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Drogen: Gefährlicher Pilzrausch

Kiffen ist out, Pilze sind in: In der Amsterdamer Drogenszene setzen immer mehr Touristen auf den Rausch mit "Magic Mushrooms". Doch die Wirkung der vermeintlich harmlosen Pilze ist unberechenbar - es gab sogar schon einen Todesfall.

Von Albert Eikenaar

Das Amsterdamer Hotelzimmer sah aus, als hätte es einen Terroranschlag gegeben: Wände, Betten, Gardinen waren blutverschmiert, ebenso die herumliegenden Kleidungsstücke. Überall lag zersplittertes Holz von Bettkanten und Schränken, Glassplitter ließen die blinde Wut erkennen, die offenbar in dem Raum zur Entladung gekommen war.

Es ist der Schauplatz einer Szene, die sich Ende Juni abspielte: Ein Mädchen hatte sich um Mitternacht weinend und blutend an die Rezeption des Grachtenhotels geschleppt. Der Portier rannte sofort in das angegebene Zimmer, in dem sich eine Gruppe junger Engländer mit Drogen vollgepumpt hatte. Einer drehte total durch: Nackt stand er im Flur, Blut schoss aus seinem Kopf. Der herbeigerufene Notfalldienst konnte ihn kaum transportieren, schließlich landete er in einer Beruhigungszelle des Städtischen Gesundheitsdienstes (GGD). Im allgemeinen Chaos verdrückten sich seine Freunde - Gesamtschaden für den Hotelbesitzer: 12.000 Euro, berichtete ‘Het Parool'.

Naturprodukt mit unberechenbarer Wirkung

Der Engländer, der so gewalttätig wurde, hatte sich nicht nur mit Joints berauscht und sich maßlos gesoffen. Er hatte auch rohe halluzinogene Pilze konsumert. Diese tragen exotische Namen wie Copelandia Hawaiian, Cubensis Columbian, Equadorian Delight oder Spitzkopf und sind die neuen In-Drogen der Amsterdamer Szene. In Kombination mit anderen Drogen können die Pilze unvorhersehbare, ungeahnte gefährliche Nebenwirkungen auslösen. "Wer die Regel nicht beachtet, auf andere Rauschmittel zu verzichten, muss in Kauf nehmen, vorübergehend psychisch total außer Kontrolle zu geraten", sagt ein Mitarbeiter des Städtischen Gesundheitsdienstes.

Vor allem in den alternativen Kreisen der niederländischen Hauptstadt sind die Pilze angesagt: "Paddos", wie sie im Jargon genannt werden, gelten als reines Naturprodukt. Doch das macht ihren Rausch keineswegs ungefährlicher: Farben, Geräusche, Gefühle werden weit stärker empfunden als normalerweise; die Pilze lösen Verwirrung, Ängste, Wutausbrüche, rücksichtsloses, ungehemmtes Verhalten aus, zusammen mit Übelkeit, Schwächeanfällen oder sonstigen unangenehmen körperlichen Reaktionen.

Meist dauert ein "bad trip" etwa sechs Stunden - und in dieser Zeit passieren manchmal schreckliche Dinge. Der GGD verzeichnete allein dieses Jahr vier Opfer, die durch den Pilzkonsum bleibende gesundheitliche Schäden erlitten. Ein französisches Mädchen starb sogar: Die 17-Jährige glaubte Flügel zu haben und sprang vom Dach des Wissenschaftsmuseums Nemo beim Zentralbahnhof.

Experimentierfreudige Engländer

Meist sind es Ausländer, die im Pilzrausch in Schwierigkeiten geraten. Die Hälfte der Betroffenen jünger als 25 Jahre, meldet der GGD. Engländer stehen mit 30 Prozent an der Spitze des sich anbahnenden Paddo-Problems; Deutsche sind in der Statistik bisher nicht vertreten, obwohl junge Deutsche massenhaft zum Kiffen nach Amsterdam pilgern. "Sie halten sich eher an die traditionellen sanften Rauschgifte wie Marihuana und zeigen sich noch nicht so experimentierfreudig wie die Jungen und Mädchen aus anderen Ländern, wo Drogenkonsum als kriminell gilt", heißt es beim GGD.

Diese Jugendlichen stürzen sich gierig auf alles, was es auf dem Markt zum Ausprobieren gibt. Sie hören nicht auf das Personal der so genannten "Smartshops", in denen die Paddos vorverpackt, in ungefährlichen Dosierungen und mit Gebrauchsanweisung verkauft werden. Auf gut gemeinte Warnungen ignorieren sie - der Pilzrausch lockt.

Mit dem Billigflieger zu Sex, Drugs, Rock'n Roll

Hans van der Hurk, Besitzer eines Paddo-Ladens, glaubt den Grund für den schnell steigenden Paddo-Verbrauch zu kennen: "Früher kamen die jungen Touristen für zwei, drei Wochen nach Amsterdam. Sie konnten sich ganz allmählich mit sämtlichen Drogensorten vertraut machen. Diese Zeiten sind vorbei", sagt er. "Mit einem Billigflug kommt man nun aus aller Welt in ein paar Stunden nach Amsterdam, bleibt ein Wochenende und fliegt drei Tage später zurück. In der Zwischenzeit will man alles, was Gott in ihrem Heimatland verboten hat, genießen - Sex, Drugs and Rock and Roll. Einige gehen hemmungslos zu weit. Und Amsterdam bekommt dann den schlechten Namen: Wir sind die Bösewichte", so van der Hurk.

Das Mädchen aus Paris, das sich vom Museumdach stürzte, wie auch der junge Engländer, der sein Hotelzimmer verwüstete, alarmierten Stadt und Politik. Das Gesundheitsministerium lässt jetzt prüfen, ob ein Paddo-Verbot gesetzlich möglich ist, das Parlament würde den Vorstoß unterstützen. Der Amsterdamer Gemeinderat hingegen lehnt einen generellen Eingriff ab - man fordert allerdings strengere Kontrollen. Vier Smartshops, die das Opiumgesetz verletzten, wurden bereits geschlossen. Bei den sechs übrigen Paddo-Lieferanten Amsterdams herrscht nun Hochbetrieb.