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Software für Gelähmte: Mit den Augen sprechen

Nicole Marzusch ist aufgrund einer Krankheit vollständig gelähmt. Mit einer Software gibt sie Texte ein - nur über ihre Augenbewegungen und schneller als so mancher mit den Händen.

Eigentlich ist Nicole Marzusch eine ganz normale junge Frau: Die 25-Jährige hat rot gefärbte Haare, bunt gestrichene Wände, einen Faible für Musikclips und kauft ihre Kleidung im Internet. Tatsächlich aber leidet sie an spinaler Muskelatrophie - einer chronischen Krankheit, die sie bewegungs- und sprechunfähig gemacht hat. Doch inzwischen kann sich Nicole wieder mitteilen: Ein Computerprogramm aus den USA namens Eyegaze hilft ihr dabei.

"'Eyegaze' ist ein unbezahlbares Geschenk für mich

"Gesunde können nur ahnen, was es bedeutet, Gedanken und Bedürfnisse nicht mitteilen zu können. Das Eyegaze-System ist ein unbezahlbares Geschenk für mich", klingt Nicoles Computerstimme aus dem Lautsprecher. "Es hat mir ein Stückchen meiner früheren Unabhängigkeit zurückgegeben." Auf Nicoles Bettdecke stehen zwei Computerbildschirme, an denen sie nur mit Hilfe der Augen arbeitet. Es mutet wie ein Irrtum der Krankheit an, dass sie die Augen verschont. Diese Tatsache nutzt das Eyegaze-System: Es macht die Augen zur Computermaus.

Nicoles Blicke wandern auf einer Bildschirmoberfläche mit Buchstaben oder anderen Befehlsmenus herum. Statt eines Maus-Klicks fixieren die Augen das jeweils ausgewählte Symbol für einen kurzen Moment. Eine am Bildschirm angebrachte Infrarot-Kamera verfolgt die Augenbewegungen und setzt sie in Computerbefehle um. Das wichtigste Menu besteht aus einem Buchstabenfeld, ähnlich einer Tastatur. Nicole ist Weltmeisterin in der Bedienung ihres Schreibwerkzeugs. 0,13 Sekunden braucht sie pro Buchstaben. Genau so als würde sie mit den Fingern tippen, erscheint am oberen Bildschirmrand ihr Text. Mit einem Augenklick kann sie ihre Texte in gesprochene Sprache übersetzen lassen.

"Mit den Augen kann ich schneller schreiben"

"Mit den Augen kann ich schneller schreiben, als ich es früher mit den Fingern konnte", erklärt Nicole. Mit Eyegaze kann sie außerdem ein daran angeschlossenes Laptop ganz normal bedienen. Damit eröffnet der PC Nicole einen völlig neuen Zugang zur Welt: Sie kann also nicht nur sprechen und schreiben, sondern auch im Internet surfen, per E-Mail korrespondieren, Waren bestellen, Musik hören und Filme sehen. Außerdem schreibt sie Gedichte, die sie mit Hilfe ihrer Mutter veröffentlicht. Manche Nutzer koppeln das Gerät mit der Hauselektrik und schalten damit beispielsweise Lampen an und aus oder öffnen Fenster und Türen.

Das Eyegaze-System hat inzwischen vielen Menschen in ähnlicher Lage geholfen. Zu verdanken ist das dem 34-jährigen ehemaligen Zivildienstleistenden Gunter Schlosser aus Grasberg bei Bremen. Aufgerüttelt durch die Pflege einer völlig gelähmten Schwerkranken suchte er weltweit nach Hilfen, fand das Eyegaze-System in den USA, ließ sich dort ausbilden und vertreibt seither das Gerät europaweit. Leben kann man davon freilich nicht. "Das Gerät ist unter Fachleuten offenbar noch zu wenig bekannt", sagt Schlosser.

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten

Inzwischen übernehmen die gesetzlichen Krankenversicherungen - wenn auch nicht widerspruchslos - die Finanzierung. Das war nicht immer so. In einem Fall habe es zwei Jahre gedauert, bis die Finanzierung vor dem Sozialgericht erstritten war. Mehr Schwierigkeiten machen die privaten Versicherungen, die nicht ans Sozialgesetzbuch gebunden sind. In zwei Fällen sammelten die ehemaligen Arbeitskollegen der Erkrankten die rund 25.000 Euro. In einem Fall bezahlte der ehemalige Arbeitgeber - ein Weltkonzern - das Gerät.

"Ich bin mir ziemlich sicher, ohne diesen PC wäre ich nicht mehr am Leben", sagt Nicole, die gerne Ärztin geworden wäre. "Denn ohne ihn würde ich trotz der Liebe und Pflege meiner Familie nur noch vor mich hin vegetieren. Und ohne Lebensmut und Willen hätte ich den Kampf gegen diese Krankheit längst verloren."

Beate Ramm, AP

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