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Genetik: Menschliche Evolution nimmt Fahrt auf

Lange nahmen Forscher an, die menschliche Evolution verlaufe gemächlich oder sei sogar zum Stillstand gekommen. Jetzt kommt eine neue Studie zu einem ganz anderen Schluss. Wieso die Evolution seit 40.000 Jahren schneller voranschreiten soll.

Von Nina Bublitz

Wenn von Evolution die Rede ist, geht es meist um eine ferne Vergangenheit. Als die ersten Tiere das Land eroberten, war die Evolution am Werk. Während sich die vielen verschiedenen Dinosaurier-Arten entwickelten auch. Und sicher an dem Punkt, an dem sich die Wege von Mensch und Menschenaffen trennten. Doch nach dem Auftreten des Homo sapiens soll die Evolution pausiert haben. In den vergangenen Jahrtausenden veränderten sich die Menschen nicht - so lautete die Lehrmeinung unter Biologen.

Doch nun schmeißen Wissenschaftler dieses Konzept um. Seit der Genomentschlüsselung beschäftigt Wissenschaftler die Frage, wie schnell die Evolution des Menschen in der Vergangenheit voran schritt und in welcher Form sie heute noch stattfindet. Sie kommen zu dem Schluss: Die Evolution ist kein Prozess, der plötzlich stehen bleibt - und sie macht auch vor dem heutigen Homo sapiens nicht Halt.

US-Forscher der Universitäten Utah, Wisconsin-Madison und Irvine (Kalifornien) suchten in einer aktuellen Studie im menschlichen Erbgut nach charakteristischen Unterschieden, die auf evolutionäre Prozesse deuten. Die verwendeten Daten stammten vom Biotech-Unternehmen Perlegen sowie dem seit mehreren Jahren laufenden HapMap-Projekt, in dem die DNS von 270 Japanern, Han-Chinesen, Nigerianern sowie US-Amerikanern aus Utah untersucht wird.

Das Erbgut als Leiter

Man kann sich die DNS, das Molekül, auf dem die Erbinformation gespeichert ist, im Prinzip wie eine Leiter vorstellen. Eine lange Leiter allerdings mit rund drei Milliarden Sprossen. Während die Holme lediglich dafür sorgen, dass das Molekül stabil ist, gibt es vier verschiedene Sprossenarten - sie tragen die genetische Information. Vergleicht man die DNS zweier Menschen, findet man im Schnitt an jeder tausendsten Stelle eine einzelne unterschiedliche Sprosse: eine Mutation. Hinzu kommen andere strukturelle Veränderungen, deren Häufigkeit die Wissenschaftler ebenfalls untersuchten.

Aus den vorliegenden Daten folgerten sie, dass sich sieben Prozent der menschlichen Gene in relativ kurzer Zeit verändert haben. Dies berichteten die Forscher um Henry Harpending im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Dass sich die menschlichen Gene seit Jahrmillionen in diesem Tempo verändern, schließen die Forscher aus: Mensch und Schimpanse müssten sich dann auf genetischer Ebene 160-mal stärker unterscheiden, als sie es tatsächlich tun.

Die Wissenschaftler nehmen an, dass die menschliche Evolution sich vor 50.000 Jahren - und insbesondere in den vergangenen 10.000 Jahren - stark beschleunigt hat. John Hawks, einer der Autoren der Studie meint: "Wir unterscheiden uns stärker von den Menschen, die vor 5000 Jahren lebten, als diese sich von den Neandertalern."

Wie Viehaltung und Landwirtschaft die Gene verändern

Es gibt stimmige Gründe für die Beschleunigung: Zum einen wuchs die Bevölkerung - und in größeren Gruppen kann die Evolution schneller stattfinden, weil genetische Veränderungen schlicht häufiger vorkommen. Zudem passten sich Menschen in den vergangenen Jahrtausenden verschiedenen klimatischen Bedingungen an und mussten mit neuen Krankheitserregern fertig werden. Mit dem Beginn von Viehhaltung und Landwirtschaft kamen neue Nahrungsmittel auf den Speiseplan. Infolgedessen veränderte sich beispielsweise das Gebiss, und es enwickelte sich die Fähigkeit, Milch zu verdauen. Letzteres zeigt, dass manche Veränderungen nicht auf jedem Kontinent in gleichem Maß entstanden - in Asien und Afrika vertragen deutlich weniger Erwachsene Milprodukte als in Europa.

Nach Ansicht der Forscher ist diese Entwicklung längst nicht vorbei. "Gene verändern sich in Asien, Afrika, Europa - und die meisten dieser Veränderungen finden nur auf jeweils einem Kontinent statt", sagt Anthropologe Henry Harpending. "Deshalb entwickeln wir uns nicht zu einer Menschheit, sondern die Unterschiede werden größer." Mit solchen Aussagen macht sich der Anthropologe nicht nur Freunde. Schließlich könnte seine Forschung, so die Sorge von Kritikern, Rassismus fördern.

Harpending mag Recht haben, dass in vergangenen Jahrtausenden wenig Austausch zwischen Bevölkerungsgruppen stattfand, die auf verschiedenen Kontinenten lebten. In Zeiten der Globalisierung könnte sich dies allerdings ändern.

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