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Bioimplantate: Polster für kaputte Gelenke

Bisher bedeutete die Diagnose Arthritis oft steife Gelenke. Eine neuartige Therapie verspricht Abhilfe: Kleine Kissen zwischen den Gelenkknochen sollen die Beweglichkeit erhalten - ganz ohne Nebenwirkungen.

Eine Tasse Kaffee problemlos greifen, die Zeitung umblättern oder die Wohnungstür aufschließen - für viele Rheumapatienten nicht selbstverständlich. Denn bei der Autoimmunerkrankung können die Fingergelenke stark zerstört und die Finger so verkrümmt sein, dass alltägliche Bewegungsabläufe erschwert oder sogar unmöglich sind. An der Orthopädischen Klinik in Kassel wird, bundesweit einmalig, ein neues Verfahren mit Bioprothesen getestet, das die Funktion von Fingern und Zehen wiederherstellen und die Schmerzen beseitigen soll.

Dabei werden kleine Kissen auf Milchsäurebasis als Platzhalter zwischen die zerstörten Gelenkknochen eingesetzt, sagt Burkhard Mai, Leiter der Orthopädischen Rheumatologie in der Kasseler Orthopädischen Klinik. Diese Bioprothesen sollen verhindern, dass die einzelnen Knochen aneinander reiben.

Die Implantate lösen sich im Körper auf

"Durch sie kann auch Blut fließen, so dass Bindegewebe in die Implantate hineinwächst", sagt Mai. Nach etwa sechs Monaten habe sich das Bioimplantat dann weitgehend aufgelöst, so dass nur noch das Bindegewebe als Puffer zwischen den Knochen zurückbleibt. Die Idee, dass Implantate sich im Körper nach einer gewissen Zeit selbst auflösen, ist nicht neu. "Es gibt Nahtmaterial und sogar Schrauben, die im Körper abgebaut werden können", sagt der Wissenschaftler.

Wird eine Bioprothese eingesetzt, kann der Patient relativ schnell wieder seine Finger und Zehen bewegen. "Die Patienten müssen nach der Operation sechs Wochen eine Schiene tragen, die das Gelenk ruhig stellt", sagt die Orthopädin Sabine Mai. Danach sei eine krankengymnastische Behandlung erforderlich. Nach etwa drei Monaten könnten die meisten Patienten wieder normal arbeiten. Die Bioimplantate eigneten sich für Patienten mit Gelenkentzündung durch Rheuma oder Gelenkverschleiß durch Arthrose.

Stark verkrümmte Gelenke

Die 36-jährige Anne Balschun von der Rheuma-Liga aus Berlin hofft, dass das neue Verfahren den Patienten wieder Lebensqualität zurückgibt. Seit 22 Jahren leidet sie an einer schmerzhaften rheumatoiden Arthritis. Eine Folge sind stark verkrümmte Finger, was die Greiffunktion sehr einschränkt. "Es geht alles viel langsamer", sagt die 36-Jährige. Um die Funktion ihrer Hände möglichst lange zu erhalten, ist sie regelmäßig auf Medikamente, Ergotherapie und Krankengymnastik angewiesen. "Ich habe meine persönliche Schmerzgrenze festgelegt", sagt Balschun. Wird diese überschritten, wird sie sich operieren lassen.

Bislang stehen den Patienten nur eine Versteifung des Gelenks oder kleine Gelenkprothesen aus Silikon und Titan für die Finger und Zehen als Therapiemöglichkeit zur Verfügung. "Die Silikonimplantate können jedoch brechen", sagt Burkhard Mai. Außerdem führe ein stetiger feiner Abrieb des Silikons zu einer Lockerung der Prothese. Da vor 40 Jahren erstmals solche Prothesen eingesetzt worden sind, habe man entsprechende Langzeiterfahrungen sammeln können.

Vorteil gegenüber herkömmlichen Prothesen

Ein weiterer Nachteil sei, dass die Silikonprothese in den Knochen des Patienten verankert werden muss. Dazu müsse der Markknochen ausgehöhlt werden. Auch allergische Reaktionen auf das Silikon seien beobachtet worden. All dies falle bei den Bioimplantaten weg. Neben den normalen Operationsrisiken seien keine weiteren Nebenwirkungen bekannt. Das neue Verfahren eignet sich jedoch nicht für jeden Patienten. "Nicht geeignet sind Patienten mit sehr instabilen Gelenken und stark verrenkten Fingern", sagt Burkhard Mai.

"Wann Patienten von den Bioprothesen profitieren können, ist noch unklar. Langzeitergebnisse der Bioprothesen stehen noch aus", sagt Werner Siebert, Ärztlicher Direktor und Leiter des EU-Projektes "Bioprothese" an der Orthopädischen Klinik in Kassel. Auf Grund der bisherigen Ergebnisse erhoffen sich die Mediziner von den Bio-Kissen aber eine deutlich längere Haltbarkeit und bessere Verträglichkeit gegenüber Silikon-Implantaten.

Das aus Milchsäuremolekülen bestehende Material der Implantate wurde vor sechs Jahren von der Technischen Universität im finnischen Tampere entwickelt. "Europaweit sind bislang etwa 200 Patienten mit den Bioimplantaten behandelt worden", sagt Siebert. Die Studie, an der sich jeweils eine Klinik in Finnland, Schweden, Italien und Deutschland beteiligen, soll 2009 abgeschlossen werden. Danach hoffen die Mediziner auf die Zulassung der Bioimplantate.

Frank Leth/AP / AP
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