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Parkinson: "Als ob ich einen kleinen Tod sterbe"

Seit elf Jahren lebt Wigand Lange mit Morbus Parkinson. Mit der für Gesunde schwer fassbaren Krankheit geht der Autor auf seine ganz eigene Weise um. Im stern.de-Interview erzählt er von seinen Problemen mit elektrischen Feldern, seinen drei Leben und warum er Parkinson als Freund sieht.

Herr Dr. Lange, wie geht es Ihnen heute?

Heute geht es gut. Das kann morgen anders sein und ist abhängig von äußeren Einflüssen und von der eigenen Befindlichkeit.

Seit wann leben Sie mit der Diagnose Parkinson?

Ich war 49. Als ich eine Vorlesung in Frankfurt hielt, verharrten mein linker Arm und die linke Hand plötzlich vor mir in der Luft. Ich dachte: "Was ist denn das?", und war sehr verunsichert, weil es in der Öffentlichkeit passierte und habe mich sofort gefragt: "Hat es jemand gemerkt?" Da die Symptome nicht weggingen, bin ich dann zu meinem Hausarzt gegangen. Der schickte mich in eine Klinik. Es hieß, ein Nervenkanal in der Schulter sei verengt und durch Krankengymnastik bekäme man das wieder hin.

Die Ärzte haben also nicht sofort gewusst, was Ihnen wirklich fehlte?

Nein. Mein Hausarzt hat sich sogar später bei mir dafür entschuldigt. Er sagte, er habe nie einen Patienten gehabt, der so jung Parkinson bekommen hat. Es sind ja immer jüngere Menschen von dieser Krankheit betroffen.Vier unabhängige Diagnosen habe ich machen lassen, alle gleich: Morbus Parkinson. Dann habe ich es geglaubt.

Es gibt drei wesentliche Parkinson-Symptome: Das Zittern, die Steifheit und die Verlangsamung. Welche treten bei Ihnen auf?

Das Zittern habe ich weniger. Viele fragen: Du zitterst ja gar nicht! Man muss wissen, dass ich schon seit Jahren Tabletten nehme und gar nicht mehr weiß, wie es ohne wäre. Bei mir steht die Akinese im Vordergrund, die Verlangsamung aller motorischen Bewegungen. Ich habe zusätzlich noch ein sehr seltenes Symptom. Bestimmte elektrische Schwingungen vertrage ich nicht: Handys, Computer, alleine schon Neonröhren bereiten mir richtige Schmerzen. Wenn ich in einem Laden fünf Minuten unter so einer Lampe stehe, bricht bei mir das System zusammen.

Was meinen Sie damit, "Das System bricht zusammen"?

Ich will das einmal bildlich beschreiben: Wenn man einen Luftballon aufbläst und ihn dann loslässt, dann flutscht die Luft raus. Und genauso flutscht die Energie aus mir raus, innerhalb von Minuten. Ich habe dann keine Energie mehr, gerade zu gehen und gehe dann gekrümmt. Alleine schon bei Energiesparlampen bekomme ich regelrechte Schweißausbrüche. Manche sagen "Der hat ja 'ne Meise", und glauben nicht, dass es mir Schmerzen bereitet. Aber ich fühle es ja und vermeide nun solche Dinge so gut es geht.

Sie können Ihre Bücher daher nicht am Computer schreiben...

Ich schreibe mit der Hand oder der Schreibmaschine. Für mich ist das kein Problem. Einmal ging ich in Frankfurt durch die Flughalle, und da hörte ich eine Stimme hinter mir: "Hey, guck mal, der hat ja ‘ne Schreibmaschine!" Der fiel bald in Ohnmacht. Aber die Texte müssen irgendwann von irgendjemanden in den Computer eingegeben werden, das verlangen schon die Verlage.

Was können Sie gegen diese Beschwerden ausrichten?

Ich bekomme ein Medikament, das diese übersteigerten Reaktionen dämpfen und das Gehirn weniger empfindlich machen soll. Parkinson-Patienten bekommen meistens L-Dopa, eine Vorstufe des Dopamins, das im Gehirn bei Parkinson-Patienten zu wenig produziert wird. Das L-Dopa soll die Gehirntätigkeit beschleunigen, aber andererseits gibt man mir ja auch Dämpfungsmittel. Das ist wie beim Autofahren mit Automatikgetriebe, wenn man gleichzeitig Gas gibt und bremst. Dieses Auto geht aber irgendwann kaputt. Ich denke, beim Menschen ist das ähnlich.

Vertrauen Sie auf die Schulmedizin oder gehen Sie auch andere Wege?

Ich habe vieles ausprobiert. Die Schulmedizin beschränkt sich auf das biologische System und auf die Wirkung synthetischer Medikamente. Der Mensch besteht aber aus viel mehr: Psychologie, Ernährung, Schlaf und nicht zu vergessen die Seele. Wenn das alles stimmt, wird man auch nicht krank. Das beste Rezept ist die Stärkung der Wiederstandskraft.

Wie stehen Sie zur Stammzellenforschung? Würden Sie die für sich in Anspruch nehmen?

Da habe ich Vorbehalte, denn man weiß zu wenig über die Langzeitfolgen. Heutzutage wird viel Geld von den Pharmaunternehmen reingesteckt und diese Investition wollen sie natürlich wieder herausbekommen, indem sie diese Therapie so schnell wie möglich anwenden. Das mag verständlich sein, aber der Mensch ist nun mal kein Experimentiersystem. Auch die Tiefenhirnstimulation würde ich nicht bei mir machen lassen. Wenn der Bohrer, der dabei benutzt wird in das Hirn eindringt und zwei Millimeter daneben liegt, dann ist das Sprachzentrum betroffen. Und Sprache ist mein ganzes Leben!

Was ist für Sie das Schlimmste an der Krankheit?

Wenn ich diese Off-Phasen habe, wenn die Medikamente nicht mehr wirken. Ich vergleiche das mit Autofahren auf einer Straße, die immer schlechter und holpriger wird. Das Auto rattert und ruckelt und man bleibt irgendwann einmal stecken. Diese Phasen können kurz sein, aber auch Tage dauern. Nachts passiert es häufiger, weil man dann weniger Medikamente nimmt. Ich bin dann total bewegungslos. Als ob ich einen kleinen Tod sterbe: Das Bewusstsein ist da, aber die Bewegung hat aufgehört. Das ist schrecklich für einen Intellektuellen.

Ihr erstes Buch hieß "Mein Freund Parkinson." Das zweite "Wenn Parkinson kommt. Meine Erfahrungen mit einem ungebeten Gast". Wann wurde der "Freund" lästig?

Zum einen ist es natürlich eine rein zeitliche Entwicklung. Es sind viele Dinge dazugekommen, bei Parkinson, bestimmte Sachen sind immer noch da oder sogar stärker. Und es ist ein Kampf, ein Kleinkrieg, den man führt. Man muss alles tun, damit man Parkinson in Schach hält.

Und wie stellen Sie das an?

Parkinson ist hinterhältig und hat eine enorme Phantasie. Meine rechte Hand war nach einigen Jahren lahm und ich konnte nicht mehr schreiben. Das hat mich sehr getroffen. Das ist mein ureigenstes Medium. Durch die Behandlung bei einem Energetiker habe ich meine Handschrift zurückgeholt. Ich denke, solche Lähmungen sind Energieblockaden. Östliche Sportarten wie Yoga eignen sich gut, solche Blockaden aufzulösen. Ich habe viel von Parkinson gelernt und kann ihn immer noch nicht als Feind betrachten.

Haben Sie Ihre Bücher eher für sich oder für andere geschrieben?

Das erste Buch entstand anhand von Tagebüchern, Notizen und Briefen, die eigentlich nicht für die Veröffentlichung gedacht waren. Dann erzählte ich Freunden von meinen Erlebnissen und sagte immer "wenn ich euch langweile, dann höre ich auf". Aber sie wollten, dass ich weiter mache. Da habe ich gemerkt, dass das doch eine recht spannende Sache ist. Beim zweiten Buch war das ähnlich, wobei ich von Beruf Schriftsteller bin und da schreibt man schon vieles mit dem Hinblick auf Veröffentlichung. Für mich ist es zum Alltag geworden, dass ich mich mit Parkinson unterhalte und streite. Das ist meine Art, mit der Krankheit umzugehen.

Sie schreiben auch offen über Dinge wie Inkontinenz. Warum?

Schreiben ist ein sehr radikaler Prozess. Man muss sich entscheiden, ob man sich dem Leser öffnet. Zur Hälfte öffnen geht nicht, sondern man muss den ganzen Weg gehen. Es ist nicht sehr leicht, gerade wenn es das Eigene betrifft, die eigene Seele, die eigene Psyche. Man steht dann ganz nackt da,

Also ist es doch weniger therapeutisches Schreiben, sondern vielmehr der Versuch, andere aufzuklären?

Ich habe durch die Reaktionen gemerkt, dass es anderen das Verständnis für Parkinson erleichtern kann. Diese Krankheit ist ja sehr schwer und sehr individuell ausgerichtet. Oft heißt es von wohlmeinenden Verwandten oder Freunden: „Geh’ doch mal gerade, geh’ doch mal ein wenig schneller!“ Das sind Sachen, die man nicht absichtlich tut. Sagen Sie mal einem Blinden "Guck doch richtig hin!" Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, durch meine Bücher, Gespräche und Diskussionen diese Unkenntnis zu bekämpfen und mehr Verständnis zu fordern.

Im Vorwort schreiben Sie Parkinson sei das "Beste, was Ihnen passiert ist". Das ist sehr radikal. Denken Sie oft darüber nach, wo Sie ohne Parkinson stehen würden?

Ich habe bis jetzt drei Leben gelebt. Vor Parkinson, das "normale" Leben. Das zweite Leben mit Parkinson, ein sehr schwieriges. Und dann ein drittes, nach einem Autounfall vor einem Jahr. Das erste Leben war komplett anders als die zwei letzten. Ich war ein Typ, der sich keine Gedanken machte über Parkinson, denn das haben ja nur andere. Vor einigen Jahren habe ich eine Lebensversicherung abgeschlossen, da gab es eine Zusatzklausel für Krankheit, Unfall oder Arbeitslosigkeit. Und ich habe gedacht, "das brauchst du alles nicht"- und ein Jahr später war es dann soweit. Nun lebe ich viel bewusster. Ich schenke meinen Gefühlen und den Gefühlen anderer mehr Beachtung als vor der Krankheit. Es ist ein anderes, intensiveres Leben.

In Ihrem Buch beschreiben Sie eine Reise im ICE. Sie machen sich über die Leseratten, die „lesenden Ratten“ lustig. Sind Sie neidisch auf Gesunde?

Ich kann mit der Krankheit besser mit Humor und Ironie umgehen anstatt mit den Göttern zu zürnen, dass es ausgerechnet mich erwischt hat. Ich ertrage es mit einem Schuss Humor, denn es ist manchmal wirklich nicht lustig. Im Zug sehe ich die Sitznachbarn mit Handys und dicken Wälzern und mache meine ironischen Bemerkungen über die, die nicht krank sind, aber ein großes Geltungsbedürfnis haben. Da wird ganz laut per Handy über die unwichtigsten Sachen verhandelt. Und wenn ich diese dicken Bücher sehe, denke ich immer: "Wer liest das alles nur?" Ich käme da nie durch.

Sie sagten, heute gehe es Ihnen gut. Wie ist Ihre Diagnose für die nächsten Jahre?

Das kann Ihnen keiner sagen. Es gibt die schlimmen Verläufe und die weniger schlimmen. Ärzte sagen, dass Parkinson das Leben nicht mehr zeitlich beschränkt. Das mag sein. Aber wenn Sie dann zehn Jahre im Rollstuhl sitzen, würde ich mir doch eher eine Verkürzung wünschen. Im Grunde meines Herzens glaube ich aber immer noch an eine Heilung.

Interview: Angelika Dehmel
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