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Psychologen-Interview: "Es gibt eine Art Heldenverehrung"

Wie jugendliche Amokläufer ihre Taten ankündigen, untersucht das "Berliner Leaking-Projekt". Das Ziel: ein Frühwarnsystem, das Schulmassaker verhindern kann. stern.de hat mit dem Leiter des Projektes, Psychologie-Professor Herbert Scheithauer, gesprochen.

Die Tat in Köln konnte verhindert werden. Ist das ein Musterbeispiel für Ihre Forschung?

Die genauen Umstände kenne ich zwar noch nicht, aber hier haben offensichtlich Gleichaltrige ihren Lehrern bzw. der Polizei mitgeteilt, dass Mitschüler eine Tat planen. Es ist sinnvoll, auf solche Ankündigen einzugehen, denn meistens gibt es vor solchen Taten Vorwarnungen – oder Mitwisser. In Köln gab es, das ist ein wichtiger Faktor, auch noch genug Zeit für die Polizei, einzugreifen.

Zeigt der Fall in Köln, dass wir inzwischen stärker sensibilisiert sind?

Ich hoffe, dass es so ist. Es geht ja nicht darum, seine Umgebung nach potenziellen Amokläufern abzuscannen. Sondern man soll Jugendliche, die auffällig sind, nicht einfach ignorieren. In Emsdetten war das der Fall: Viele Menschen im Umfeld wussten, dass Bastian B. auffällig war, aber so richtig ist niemand auf ihn zugegangen. Sensibilität bedeutet nicht, jemanden zu denunzieren, sondern selbst Verantwortung zu übernehmen und zum Beispiel den schulpsychologischen Dienst zu informieren.

Wie kann man eine ernste Ankündigung von einem Jux unterscheiden?

Damit beschäftigt sich unsere Forschung beim „Berliner Leaking-Projekt“: Wir suchen nach Merkmalen, die zeigen, ob eine Androhung akut ernst gemeint ist, ob jemand langfristig zur Gefahr werden kann, oder ob es sich nur um einen schlechten Scherz handelt. Die ersten Kriterien haben wir bereits erarbeitet. Ein Punkt ist etwa, wie konkret die Androhungen sind. Aber die genauen Kriterien sollen nicht an die Öffentlichkeit, sie gehören in die Hände von Fachleuten, die solche Situation beurteilen. Und noch ist hier vieles Spekulation.

Warum ist die psychologische Forschung auf dem Gebiet noch nicht so weit?

"School-Shootings" (Schulmassaker) sind zum Glück sehr selten. Für die Forschung bedeutet das allerdings: Wir haben nur sehr wenig Daten, auf deren Basis wir arbeiten. Und an diese Daten kommt man zudem nicht einfach heran. Es dauerte zum Beispiel ein Jahr, bevor wir die Genehmigungen hatten, bestimmte Akten einzusehen –was aus Gründen des Datenschutzes gut und wichtig ist. Und in diesen Akten steht auch nicht unbedingt alles, was wir gerne wüssten. Das macht die Forschung auf diesem Gebiet so schwer.

Arbeiten Psychologen auf internationaler Ebene zusammen, um die Forschung zu verbessern?

Wir bauen gerade ein Netzwerk auf, um Fälle vergleichen zu können. Allerdings stellen wir dabei oft fest, dass verschiedene Arbeitsgruppen mit den Daten derselben Fälle arbeiten! Das bringt ein Problem mit sich: Man hält schnell etwas für ein bestimmendes Merkmal von Amokläufern, was es gar nicht unbedingt ist.

Oft wird im Nachhinein gesagt, die Täter waren unauffällig. Wie soll denn das Umfeld dann frühzeitig etwas bemerken?

„Der hat nett gegrüßt und war unauffällig“ – das sagen oft die Nachbarn. Wenn sie Mitschüler und Lehrer genauer fragen, bekommen sie andere Antworten. Viele Täter waren depressiv oder zeigten suizidale Tendenzen. Sie sahen sich als Opfer und entwickelten Rachephantasien.

Spielen bei diesen Phantasien auch frühere Schulmassaker eine Rolle? Die Tat in Köln sollte ja sogar am Jahrestag des Amoklaufs von Emsdetten stattfinden.

Die Täter beziehen sich oft auf frühere Fälle. Es gibt eine Art Heldenverehrung, die durch Medienberichte über Amokläufe angefeuert werden kann. Wobei das Wort Amoklauf hier ja falsch ist: School-Shootings sind oft geplante Taten. Offensichtlich faszinieren diese Taten bestimmte Jugendliche so sehr, dass die Gefahr steigt, dass sie selbst zum Täter werden.

Werden solche Taten häufiger?

Das ist schwer zu beantworten. Die Berichterstattung ist intensiver geworden. Ein Fall wie Köln wäre vor 20 Jahren wahrscheinlich gar nicht so prominent in die Medien gelangt. Auf der anderen Seite steigt die Wahrscheinlichkeit, weil Jugendliche eben oft von früheren Fällen zu ihrer Tat angeregt werden.

Gibt es einen bestimmten Tätertypus?

Nein! Wenn ich zehn Fälle wissenschaftlich aufbereite, finde ich zwar rückwirkend gemeinsame Merkmale der Täter. Aber sie eignen sich nicht, um zukünftig potenzielle Amokläufer zu identifizieren, denn viele Jugendliche passen gut in das Muster, werden aber nicht zu Tätern.

Interview: Nina Bublitz
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