Costa Rica Der lange Weg der Schildkröten


Nun wandern sie wieder: In Costa Rica schleppen sich Millionen Meeresschildkröten an den Strand und legen Eier ab. Doch nicht nur natürliche Feinde bedrohen das Überleben der Art, sondern auch der Mensch.

Minutenlang lässt sich die Golfina-Schildkröte mit ihrem zentnerschweren Panzer immer wieder auf den dunklen Sand plumpsen. Es ist stockdunkel. Stampfgeräusche auch einige Meter entfernt und von anderen Stellen des Strandes von Ostional an der Pazifikküste von Costa Rica. Die Golfinas haben gerade eine gigantische Arbeit hinter sich, die sie und ihre Vorfahren seit Millionen von Jahren tun: Sie schleppen sich den Strand hinauf und suchen hier, wo sie selbst vor mindestens 20 Jahren geboren wurden, eine Stelle zur Sicherung ihrer Art. Sie buddeln mit den hinteren Flossen ein Loch in den Sand und lassen 100 bis 120 weiße Pingpongball-große Eier hineinplumpsen.

"Hier schlüpfen viele Millionen von Schildkröten", sagt Carlos Orrega, Direktor des Nationalen Refugiums zum Schutz der Meeresschildkröten ganz im Westen des mittelamerikanischen Landes. Denn allein in den Monaten Juli bis Dezember kommen 1,2 Millionen von ihnen in das Gebiet. 21 Kilometer Küstenstreifen hat Costa Rica zum Naturschutzgebiet erklärt, sieben Kilometer davon nutzen die insgesamt sieben Arten von Meeresschildkröten für die Eiablage. Noch auf dem Weg im Meer müssen sie Hindernisse überwinden. Zuletzt die bis auf den Meeresboden reichenden Netze der Garnelenfischerei-Industrie, in denen Wale, Haie und eben auch zahlreiche Schildkröten verenden.

Nur drei von zehn Eiern bleiben unversehrt

Orrega, ein Biologe aus Kolumbien, ist immer wieder überwältigt, wenn er in der Nacht die Tortugas bei der Eiablage beobachtet. "70 Prozent der Eier werden durch Einwirkungen der Natur zerstört", erklärt er. Fast mitleidig schaut er auf die Schildkröte, als diese wohl in dem festen Glauben, ihre Nachkommenschaft durch das feste Anstampfen des Sandes hinreichend gesichert zu haben, langsam zum Meer zurückkehrt und in den Wellen verschwindet.

Der nächste Morgen zeigt ein anderes Bild. Der Strand ist übersät von nicht mehr ganz weißen Hüllen der Eier. Überall in kleinen Abständen öffnen sich winzige Krater mit den Resten der Eier. Es sind tausende Vertiefungen. Zahlreiche Möwen und fünf Schwarzkopfgeier halten Ausschau nach der Köstlichkeit des Strandes von Ostional. "Es ist ihre Arbeit, den Strand sauber zu halten", sagt Orrega, fast verständnisvoll.

Schildkröteneier als Delikatesse

Weniger Verständnis hat er für den Raubbau der Menschen. Das in dieser Wildnis abgeschiedene Dörfchen Ostional besteht seit rund einem Jahrhundert, und die rund einhundert Familien leben ausschließlich von der Vermarktung der Schildkröteneier. 200 Eier in der Plastiktüte direkt am Strand kosten zehn Dollar (7,90 Euro). In Restaurants zubereitet sind sie teurer. "Der Mann markiert mit der Ferse die Stellen am Strand, wo die Frauen mit der Hand nach den Eiern graben müssen. Deshalb haben die Frauen im Dorf von Rheuma gekrümmte Hände", ereifert sich der Schildkrötenschützer.

Morddrohungen für den Tierschützer

Die Vorgänger Orregas haben es nie länger als drei Monate ausgehalten in Ostional. Sie wurden von den Dorfbewohnern bedroht und gaben auf. Auch Orrega hat zahlreiche Morddrohungen erhalten, weil die Leute ihm vorhielten, er wolle ihnen die Lebensgrundlage entziehen. Orrega hielt durch. Er versucht, mit Hilfe der jungen Leute auch die alten zu überzeugen, dass die Schildkröten die touristische Attraktion und die Zukunft der Gegend sein können: Aber nur zum Anschauen, nicht zum Verzehr.

Vor einem Jahr hat das Umweltministerium von Costa Rica Orregas Station am Strand ausgebaut. Zwei weitere Umweltschützer unterstützen den Kolumbianer in dem Bemühen, den Schildkröten das Überleben ihrer Art zu ermöglichen. Und es kommen Studenten aus den USA und Europa, um das Leben der urzeitlichen Tiere zu erforschen.

Franz Smets/DPA DPA

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