Jakob von Uexküll "Unser Konsum frisst die Erde auf"


Im Kampf gegen das Klimachaos fordert Jakob von Uexküll, Stifter des Alternativen Nobelpreises, Flugbeschränkungen, eine radikale Wirtschaftswende und einen verantwortungsvolleren Lebensstil. Ein stern-Gespräch.

Um unser Klima zu schützen, sollen wir nicht mehr fliegen, kaum noch Auto fahren und weniger konsumieren. Herr von Uexküll, sind Sie ein Spaßverderber?

Wenn es Ihnen Spaß macht, die Zukunft unserer Kinder zu zerstören, dann ja. Wer Spaß daran hat, ständig um die Welt zu jetten, der wird sich umstellen müssen - aber ich will niemanden ärgern. Ich bin nur der Botschafter wissenschaftlicher Erkenntnisse: Wenn wir den Flugverkehr nicht um mindestens 80 Prozent reduzieren, werden wir die Treibhausgase nicht im notwendigen Maße einschränken können. Das ist die Realität. Da sind radikale Einschnitte leider notwendig.

Wie stellen Sie sich diese Einschnitte vor?

Sie können zum Beispiel Flugstrecken von unter 600 Kilometern verbieten. Oder man könnte den Flugverkehr rationieren - dann bekommt jeder einen Berechtigungsschein, und wer nicht fliegt, kann dieses Flugrecht an Menschen verkaufen, die mehr fliegen wollen.

Dieser Vorschlag ist seit Kurzem Teil des Umweltprogramms der britischen Konservativen. Danach bekommt jeder Brite eine Summe "grüner Luftmeilen", ungefähr so viel wie für einen Hin- und Rückflug nach Spanien. Wer mehr fliegt, soll pro Flug eine Kopfprämie zahlen. Wundert es Sie, dass gerade die Konservativen nun ökologisch werden?

Es kann doch nicht die Ethik der Konservativen sein, die Erde zu zerstören. Das begreifen sogar die rechten Religiösen in den Vereinigten Staaten. Ein Vorreiter eines globalen Marshall-Plans für die Umwelt ist seit mehr als 20 Jahren der österreichische Ex-Vizekanzler und konservative Politiker Josef Riegler - konservativ und ökologisch geht also sehr gut zusammen. Natürlich werden die Lösungen einer ökologischen sozialdemokratischen Politik anders sein als die einer ökologischen konservativen Politik.

Wissenschaftler warnen seit zwei Jahrzehnten vor Veränderungen in der Atmosphäre. Warum gibt es jetzt plötzlich diesen politischen Konsens, dass eine von Menschen beeinflusste Klimaveränderung Wirklichkeit ist?

Das Gefühl ist doch schon seit Jahren da. Ich erinnere mich an einen der ersten alternativen Nobelpreisträger, Bill Mollison, der schon in den späten 70er Jahren in Australien das Konzept der Permakultur entwickelte. Dort leben Menschen in einer Gemeinschaft, in der mit erneuerbaren Energien gewirtschaftet wird und alle Ressourcen durch Stoffkreisläufe nachhaltig genutzt werden. Mollison hatte schon damals gesehen, dass sich die Umwelt in Australien durch menschlichen Einfluss zum Schlechteren verändert. Inzwischen kennt jeder Beispiele vom "verrückten Klima".

Die Politik merkt, dass das Thema jetzt aktuell ist, nicht erst in der übernächsten Wahlperiode. Die Menschen haben verstanden, dass, wenn wir jetzt nichts tun, die Katastrophe in wenigen Jahren vor der Tür steht.

Was muss nun unbedingt in Angriff genommen werden?

Wir brauchen eine Energiewende, die Technologien der erneuerbaren Energien müssen sehr viel schneller verbreitet werden. Wir brauchen eine Agrarwende, weg von der energieintensiven Agrarwirtschaft hin zur lokalen Produktion. Die Verkehrswende muss beginnen, mit einem radikalen Ausbau des Nahverkehrs und der Eisenbahn. Und wir müssen eine ökologische Steuerreform entwickeln, die diese Veränderungen beschleunigt.

Glauben Sie, dass neue Technologien das Klimachaos aufhalten können?

Ich hoffe sehr auf technologische Neuerungen, aber zu glauben, dass diese die alleinigen Lösungen bieten, erinnert an technologischen Fundamentalismus. Die Technik hatte ja nun einige Jahrzehnte Zeit; und das Klimachaos ist auch ein Zeichen für ein großes Technikversagen. Wie es auch ein Zeichen ist für das größte Versagen des Marktes an sich, das wir kennen.

Geht es also in der Klimadebatte um mehr als um die Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes?

Ja. Wir brauchen eine Politik, die ethisch und wissenschaftlich fundiert ist, und nicht mehr nur ökonomisch. Die ökonomische Katastrophe eines Staatsbankrotts ist in einer Generation überwunden, der ökologische GAU eines Umweltbankrotts aber wird in tausend Generationen noch nicht überwunden sein. Wir leben doch in einer Welt, in der wir den Totalitarismus des Ein-Partei-Systems fast überwunden haben, wie auch die absolute Macht der Kirche. Aber wenn der wirtschaftliche Sektor alle Bereiche des Lebens beherrscht, soll das die Höhe der Demokratie sein. Das ist natürlich Unsinn.

Ein Beispiel: Wirtschaftsvertreter sprechen davon, dass die Landwirtschaft in Industriestaaten "nur" noch circa zwei Prozent des Bruttosozialproduktes ausmache und deshalb zu vernachlässigen sei. Das ist, als säße man in einem Hochhaus und sagte, die Fundamente machten "nur" zwei Prozent des Hauses aus. Aber ohne die gäbe es das ganze Haus nicht!

Sie sprechen vom "kommerziellen Terrorismus" der Marktwirtschaft. Warum benutzen Sie diese Angstrhetorik?

Jahrelang haben diejenigen die Oberhand gehabt, die Umweltforscher lächerlich gemacht haben. Es wurde behauptet, dass der Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums aus dem Jahre 1972 übertrieben sei. Das stimmt einfach nicht. Die Verfasser haben sich vielleicht um ein paar Jahrzehnte verkalkuliert, zum Beispiel bei der Frage, wie lange das Öl reicht. Aber bei der fortschreitenden Bodenerosion waren sie sogar zu optimistisch.

Sie hatten recht damit, dass die Erde nicht ein immerwährendes Wachstum aushalten kann. Der Glaube an das unendliche Wirtschaftswachstum auf einer endlichen Welt - dazu muss man entweder verrückt oder Ökonom sein. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Markt war immer ein guter Diener unserer Gesellschaft. Aber im Moment ist er der Herrscher, und egal, wie wichtig, fundiert und ethisch ein Vorschlag ist, er kann immer mit einem Lächeln zurückgewiesen werden und der Frage: "Wer soll das denn bezahlen?"

Und, wie sollen wir den ökologischen Umbau bezahlen?

Der Ökonom John Maynard Keynes hat gesagt, dass eine Gesellschaft alles, was sie tun kann, sich auch leisten kann. Manche Schätzungen sagen, dass mit einem Prozent des Bruttosozialproduktes die Wende eingeleitet werden kann und dass die Kosten dann bis auf 20 Prozent steigen. Aber: Wenn die Erwärmung sich weiter fortsetzt, wird in Bangladesch bald 100 Prozent der Wirtschaftsleistung verschwinden, weil das Land unter Wasser steht, und wir werden mit einer halben Milliarde Umweltflüchtlingen allein aus Asien zurecht- kommen müssen. Die Frage ist doch: Wie viel des Bruttosozialproduktes verwenden Sie jetzt, um das Klima zu schützen? Und wie viel, um es zu zerstören?

Wie soll die Produktion umgestellt werden?

Dafür gibt es kein globales Patentrezept. Im Gegensatz zur Globalisierung glaube ich, dass der Mangel an Vielfalt absolut schädlich ist. Jedes Land wird seine eigenen Lösungen finden müssen - natürlich wird das in Deutschland anders aussehen als in Island oder in Ghana. Ein Beispiel: Es gibt das Ideal der müllfreien Wirtschaft. Wenn man Forschungen in diesem Bereich intensivieren würde, sodass von Anfang an Produkte hergestellt werden, die durch einfache Arbeitsschritte wieder auseinandergenommen und recycelt werden können - das wäre ein großer Fortschritt.

Müllfreies Wirtschaften funktioniert bisher allenfalls für Nischenprodukte.

Das Auto war auch zunächst ein Nischenprodukt - aber Nischen verbreitern sich, wenn Anreize geschaffen werden.

Geht es nicht im Wesentlichen darum, dass wir im industriellen Norden den Verzicht lernen müssen?

Die Verzichtsdebatte klingt immer so, als ob es Spaß macht, beispielsweise mit seinem Auto im Stau zu stecken. In China wird gerade die Öko-Stadt Dongtan auf einer Insel vor Shanghai gebaut. Dort wird man gar keine Autos brauchen, weil man überallhin zu Fuß gehen kann und der Nahverkehr immer Vorfahrt hat. Ist es ein Verzicht, in einer solchen Umgebung nicht Auto zu fahren? Oder im Energiesektor: Wenn ich meinen eigenen Strom durch Solarzellen oder Windräder produziere, bin ich nicht mehr abhängig von Stromkonzernen und deren Preispolitik. Das ist doch kein Verzicht.

Sie sagen also, dass weniger mehr sein sollte?

Es ist eine Tatsache, dass der Konsum die Erde auffrisst. Aber wenn der Konsum nicht mehr das oberste Lebensziel ist, dann wird vielleicht Nachbarschaftlichkeit wieder wichtig. Ich will nicht sagen, dass alles so bequem bleiben wird, wie es heute ist. Wir haben uns einen Lebensstil durch fossile Brennstoffe geschaffen, die wir in ein paar Generationen verbraucht haben. Die Frage ist, wie wir mit dieser Erkenntnis umgehen. Ich glaube, die meisten Menschen wollen nicht auf Kosten ihrer Kinder und Enkel leben. Das ist ein universaler Wert aller menschlichen Gemeinschaften. Jetzt müssen wir auf diesen globalen Notstand reagieren.

Wer soll diesen Wandel herbeiführen?

Die Politiker sollten nicht mehr jede Entscheidung der Wirtschaft unterordnen, sondern für zukünftige Generationen entscheiden. Jeder Einzelne sollte sich im Klaren sein, dass sein Leben eine Vorbildfunktion hat. Und die Wirtschaft steht vor einer großen Herausforderung. Es gibt die Dinosaurier, die gegen jede Veränderung ankämpfen. Aber die sollten sich das Beispiel der amerikanischen Autoindustrie vor Augen führen. Die kämpfte jahrelang erfolgreich gegen jede ökologisch-politische Einschränkung ihrer Produktion. Währenddessen entwickelten die Japaner neue, moderne, klimafreundlichere Modelle - und drückten die Amerikaner aus dem Markt.

Was halten Sie von einer Art Öko-Diktatur, die Ihre Forderungen ohne gesellschaftliche Abstimmung einsetzt?

Es gibt Leute, die sagen, wie gut, dass China keine Demokratie ist, weil so ökologische Entscheidungen sofort durchgedrückt werden könnten. Ich glaube dagegen, dass auch in einer Demokratie radikale Veränderungen möglich sind. Ernst Bloch sagte: Der Preis der menschlichen Freiheit ist, dass der große menschliche Augenblick auf ein zu kleines Menschengeschlecht treffen kann, das der Herausforderung nicht gewachsen ist. Dieses Risiko ist natürlich immer da. Aber daran glaube ich nicht. Ich sehe zu viele Projekte der Hoffnung, die heute schon funktionieren.

Was sind denn solche Ansätze?

Das deutsche Einspeisungsgesetz für Strom aus erneuerbaren Energien ist weltweit vorbildlich - Vertreter des Weltzukunftsrates haben es gerade Politikern im kenianischen Nairobi vorgestellt, und die waren begeistert. Dieses Gesetz hat allein in Deutschland Hunderttausende Jobs geschaffen und fördert neue Energien. Die solare Bauordnung von Barcelona sollte ausgebaut und verbreitert werden, das Nahverkehrssystem der kolumbianischen Stadt Bogotá mit eigenen Buslinien, besonderen Busstraßen und Autofahrverboten nach Nummernschildern ist ein Modell für jede Stadt, die sich kein U-Bahn-System leisten kann und trotzdem nicht den staubedingten Zusammenbruch der Innenstadt in Kauf nehmen will.

Die Bauwende, nach der Millionen Altbauten energiesparend renoviert werden können, wird Tausende neue Jobs schaffen. All diese Modelle sind richtig - wir müssen nur endlich damit anfangen, sie ernsthaft und so schnell wie möglich umzusetzen. Sonst kann es bald wirklich zu spät sein.

Interview: Cornelia Fuchs, Wolfgang Metzner print

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