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Flutkatastrophe: Intakte Umwelt hätte Tsunami gebremst

Die gewaltige Flutwelle im Indischen Ozean hat eine Natur getroffen, die schon viele Jahrzehnte unter Dauerstress steht. Eine gesunde Umwelt hätte die Flutwelle abbremsen und die Folgen für Siedlungen mildern können.

Naturschützer sind sich einig, dass eine intakte Umwelt das Beben und die nachfolgende Welle recht gut verkraftet und die Folgen für Siedlungen sogar hätte mildern können. Erst der Mensch macht nach ihrer Einschätzung einen Tsunami auch für die Natur zur Katastrophe. Durch Klimaänderung, Schadstoffe und Raubbau seien Meere und Küsten erheblich vorgeschädigt. "Die Natur kennt keine Katastrophen, sondern nur Veränderungen", sagt Stephan Ziegler von der Umweltstiftung World Wide Fund for Nature (WWF).

Die Auswirkungen auf Ökosysteme sind noch nicht im einzelnen klar, Zerstörungen gibt es wohl vor allem an den empfindlichen Korallenriffen. Allein vor der thailändischen Küste sind nach ersten Berichten zehn Prozent der Riffe betroffen. Einige brachen im Sog der Welle ab, andere wurden mit aufgewirbeltem Sand zugedeckt und werden nun vermutlich absterben.

Eine intakte Umwelt - ein natürlicher Puffer

An vielen Stellen habe sich gezeigt, dass Korallenriffe und Mangrovenwälder die Wucht der Flutwelle beim Auftreffen auf die Küste gebremst und so als natürlicher Puffer gewirkt hätten. Die Welle fiel dann nicht so hoch aus, auch wurde die Sogkraft des Wassers gemildert. WWF-Experte Ziegler nennt die Region Sundaban am Golf von Bengalen als Beispiel: "Dort haben die Mangrovenwälder ihren Job getan." Es gebe in der Region verhältnismäßig wenig Zerstörungen.

Früher habe es an 75 Prozent aller tropischen Küsten ausgedehnte Mangrovenwälder gegeben, berichtet Ziegler. Inzwischen sei ein großer Teil abgeholzt - entweder um Shrimp-Farmen Platz zu machen wie in Thailand, oder zur Landgewinnung, oder weil Einheimische das Holz als Baumaterial benutzten. Mehr als die Hälfte der noch vorhandenen ungestörten Gebiete seien bedroht.

Während Mangroven, die direkt am Wasser wachsen und mehrmals täglich vom Salzwasser überflutet werden, sich vermutlich recht schnell regenerieren, steht es um viele Korallenriffe schlimm. Die sensiblen Gebilde aus Kalk, Algen und Korallen leiden seit Jahrzehnten unter der Erd- und damit auch der Wassererwärmung. Viele bröckeln schon.

Durch Korallensterben verlieren Fische ihren Lebensraum

Um die Malediven herum seien bereits mehr als 70 Prozent der Korallen abgestorben, sagt Meeresbiologe Friedhelm Krupp vom Frankfurter Senckenberg-Institut. Steigt die Wassertemperatur, verschwinden die Algen, die Nahrung der Korallen. Das Korallengewebe stirbt ab, zurück bleibt ein nicht sehr stabiles Kalkgerüst. Es sei zu erwarten, dass schon geschädigte Riffe durch zusätzlichen Stress absterben, sagt Krupp. "Das summiert sich eben." Fehlen die Korallen, verlieren auch viele Fische ihren Lebensraum.

Für manche Fischarten könnte die Flutwelle allerdings sogar vorübergehend positive Folgen haben. Die Küstenfischerei wird vermutlich Wochen oder sogar Monate lang ausfallen, weil die Fischer ihre Boote reparieren oder ersetzen müssen. So lange haben die Fischbestände Zeit, sich zu erholen.

Naturschützer haben in den betroffenen Gebieten mit der Bestandsaufnahme nach der Katastrophe begonnen. Freilich standen in den ersten Tagen nach der Flutwelle die Schicksale der Menschen im Vordergrund. Viele WWF-Mitarbeiter hätten Angehörige verloren, berichtet Ziegler. In der schwer getroffenen indonesischen Provinz Aceh auf Sumatra wurde das WWF-Büro kurzerhand zum Krisenzentrum umfunktioniert, um Verletzten zu helfen und humanitäre Hilfe zu koordinieren.

Sabine Ränsch/DPA / DPA