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Sprechstunde: Raus aus den fiesen Wortfallen

Unsere Sprache ist mitunter schwer verdaulich, hat unser Hausarzt Dr. med. Eckart von Hirschhausen diagnostiziert. Fette Begriffsungetüme wie "Metabolisches Syndrom" können bei falscher Anwendung sogar dick und krank machen.

Machen Wörter dick? Als Arzt und Kabarettist habe ich die Perkussion gelernt - das Abklopfen von Patienten und Wörtern. Ich mache Worthülsen den Oberkörper frei, um neue Freiheit im Kopf zu gewinnen. Ich versuche Sinn zu entblößen, Hintersinn und Unsinn. Wörter schaffen Bilder in unseren Köpfen und beeinflussen Entscheidungen.

Hätten Sie Skrupel, eine zu "97 Prozent fettfreie Milch" zu trinken? Natürlich nicht. Deshalb steht auf der amerikanischen Vollmilch auch So-gut-wie-fettfrei-Milch. Die Überlegung, dass drei Prozent der natürliche Fettgehalt ist und "Eutersekret" damit eher Nahrungsmittel als Getränk, findet im Kopf nicht mehr statt. Wenn ich drei Prozent in der Packung lasse, war es gefühlt ja praktisch nur Wasser... (Denken Sie jetzt eigentlich noch an "Eutersekret"? Fies, oder? Ein Les-Wurm, der so schwer lockerlässt wie ein Ohrwurm. Bei Wörtern muss man mindestens so vorsichtig sein, was man zu sich nimmt, wie beim Essen - gerade weil man sie öfter wieder von sich gibt.)

Rechtschreibprogramme kennen kein "Metabolisches Syndrom"

Kennen Sie das "Metabolische Syndrom"? Damit bezeichnen Ärzte die Kombination aus vier Risikofaktoren: zu hohe Fettwerte, zu dick, zu hoher Blutzucker und zu hoher Blutdruck. Für sich genommen schon schlimm, potenziert sich die Gefahr eines Herzinfarktes, Schlaganfalls und einer Zuckerkrankheit, wenn mehrere der Faktoren zusammenwirken. Ärzte wissen inzwischen, was das Metabolische Syndrom ist. Aber weder mein Rechtschreibprogramm noch irgendein Betroffener! Die Kombination ist nicht direkt schmerzhaft, nicht direkt sexy und nicht direkt zu verstehen.

Im Englischen ist "Metabolism" ein geläufiger Begriff für Stoffwechsel. Hierzulande klingt es wie "diabolisch". Und teuflisch stimmt. Das Wort "Syndrom" macht es nicht leichter. Denn Syndrome sind im allgemeinen Verständnis so wie das Downsyndrom: Angeboren, Unabänderlich und Schicksalhaft. Das A-U-S für die eigene Motivation. Das Metabolische Syndrom ist aber gerade nicht angeboren, sondern angefressen, um es deutlich auf Deutsch zu sagen. Und es ist nicht lebenslang, sondern lebensverkürzend, wenn man nichts unternimmt, damit man abnimmt.

Die fiesen vier Fallen

Weil ich nicht der Erste bin, der das "MS" für einen verunglückten Begriff hält (als Abkürzung ist er noch missverständlicher), wird inzwischen eine Umschreibung propagiert: Das "tödliche Quartett". Aber was habe ich als Schuljunge tief verinnerlicht? Beim Quartett ist das oberste Ziel: alle vier haben zu wollen. Ich schlage stattdessen vor, von den "fiesen vier Fallen" zu sprechen. Da ist klar, dass man eine Falle umgehen kann. Fies, weil unsichtbar und schmerzfrei. Wobei ein Bauchumfang von mehr als 102 Zentimetern beim Mann und mehr als 88 Zentimetern bei der Frau nicht direkt ein Mikroskop zur Diagnose braucht.

Im Kampf gegen die vier Fiesen gibt es drei Gute: die "3 Muskeltiere". Das erste, der Muskel, ist der Schlüssel zum Erfolg, denn Bewegung und Muskelaufbau verbessern Blutdruck, Blutfette, Blutzucker und Körpergewicht gleichzeitig. Die anderen beiden Muskeltiere, "anders essen" und "Entspannung lernen", helfen mit. Ich sage bewusst essen. Denn "ernähren" will sich doch keiner, oder? Ernähren ist Pflicht, essen Lust am Leben. Um die geht es, und sie beginnt bei den Wörtern. Wir Deutschen haben die körperfeindlichste Sprache der Welt. Das kleine Speckröllchen an der Hüfte heißt auf Französisch: poignée d'amour, für den Italiener: maniglie dell'amore, englisch: love handles. Wie poetisch, immer die gleiche Metapher: Das sind Griffe, um sich bei der leidenschaftlichen Liebe irgendwo festhalten zu können.

Auf Deutsch heißt es Rettungsring. Wer rettet uns vor unseren eigenen Wahnvorstellungen? Übrigens: Ein bisschen "Hüftgold" schadet nicht, ist im wahrsten Sinne eine krisensichere Anlage. Reden Sie darüber - aber nicht mit vollem Mund.

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