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Debatte um neues Supervirus: Gefahr aus dem Labor

Forscher haben eine Variante des Vogelgrippe-Erregers im Labor erzeugt, die hoch ansteckend und gefährlich ist. Nun ist ein Streit über die Veröffentlichung der Daten entbrannt. Die US-Regierung befürchtet, dass diese zum Bau von Biowaffen missbraucht werden könnten.

Vor einem Superreger, der tödlich ist und zudem leicht von Mensch zu Mensch weitergegeben wird, warnen Seuchenexperten schon lange. Ein geeigneter Kandidat, um eine schwere Pandemie auszulösen, wäre das Vogelgrippevirus H5N1, an dem über die Hälfte der seit 2003 knapp 570 erkrankten Menschen starb. Doch bislang stecken sich Menschen nur selten mit H5N1 an, das Virus wird kaum von Mensch zu Mensch übertragen. Anders als das Schweinegrippevirus, das sich rasant ausbreitete - aber zum Glück nur milde Symptome auslöste.

Würde ein Virus beide Eigenschaften etwa durch Mutation erlangen, wäre es eine echte Bedrohung - und könnte viele Menschen töten. Ein solches überaus gefährliches und hoch ansteckendes Virus wollen Forscher nun im Labor hergestellt haben. Über die Veröffentlichung der Daten ist eine heftige Diskussion entbrannt.

Die US-Regierung hat an Forscher und Wissenschaftsjournale appelliert, Daten über das im Labor entwickelte Supervirus unter Verschluss zu halten, wie das Journal "Science" am Mittwochabend bestätigte. Washington befürchtet, dass Terroristen mit dem neuen Virus, einer Variante des Vogelgrippe-Erregers H5N1, Biowaffen bauen könnten.

Einzigartiger Vorgang

Der Vorgang ist einzigartig. Noch nie zuvor habe sich die US-Regierung in die Veröffentlichung einer Studie eingeschaltet und Geheimhaltung empfohlen, erklärte "Science"-Chefredakteur Bruce Alberts. Üblich ist, dass Forscher alle Einzelheiten auf den Tisch legen, damit andere Kollegen die Studie wiederholen und ihr Ergebnis verifizieren können. Stattdessen schlug der Beraterausschuss für Biosicherheit im US-Gesundheitsministerium "Science" jetzt vor, nur das Ziel der Studie zu beschreiben, nicht aber die Experimente selbst.

Sie wurden von Ron Fouchier an der Erasmus Universität in Rotterdam und Yoshihiro Kawaoka an der US-Universität von Wisconsin durchgeführt. Fouchier hatte bereits im September auf Malta über sein neues Vogelgrippe-Virus gesprochen. Es seien nur fünf Mutationen nötig gewesen, um den Erreger hoch ansteckend zu machen, sagte er damals.

Suche nach Impfstoffen

Die Nationalen Gesundheitsforschungsinstitute (NIH) der USA in Bethesda hatten die Studien finanziert, um die Infektionsgefahr des H5N1-Virus besser einschätzen und Vorbeugung treffen zu können. Beide Arbeiten hätten gezeigt, dass das Infektionspotenzial des Virus für Säugetiere, Menschen eingeschlossen, deutlich größer sei als bisher angenommen, teilten die NIH jetzt mit.

Auch die beiden Forscher verteidigen sich damit, dass ihre Arbeit die Suche nach Impfstoffen und anderen Mitteln gegen das Supervirus fördert. Fouchier hat sein Papier derweil überarbeitet und kritische Daten herausgenommen, bestätigte "Science". Der Chefredakteur von "Nature", Philip Campbell, teilte mit, dass er derzeit mit dem Beraterausschuss für Biosicherheit im Gesundheitsministerium über die Veröffentlichung der Studie aus Wisconsin verhandle.

lea/DPA / DPA
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