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Ostsee-Insel Rügen: Steinzeit-Relikte auf dem Meeresgrund

Spurensuche unter dem Meeresspiegel: Unterwasserarchäologen suchen auf dem Grund vor der Insel Rügen nach versunkenen Relikten aus der Steinzeit. Ihre Funde zeigen, wie die frühen Ostseebewohner lebten und wie sie auf den Klimawandel vor tausenden von Jahren reagierten.

Quadratmeter für Quadratmeter saugen derzeit Unterwasserarchäologen den Grund des Breetzer Boddens (Lagune) vor der Ostsee-Insel Rügen ab. In den Netzen an den Schlauchenden bleiben Relikte aus der Steinzeit hängen: Werkzeuge, tausende Jahre alte Kieferknochen von Robben, steinzeitliche Fischwirbel. Auf dem Meeresgrund entdecken die Forscher Pfosten von Fischfangzäunen, Geweihäxte oder Reste von Feuerstellen. Was das Team um den Unterwasserarchäologen Harald Lübke derzeit rund eineinhalb Meter unter dem Meeresspiegel sichtet, an Bord holt oder kartiert, sind Überreste einer Steinzeitkultur, die Jahrtausende in Vergessenheit geraten war.

Spuren einer versunkenen Kultur

Bereits vor vier Jahren hatten die Forscher im Rahmen des Projekts "Sincos" (Sinkende Küsten) 14 unter dem Meeresspiegel gelegene, zwischen 7800 und 6400 Jahre alte Steinzeitsiedlungsplätze aus der Erteboelle-Kultur vor Rügen entdeckt. Doch erst mit den neuen Funden können die Archäologen wie bei einem Puzzle das Bild dieser versunkenen Kultur zusammenfügen. "Im Gegensatz zu den Binnenlandbewohnern der Steinzeit lebten die Küstenbewohner in weitaus größeren Siedlungen von bis zu 300 Personen in den Uferzonen", erklärt der 47-jährige Archäologe des Deutschen Archäologischen Instituts.

Ursache für die Siedlungsgröße sei vermutlich die große Nahrungsvielfalt durch den Fisch- und Robbenfang gewesen. Was die Forscher jedoch besonders erstaunt, ist, dass sie kaum auf Reste von Ackerbauwerkzeugen oder Haustierknochen stießen. Ackerbau und Viehzucht, so scheint es, spielte für den Erhalt des damaligen Gemeinwesens zunächst keine Rolle. Knöcherne Überreste von Rindern oder Schweinen fanden die Archäologen erst aus Zeiten, in denen die wohl dramatischste Umweltveränderung im Ostseeraum langsam ihrem Ende entgegenging.

Wassermassen durchbrachen die Landzunge

Denn vor rund 8000 Jahren begann sich das steinzeitliche Süßwasserbecken zu einem salzhaltigen Randmeer zu wandeln. Ursache war die wohl deutlichste Klimaveränderung in der bisherigen Geschichte der Menschheit: In der zu Ende gehenden Eiszeit schmolzen die kilometerdicken Gletscher auf der nördlichen Halbkugel. Wassermassen durchbrachen die Landzunge am Belt, die das Becken von ozeanischem Nordseewasser trennte, und ergossen sich in das Becken. Ganze Küstenlinien an der südlichen Ostsee verschoben sich seitdem um bis zu mehrere Kilometer ins Landesinnere, wie der Geologe Michael Meyer vom Institut für Ostseeforschung in Warnemünde im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projektes herausfand. "Der Wasserspiegel stieg in Zentimeterdimensionen pro Jahr", erklärt Meyer.

Doch die Forscher sind sich einig, dass die Küstenbewohner offenbar genügend Zeit hatten, sich auf die Veränderungen einzustellen. "Als ihre Hütten feucht wurden, bauten sie im Hinterland neue", erklärt Meyer. Von einer nacheiszeitlichen "Ökokatastrophe" will auch Lübke nicht sprechen. "Doch der Meeresspiegelanstieg war so präsent, dass die Großväter ihren Enkeln noch erklären konnten, dass an den Siedlungsplätzen ihrer Jugend jetzt die Boote liegen." Offenbar wurde das Ansteigen des Wasserspiegels zudem als so bedrohlich empfunden, dass man bei der Wahl der Nahrungsquelle lieber auf das sich immer weiter ausdehnende Meer als auf das zurückweichende Binnenland setzte. "Erst als vor rund 6000 Jahren das Wasser nicht mehr so deutlich anstieg, werden Viehzucht und Ackerbau durch archäologische Funde nachweisbar", sagt Lübke.

Klimawandel: spürbare Veränderungen vor 8000 Jahren

Angesichts der derzeitigen Diskussion um CO2-Ausstoß und Klimaerwärmung haben die Forscher die damaligen Veränderungen mit dem jetzt prognostizierten Meeresspiegelanstieg in der Ostsee in Beziehung gesetzt. Grundlage waren die IPCC-Szenarien, die von einer Verdoppelung des CO2-Ausstoßes innerhalb der nächsten 60 Jahre oder von einer Vervierfachung innerhalb der nächsten 120 Jahre ausgehen, wie Meyer erklärt. Die "Sincos"-Geologen kommen dabei zu dem Schluss, dass die Umweltveränderung vor 8000 Jahren für den Menschen deutlich spürbarer war als der Wandel, vor dem die zukünftigen Ostseeraumbewohner im "Global Warming" stehen.

"Während damals der Wasserspiegel der Ostsee in Zentimeterdimensionen pro Jahr anstieg, werden es bei dem prognostizierten Meeresspiegelanstieg Millimeterdimensionen sein", sagt Meyer. Entwarnung geben die Wissenschaftler trotzdem nicht. Denn im Gegensatz zur Steinzeit sind die gegenwärtigen Küstenstreifen deutlich dichter besiedelt; die ökonomischen Schäden würden sich bei einer langsamen Überflutung in Milliarden-Größenordnungen bewegen.

Martina Rathke/DPA / DPA