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Zum Todestag von Dominik Brunner: Die Wurzeln der Zivilcourage

Vor einem Jahr starb Dominik Brunner, weil er nicht wie die anderen wegsah, sondern eingriff. Forscher untersuchen, warum manche Menschen Zivilcourage zeigen und andere nicht.

Von Constanze Löffler

Am 12. September 2009 stellte sich Dominik Brunner vor vier Kinder, die von zwei Halbstarken bedroht wurden. Der 50-jährige Manager hat sein mutiges Handeln nicht überlebt. Brunner bewies Zivilcourage. Was unterscheidet ihn eigentlich von den Leuten, die auf dem Bahnsteig lieber wegschauten, die in der S-Bahn sitzen blieben, die nur gegafft und nicht eingegriffen haben?

Erst in den vergangenen Jahren haben Psychologen und Soziologen vermehrt das Phänomen Zivilcourage erforscht. In Zürich gibt es den einzigen deutschsprachigen Lehrstuhl, geleitet wird er von der Motivationspsychologin Veronika Brandstätter-Morawietz. Sie und ihre Kollegen untersuchten in verschiedenen Studien, was Helfer besonders macht: "Helfer sind selbstbewusst, sie fühlen sich in andere Menschen ein und tragen soziale Verantwortung", sagt Brandstätter-Morawietz. Menschen wie Brunner würden einfach darauf achten, dass sich Leute im Umgang miteinander an die Grundregeln des menschlichen Umgangs halten.

Zivilcourage beweist in Dror Zahavis gleichnamigen Fernsehfilm Peter Jordan (Götz George), der in Berlin-Kreuzberg ein Antiquariat betreibt. Jordan beobachtet, wie ein Jugendlicher aus einem nichtigen Anlass heraus einen Obdachlosen brutal zusammenschlägt. Er meldet den Vorfall der Polizei und zeigt den Jungen an. "Wir alle tragen bestimmte Werte in uns, die sich durch unsere Erziehung und unsere Freundschaften formen", sagt Regisseur Zahavi. "Diese Werte zwingen uns, auf eine bestimmte Art zu handeln." Zivilcourage bedeute, auszusprechen, wenn man mit einem Verhalten oder einer Situation nicht einverstanden ist. Und das auch in alltäglichen Situationen: Der Zivilcouragierte reagiert auf rassistische Bemerkungen in der Geburtstagsrunde, er klingelt an der Tür, wenn es in der Nachbarwohnung zu Handgreiflichkeiten kommt und lässt nicht zu, wenn der Chef über die abwesende Kollegin lästert.

Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn

Wie Oliver Düll aus Kelkheim. "Er hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn", sagt seine Freundin Sonia Idir über den 31-jährigen Finanzberater. "Oliver kann nicht weitergehen, wenn ihm etwas komisch vorkommt." Wie neulich am Frankfurter Hauptbahnhof. Ein angetrunkener Mann schreit eine Frau an, zerrt sie am Arm, die Frau ist verängstigt, weint. Dutzende Passanten eilen vorbei, Düll geht dazwischen. Er schickt den Mann weg und sagt der Frau, dass sie sich das nicht gefallen lassen müsse. Situationen wie diese kennen viele. Fasching 2008 halfen die beiden einem Mann, auf den ein anderer mit einer Eisenstange einprügelte. Hätten die beiden das Opfer nicht in ihr Auto gezerrt, wäre es heute wohl tot. Idir und Düll stellten sich anschließend als Zeugen zur Verfügung - auch das ist Zivilcourage. Nur weil sie den Täter eindeutig beschrieben, konnte das Gericht ihn zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilen.

Wissenschaftler interessieren sich für eine weitere Frage: Gibt es biographische Ähnlichkeiten zwischen Menschen, die selbstlos auf andere zu gehen? Woher rührt ihre Nächstenliebe? Erste Hinweise darauf lieferten Interviews, die Forscher mit den so genannten Judenrettern führten. Diese Leute versteckten Juden während des Zweiten Weltkriegs oder halfen ihnen bei der Flucht. Auch Gerd Meyer und Angela Hermann von der Universität Tübingen interessieren sich für Helferbiographien. Der Politologe und die Pädagogin befragten Berufsschüler zu Situationen, in denen diese eingegriffen hatten - oder nicht. Die Ergebnisse der verschiedenen Studien kommen zu einem ähnlichen Schluss: Helfer stammen vornehmlich aus Familien, in denen die Eltern mit ihren Kindern und untereinander fair umgegangen sind. Die meisten von ihnen haben zudem eine enge Bezugsperson erlebt, die ihnen Zivilcourage und Empathie vorgelebt hat.

Preis für Zivilcourage

Viele Helfer bleiben anonym. Um das zu ändern, vergibt die Fernsehsendung "Aktenzeichen XY ungelöst" seit sieben Jahren jährlich im September einen Preis für Zivilcourage. Auch Thomas Junker ist in diesem Jahr für den Preis nominiert. Der 40-jährige Betriebsmeister ertappte einen angetrunkenen Mann dabei, wie der sich im Gebüsch an einer Elfjährigen vergehen wollte. Junker ist einer, der mit offenen Augen durch die Welt geht. "Es passiert so viel, man muss doch schauen, was los ist." Den Vater von sechs Kindern, zwei eigene plus die vier Söhne seiner Lebensgefährtin, haben die Bilder des Geschehens lange verfolgt: Die angstgeweiteten Augen der Schülerin, die verdreckten Arbeitsschuhe des Täters und seine halb heruntergelassene Hose. Am 13.September wird Junker in Memmingen wieder auf den Täter treffen; auch er hat sich als Zeuge gemeldet.

Zivilcouragiert zu handeln, bedeutet eben auch, sich zu überwinden, sich gegen den Strom zu stellen und nicht immer auf Wohlwollen bei den anderen zu stoßen. Wenn Menschen helfen, geschieht das normalerweise spontan; in Bruchteilen von Sekunden entscheiden sie sich, etwas zu tun - oder eben nicht. Persönliche Einflüsse und die Umgebung beeinflussen die Entscheidung. Paradoxerweise wird umso seltener eingegriffen, je mehr Menschen an einem Tatort sind. "Wir orientieren uns daran, was die anderen tun oder meinen", sagt Brandstätter-Morawietz. "Wenn keiner etwas macht, glauben auch wir, mit unserem Nichtstun angemessen zu reagieren." Passives Verhalten wird zum Vorbild, Schweigen als Zustimmung gewertet.

Sich selbst schützen

Doch wer seine Kompetenzen realistisch einschätzt und im Alltag entsprechend reagiert, kann helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. In unzähligen Zivilcourage-Kursen kann man das mittlerweile bundesweit lernen. Für andere einzustehen kann auch bedeuten, nur den Notruf zu wählen und sich als Zeuge bereit zu halten. Vielleicht würde Dominik Brunner noch leben, wenn er weniger beherzt eingegriffen hätte. Letztlich erlag Brunner nicht den Verletzungen, die ihm seine Angreifer zugefügt haben. Stress und die Angst waren zu viel gewesen für sein krankes Herz.

  • Constanze Löffler