GENFORSCHUNG Gen Parcours im Netz


An der Gentechnik scheiden sich die Geister. Den hochgesteckten Erwartungen stehen die dunkelsten Schwarzmalereien gegenüber.

Mit der Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes durch das »Human Genome Project« im Juni 2000 bieten sich nicht nur neue Möglichkeiten der Gentherapie in Krankheitsfällen, sondern rückt auch die Vorstellung von »genetisch maßgeschneiderten« Kindern näher. Dies ist zwar glücklicherweise noch utopisch, da das vielschichtige Zusammenspiel der Gene noch nicht annähernd ausgeleuchtet ist, dennoch stellen sich schon jetzt viele ethisch prekäre Fragen. Beispielsweise geht es darum, ob Versicherungen und Arbeitgeber Gentestdaten verlangen dürfen oder ob bei der Befruchtung im Reagenzglas Embryonen auf Gendefekte untersucht werden dürfen. »An der Gentechnik scheiden sich die Geister. Den hochgesteckten Erwartungen stehen die dunkelsten Schwarzmalereien gegenüber.« Mit dieser Einleitung will die Website »Fit für Gentech« ein Projekt des Schweizer Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landwirtschaft, Leser zur Meinungsäußerung auffordern. Wie würden sie entscheiden, wenn sich durch Gentechnologie eine Krankheit heilen ließe, sie in Kürze zum Supersportler avancieren könnten oder kaum noch ihre Pflanzen gießen müssten? Nach kurz beschriebenen Fällen kann der User Stellung beziehen. Klickt er beispielsweise auf »Ich lehne kategorisch ab«, wird ihm dargelegt, unter welchen Umständen andere Positionen zu rechtfertigen wären und welche wissenschaftlichen, rechtlichen und politisch-ethischen Argumente hier verwendet werden. Ebenso im Bereich der menschlichen Leistungsmanipulation durch Gentechnik liegt die Diskussion über »Gen-Doping«. Bevor das Hormon Epo als leistungssteigernde Wunderdroge in den Sportnachrichten Schlagzeile machte, wurde es schon lange bei Patienten mit beidseitigem Nierenversagen verwendet, um die Blutarmut zu bekämpfen. Aber auch im »Gen-Doping« gehen oft therapeutische Anwendung und missbräuchlicher Einsatz fließend ineinander über. So könnte beispielsweise Wissen über Möglichkeiten der gezielten Muskelfasertrimmung auch medizinisch für Menschen genutzt werden, die an Muskelschwund leiden oder gelähmt sind. Neben diesen Aspekten gentechnischer Eingriffe am Menschen erörtert »Fit für Gentech« auch den Einsatz der Gentechnik an Pflanzen und Nahrungsmitteln. Die Stiftung Warentest (Test 8/2000) ermittelte in 31 von 82 geprüften Lebensmitteln Spuren fremder Gene. Im Prinzip kommt es zwar zu keiner gesundheitsschädigenden Wirkung, da Gene, die ohnehin in der Nahrung vorkommen, für den Menschen ungefährlich sind. Allerdings erschwert sich die Lage für Allergiker, wenn fremde Proteine ohne Kennzeichnung in Nahrungsmitteln auftauchen. Weiteres zu gentechnisch veränderten Produkten erläutert der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. Im Bereich der Landwirtschaft könnten stressresistente Pflanzen gerade für Länder mit extremem Klima und unfruchtbaren Böden hilfreich sein. Verteidiger von »Biosalat statt Gentomaten« argumentieren jedoch, dass sich diese Pflanzen zu »Super-Unkräutern« entwickeln könnten, nicht nur Schädlinge, sondern auch nützliche Insekten geschädigt werden würden und die Gefahr der Weitergabe von Eigenschaften an Wildformen bestünde. In der medizinischen Forschung wird seit knapp zehn Jahren daran gearbeitet, Pflanzen gentechnisch dergestalt zu verändern, dass sie Antigene für bestimmte Krankheiten enthalten und das menschliche Immunsystem stimulieren, wenn sie gegessen werden. Den Vorteilen einer kostengünstigeren Produktion und einer einfacheren und schmerzloseren Verabreichung im Vergleich zu herkömmlichen Impfstoffen stehen die Risiken durch Schwierigkeiten in der richtigen Dosierung und Immuntoleranz bei unkontrollierter Einnahme gegenüber. Einem Bericht des Freiburger Öko-Instituts zufolge könnten sich auch neue Krankheitserreger bilden, wenn sich gentechnisch in Pflanzen eingebaute Virussequenzen mit natürlicherweise vorkommenden Viren verbinden. Ricarda Merkle


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