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Magersucht-Bewegung "Pro Ana": Hungern als Lifestyle

Sie tragen Anstecker mit der Aufschrift "Think thin", Victoria Beckham ist ihnen "Thinspiration" und ihre beste Freundin heißt Ana: Anorexia nervosa, Magersucht. Im Internet stilisieren Anhänger der "Pro Ana"-Bewegung die Krankheit zum Lifestyle.

Herunterhungern bis auf Größe XXS: Für immer mehr Mädchen ist das nicht krank sondern Lifestyle. Sie fristen ihr Dasein mit zwei Nektarinen, 500 Gramm Broccoli und vielleicht noch einem Apfel pro Tag, um schöner, schlanker, perfekt zu sein. "Pro Anas" nennen sie sich dann, denn "Ana" ist ihre beste Freundin. Eine nette Abkürzung für eine hässliche Krankheit: Anorexia nervosa, Magersucht. Es ist bereits eine regelrechte Bewegung, die vor etwa fünf Jahren in den USA entstanden ist und nun auch in Deutschland Fuß fasst.

"Ana" ist vor allem im Internet zu Hause. In Foren und Weblogs schwören sich die Mitglieder auf ihre zehn Gebote ein: "Du sollst nichts essen, ohne Dich schuldig zu fühlen!", heißt es da. Denn "Ana" kennt kein Pardon: "Du bist mir gegenüber eine Verpflichtung eingegangen. Ich bin Dein Leben und Deine Besessenheit."

Eine Besessenheit, die in bis zu 15 Prozent aller Fälle zum Tod führt, wie die Geschäftsführerin des Frankfurter Zentrums für Essstörungen, Sigrid Borse, berichtet. Anorexia gilt damit als die psychische Erkrankung mit der höchsten Todesrate, noch vor Depressionen. Schätzungsweise 600.000 Mädchen und Frauen zwischen 14 und 35 Jahren leiden in Deutschland an "Ana" oder ihrer Schwester "Mia", der Bulimie oder Ess-Brech-Sucht. Die Anziehungskraft der "Pro Ana"-Seiten ist laut Borse nicht zu unterschätzen: "Damit hat sich eine Bewegung etabliert, die eine schlimme Krankheit völlig verharmlost."

Rot steht für Magersucht, Lila für Bulimie

Zu den Symbolen der Bewegung gehören Armbänder, die an Essregeln erinnern: Ein Armband in Rot steht für Magersucht, Lila für Bulimie, Weiß für Hungern. Ansteckknöpfe tragen Inschriften wie "Ana Queens" oder "Think thin". Kürzlich tauchte solcher Modeschmuck im Internet-Auktionshaus eBay auf. Erst durch Medienrecherchen wurden die Betreiber auf das problematische Angebot aufmerksam. "Das war ein komplett neues Thema für uns", sagt Sprecherin Maike Fuest. "Auf Anfrage riet uns die Bundesärztekammer, die Auktionen zu löschen."

Magersüchtige treibt ein verqueres Schönheitsideal. "Hinzu kommen Wünsche nach Perfektion, Kontrolle, Selbstbestimmung, sich von der Masse abzuheben", berichtet der Herzogenauracher Kinder- und Jugendpsychiater Jan Nedoschill. Während herkömmliche Betroffene ihre Krankheit nicht anerkennen, gehen "Pro Ana"-Anhänger weiter: Sie idealisieren die Essstörung als Lebensstil und bestärken sich darin, etwas Besonderes zu sein. "Gerade in der Pubertät kann die Fixierung auf das Essverhalten der Strohhalm sein, an den man sich klammert", kommentiert der Psychiater, der 1999 die virtuelle Selbsthilfegruppe hungrig-online.de gründete.

Zielgewicht: 45 Kilo bei knapp 1,70 Meter

Nedoschill ist überzeugt davon, dass ohne das Internet die ganze Bewegung gar nicht existieren würde: "Es ist sogar wesentlich ein Internet-Phänomen." Denn im Worldwide Web ließen sich die eigene Identität und vor allem auch das wahre eigene Gewicht verschleiern. Hier verabreden sich 14-, 18- und 20-jährige "Pro Anas" virtuell zum Fastenwochenende, um Zielgewichte wie 45 Kilo bei knapp 1,70 Metern erreichen. Sie tauschen Tipps für Diäten, kalorienarmes "Safe Food" oder Abführ- und Entwässerungsmittel aus.

Ihre Vorbilder sind Prominente wie Victoria Beckham, Keira Knightley oder Nicole Richie, die sich auf den roten Teppichen dieser Welt mit hervorstehenden Knochen und Beinen wie Mikado-Stäbchen ablichten lassen. Für die "Pro Anas" sind sie "Thinspiration", also ein Anreiz zum Weiterhungern. Zuhauf finden sich Fotos skelettartiger Models auf den "Pro Ana"-Seiten, begleitet von Ermutigungen, weiter an der Essstörung festzuhalten: "Bleib stark, höre nicht auf die anderen. Die sind doch nur neidisch auf Deine Stärke, Deinen Willen, Deine Schlankheit".

Mehrere hunderttausend "Pro Ana"-Blogs im Netz

Ihre Selbstbilder verbreiten Betroffene zum Beispiel in der nach Betreiberangaben größten deutschen Weblog-Gemeinschaft myblog.de mit mehreren hunderttausend Seiten. Ein Problem, wie auch myblog.de-Chef Stefan Glänzer weiß. Doch Zensur übe man nicht aus: "Nur wenn wir auf rechtswidrige Inhalte hingewiesen werden oder bei Verstoß gegen Community-Regeln, können wir die Seiten schließen." Die Betreuer des Portals versuchten auf, auf die Verfasser von "Pro Ana"-Seiten einzuwirken: "Wir mailen sie an und bitten zum Beispiel, ihr Blog mit einem Passwort zu schützen."

Auch die Kleiderindustrie ist inzwischen auf den Trend angesprungen und hat für Jeans die Größe Null erfunden, die den Maßen einer Zwölfjährigen entspricht. Karsten Braks vom Fachzentrum für gestörtes Essverhalten in Bad Oeynhausen nennt diese kommerzielle Vermarktung "einfach widerlich". Hier werde mit der Krankheit anderer Leute Geld gemacht. Auch Nedoschill kann angesichts solcher Entwicklungen nur auf einen "Trend in die andere Richtung hoffen". Und vielleicht ist der gar nicht so weit entfernt: Veranstalter der Madrider Modewoche erteilten jüngst zu dünnen Models ein Laufstegverbot. "Das ist doch jedenfalls mal ein positives Signal", sagt der Experte.

Daniela Pegna, Imke Zimmermann/AP / AP
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