboten. Aber noch hat ihre Krankenkasse nicht darüber entschieden, ob sie Anspruch auf diese Spezialbehandlung hat.

Sie muss also weiterhin Geduld haben, aber das nimmt sie gelassen. Sie kann sogar herzlich lachen, wenn sie Geschichten aus der Reha in Malente erzählt. Und vor kurzem war sie sogar mal wieder richtig betrunken. "Das war toll, wir sind losgezogen wie in alten Zeiten", erzählt sie. "Und auf dem Rückweg von der Party habe ich mich mit dem Taxifahrer richtig ausgelassen unterhalten. Der hat gar nicht gemerkt, dass ich anders bin."

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