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Sprechstunde: Zwischen Tisch und Bett

Bei Frauen geht Liebe durch den Magen, hat unser Hausarzt Dr. med. Eckart von Hirschhausen festgestellt. Bei Männern geht sie tiefer. Und das ist die Crux: Denn wenn Frauen von "Sünde" träumen, geht es um Kalorien, nicht um Sex.

Vom griechischen Philosophen Diogenes wird erzählt, er habe auf dem Marktplatz onaniert. Daraufhin angesprochen, soll er gesagt haben: "Wie schön wäre es doch, wenn man ebenso einfach auch durch das Reiben des Bauches das Hungergefühl vertreiben könnte!" Essen und Sex sind die Urtriebe des Menschen. Kurioserweise sind Frauen und Männer davon unterschiedlich betroffen, haben aber wenig Mitleid mit den Neigungen des anderen Geschlechts. Die Crux besteht darin, dass der durchschnittliche Mann gern Sex mit vielen Frauen hätte, die meisten dieser Frauen aber keinen Sex mit ihm wollen. Und seine Frau will das erst recht nicht.

Der Psychologe Roy Baumeister belauschte ein Jahr lang informell Grüppchen von Männern und Frauen. Bei zwei Gesprächsthemen traten signifikante Geschlechtsunterschiede auf: Essen und Sex. Die weiblichen Unterhaltungen übers Essen waren reich an exquisiten Details; lebhaft beschrieben Teilnehmerinnen eine leckere Mahlzeit oder einen köstlichen Nachtisch, während die anderen wehmütig lauschten und die Wonnen in der Fantasie nachlebten.

Männer erzählen von ihren "Heldentaten"

Männern dagegen reichte es, sich kurz darüber auszutauschen, wo es die beste Currywurst gibt. Wenn sie von Restaurantbesuchen erzählten, dann meistens von der Bedienung. Und wenn es um die besten Rezepte ging, dann selten darüber, wie man einen Salat anmacht. Bei Frauen geht Liebe durch den Magen, bei Männern geht sie tiefer.

Männer erzählen gern von ihren "Heldentaten", detailliert, ohne Blatt vor dem Mund. Primitiv? Selbst bildungsnahe Schichten machen es nicht anders. Bei Geisteswissenschaftlern habe ich erlebt, wie sie am Rande einer Fachkonferenz ungehemmt darüber spekulierten, wie sich bestimmte Frauen wohl im Bett anstellen würden. Echte Fach-Simpel! Auch Frauen reden bisweilen gern "dirty", aber eher in amerikanischen Serien als in der europäischen Wirklichkeit. Wenn sie lüstern von "Sünde" sprechen, meinen sie Kuchen, nicht Kuscheln.

Die Kalorien- und die Sexbomben

Fazit des Psychologen: "Vielleicht würde es den Frauen helfen, die Schwierigkeiten der Männer mit der Monogamie zu verstehen, wenn sie die Nahrungsanalogie berücksichtigten. Die monogame Ehe ist für Männer ähnlich, als würde er seine Lieblingsspeise jeden einzelnen Tag für den Rest seines Lebens verzehren. Natürlich will man das, auch oft, aber hin und wieder wäre etwas anderes nett."

Wie viel Kalorien und wie viel Sex braucht man, um glücklich zu sein? Frauen wie Männer haben ständig das Gefühl, zu kurz zu kommen, ob nun bei Kalorien- oder bei Sexbomben. Warum? Weil wir vergleichen, ohne zu wissen, wie es bei anderen auf der Tisch- und unter der Bettdecke wirklich zugeht. Alle Umfragen dazu sind gelogen.

Männer geben nämlich gern an, wenn sie gefragt werden, Frauen geben ungern zu. Noch viel unangenehmer als Zugeben ist ihnen Zunehmen. Wenn man wirklich nichts gegessen hat, nimmt man auch wirklich nicht zu. So weit die Fakten. Aber es sind nicht die Fakten, sondern die empfundene Notwendigkeit, sich zu zügeln, verbunden mit dem Glauben, dass andere ihren Begierden ungezügelt nachgeben können, die uns unglücklich machen.

Gibt es ein Glücksrezept, um ein "Bratkartoffel-Verhältnis" scharf zu machen und warm zu halten? Schürze? Tabasco? Gönnen können? Ich weiß es doch auch nicht. Um mit der Kölner A-cappella-Gruppe Basta zu sprechen: Sex wird überschätzt. Lauch auch.

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