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Babysprache im Altenheim: "Und jetzt gehen wir schön Pipi machen"

Heia machen, Breichen essen - Altenpfleger benutzen oft Babysprache, wenn sie mit verwirrten alten Menschen reden. Jetzt streiten sich Psychologen, ob das sinnvoll ist oder unangemessen.

Der dampfende Teller steht auf dem Tisch. "So Mariechen, jetzt wollen wir fein unser Breichen essen", dringt es an Maria Müllers Ohren. "Jetzt noch ein Löffelchen", sagt die Stimme der Pflegerin sanft, die nicht etwa ein Kleinkind, sondern eine über 80-jährige Frau füttert. Babysprache ist in Altenpflegeheimen üblich, aber umstritten. "Mit kindlichen Ausdrücken können Pfleger diejenigen, die Sprache nicht mehr gut verstehen, besser erreichen als mit Erwachsenensprache", sagt die Bochumer Gesprächsforscherin Svenja Sachweh. Der Tübinger Psychologe Michael Diehl hält dagegen: "Um Diskriminierung zu vermeiden, sollten Pflegekräfte darauf auf jeden Fall verzichten."

Sachweh, die an der Universität Freiburg über Kommunikation in der Altenpflege forschte, ist von den Vorzügen der Babysprache nicht nur seit eigenen Erfahrungen mit dem demenzkranken Großvater überzeugt. In ihrer Doktorarbeit analysierte sie unzählige Gespräche von Pflegern mit Altersverwirrten und beobachtete die positive Wirkung von Babysprache. "An Demenz leidende Menschen sind durch ihre Krankheit oft geistig so zurückgeworfen, dass sie es genießen, in einer Weise behandelt zu werden, wie Mütter mit ihren Kindern umgehen", sagt Sachweh. Um Pflegern dabei den richtigen Umgang zu vermitteln, bietet sie Kurse an.

Geborgenheit durch Singsang

Die Verwendung von Ausdrücken wie "Heia machen" oder "schön" schlafen gehen fördere das Verständnis, erklärt Sachweh. "Es kann gut sein, dass etwa Frau Müller die Formulierung "Wasser lassen" nicht mehr begreift, wohl aber "Pipi machen"." Und wenn eine Patientin sich nicht mehr an ihren angeheirateten Namen erinnern kann, sei es vielleicht besser, sie mit dem Vornamen anzusprechen.

Mit Babysprache ließen sich zudem Gefühle wie Zuwendung und Geborgenheit besser vermitteln. "Dazu tragen auf -chen und -lein endende Verkleinerungsformen und Kosenamen wie Mariechen bei", sagte Sachweh. "Einige Pflegerinnen schrauben in der Babysprache zudem die Stimme bis zu einer Oktave höher und verfallen in einen Singsang, der viel Wärme vermittelt - das ist oft das Einzige, was bei den Patienten noch ankommt."

Verletzend und unangemessen

Kritiker können mit solchen Argumenten wenig anfangen. "Klar muss man die Sprache verändern, etwa in dem man einfache Sätze verwendet und langsam spricht", sagt Sabine Jansen von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Der Organisation zufolge gibt es in Deutschland rund eine Million Demenzkranke, von denen ein Drittel in Pflegeheimen betreut wird.

Der Psychologe Diehl sagt: "Weil man weiß, dass Demente oft wenig vom Inhalt mitbekommen, sind Sprachmelodie, Mimik und körperliche Signale, wie etwa die Hand des Patienten zu nehmen, sehr wichtig." Altersverwirrte hätten aber auch immer wieder helle Augenblicke, in denen sie plötzlich das Gesagte genau mitbekommen und sich verletzt fühlen könnten. "Sie sind zwar oft so abhängig von Pflegern wie Babys von ihren Müttern - aber auch so mit ihnen zu sprechen ist völlig unangemessen."

Sachweh hält die Verwendung von Babysprache in Altenpflegeheimen zwar nicht für ein Standard-Rezept. "Pfleger müssen sensibel auf die geistige Fitness der Betreuten reagieren und dann auch schnell auf Erwachsenensprache umstellen", sagte Sachweh. "Generelle Kritik an Babysprache kommt meist von Menschen, die noch nie mit Demenzkranken gearbeitet haben."

DPA / DPA
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