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Demenz: Hiobsbotschaft Alzheimer

Alzheimer ist eine langwierige Krankheit. Medikamente können den geistigen Verfall verlangsamen. Nach Meinung von Harald Hampe von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität werden jedoch nur 10 bis 20 Prozent der Patienten richtig therapiert.

Diagnose: Alzheimer. Nach einer Emnid-Studie haben 38 Prozent aller Deutschen Angst davor, an dieser Demenz zu erkranken. Bei Alzheimer erscheinen den meisten Menschen Bilder von verwirrten Kranken vor dem inneren Auge, die die Kontrolle über ihren eigenen Körper verloren haben. "Dabei ist das so, als würde man Krebskranke nur im Endstadium zeigen", sagt Harald Hampel, Leiter des Alzheimer Gedächtniszentrums an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Seit einigen Jahren gibt es eine Reihe von Substanzen, die die Krankheit zwar nicht heilen, aber hinauszögern können. "Doch werden immer noch nur 10 bis 20 Prozent der Patienten richtig therapiert - das ist ein Skandal", sagt Hampel.

Etwa eine Million Menschen sind derzeit in Deutschland an der Alzheimer Demenz (AD) erkrankt, dem durch Plaque-Ablagerungen im Gehirn fortschreitenden geistigen Verfall. Bis zu drei Millionen werden es im Jahr 2050 sein. "Umso wichtiger ist es, aufzuklären und frühzeitig zu behandeln", sagt Hampel. Denn dann seien die Erfolge am größten.

Hemmer kämpfen gegen Demenz

Seit einigen Jahren bereits sind so genannte NMDA-Antagonisten auf dem Markt, die für mittlere und schwere Demenzfälle zugelassen sind: Die Substanz Memantin schützt die Nervenzellen vor einem Zuviel des Botenstoffes Glutamat - bei Alzheimer-Kranken wird es in erhöhtem Maß ausgeschüttet und schädigt dadurch die Nerven. Andererseits ist Glutamat in geringerer Menge für Lern- und Gedächtnisprozesse unerlässlich. Diese Prozesse können durch den "Regler" Memantin deutlich länger aufrechterhalten werden. Die Gehirnleistung verbesserte sich Studien zufolge, Verhaltensstörungen gingen zurück.

Jünger und noch weniger bekannt sind die so genannten Cholinesterase-Hemmer, die schon im Frühstadium der Krankheit wirken: Sie hemmen ein Enzym, das den Nervenbotenstoff Acetylcholin abbaut. Fehlt der Botenstoff, funktioniert die Informationsverarbeitung im Gehirn nur noch eingeschränkt. Zumindest vorübergehend können die Cholinesterase-Hemmer dieses Defizit ausgleichen. Auch hier ist die positive Wirkung auf Verhaltensstörungen und Alltagsleben der Erkrankten durch Studien bestätigt.

Nach Ansicht Hampels könnten Pflegeheimaufenthalte mit den Medikamenten um einige Jahre hinausgezögert werden - wenn sie denn verschrieben würden. Auch der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP), Hans Gutzmann, sieht mindestens ein Jahr Aufschub. "Ein vergleichbarer Effekt ist zudem durch eine bessere Stützung der Angehörigen zu erreichen - in Kombination ergibt das eine nennenswerte Größenordnung."

Früherkennung von Risikogruppen

Wichtig sind nach Medizineransicht vor allem bessere Aufklärung und eine frühzeitige Diagnose. Verschiedene bildgebende Verfahren können schon Jahre vor dem Auftreten erster Beschwerden eine künftige Alzheimer-Demenz diagnostizieren. "Künftig könnten so Risikogruppen frühzeitig untersucht und dann behandelt werden - noch bevor erste Symptome auftreten", sagt Hampel.

Doch bis dahin ist es nach Feststellung der Gerontopsychiater noch ein weiter Weg. Gutzmann, Chefarzt der Psychiatrie und Psychotherapie am Berliner Krankenhaus Hedwigshöhe, kritisierte, dass die Krankenkassen die Alzheimer-Patienten gerne in die Obhut der Pflegeheime - und damit der Pflegeversicherung - überließen, statt selber die Medikamente zu finanzieren. "Schon jetzt werden nur halb so viele Gesetzlich-Versicherte therapiert wie Privatpatienten."