Leserreaktionen Das sagen stern.de-Leser zum Kreationismus


Die Erde ist nur 6000 Jahre alt, Menschen und Dinosaurier lebten im Garten Eden zusammen, eine Evolution gibt es nicht - der Kreationismus erregt die Gemüter. Auch die der stern.de-Leser. Wir haben die wichtigsten Reaktionen und Meinungen zusammengefasst.

Im Journalismus gibt es Themen, die sind wie der berühmte Rote Knopf: Drückt man ihn, gehen unweigerlich die Sirenen an. Der Themenkomplex "Glaube und Wissenschaft" ist wie ein Raum voller roter Knöpfe. Einer der größten darin ist der Kreationismus-Knopf, weil er einen zwingt, über die großen Fragen nachzudenken und Stellung zu beziehen.

Der jüngste Knopfdruck bei stern.de war der Artikel "Am 23.10.4004 v. Chr. schuf Gott die Welt", der erläuterte, was Kreationismus eigentlich ist und von wem er wo und wie vertreten wird. Er rief zahlreiche Leserreaktionen hervor. Insgesamt übertraf der Umfang der Reaktionen der stern.de-Leser die Zeichenzahl des Artikels bei weitem. Wir haben die wichtigsten Aussagen und Positionen für Sie zusammengefasst:

stern.de antichristlich?


Kreationismus - das ist immer auch ein emotionales Thema. So führte der sachlich gehaltene Informationsartikel dazu, dass sich der stern von Leser S.H. den Vorwurf einer "antichristlichen Haltung" einhandelte. Diese manifestiere "sich nicht nur inhaltlich, sondern auch in geradezu spöttischen Formulierungen", findet S.H. Beistand erhielt stern.de von Leser Dialogus. Er hält diese Anschuldigung für "nicht tragbar" und begrüßt - Nomen est omen - den Dialog: "Ich finde es gut, dass solche Themen zur Diskussion gestellt werden. Aber wieder zeigt die Argumentation der 'Christen', dass, sobald man Ihrem Glauben gegenüber kritisch wird, sie nichts Handfestes entgegenzusetzen haben, sondern versuchen, den schwarzen Peter anderen zuzuschieben."

Kopfschütteln und Fassungslosigkeit
Es gibt nicht einen einzigen Kreationismus, sondern viele Strömungen. Die Aussagen der extremen Kreationisten-Vertreter - unter anderem, dass die Welt ist 6000 Jahre alt ist - verblüffte viele Leser. IsyAltklug befürchtet sogar: "Demnächst setzen wir uns dann in den Universitäten zusammen und diskutieren wieder wie im Mittelalter darüber, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen. Und die Erde ist eine Scheibe. Und im Jahr 4004 vor Christus gingen die Menschen mit ihren Dinosauriern Gassi. Wie hübsch und idyllisch." TheWurst ist fassungslos: "Da schüttelt man den ganzen Tag den Kopf über diese bekloppten Islamisten, und wird doch immer wieder daran erinnert, dass die Leute hier nicht weniger bekloppt sind... arme Welt."

Wunsch nach Einfachheit


Kreationisten machen es sich zu einfach, glauben viele Leser. Der Wunsch nach Regeln in einer immer komplizierteren Welt sei es, der sich Bahn bricht: "Wir leben zweifelsfrei in einer Welt, die immer komplizierter wird. Da sind für einfache Menschen einfache Lösungen gefragt", glaubt hiro42. Zugleich fragt er sich: "Kreationismus, Islamismus, Scientology, Rechtsextremismus - sind die Unterschiede und Motivationsgründe da wirklich so groß?"

Fitheach kann nicht verstehen, "wie es vernunftbegabte Menschen geben kann, die eine höhere Bildung genossen haben, die an einen solchen Schwachsinn auch nur ansatzweise glauben können." Man könne "mit offenen Augen durchs Leben gehen und sehen, was Herr Darwin, Herr Einstein und Heerschar von Archäologen herausgefunden haben."

Verlockende Einfachheit in Zeiten immer größerer Komplexität. ThomasBerner gibt zwar zu: "Der Glaube an die Evolution ist weitaus schwerer als der Glaube an einen intelligenten und allmächtigen Schöpfer-Gott". Doch für ihn ist die Evolutionslehre selbst ein Glaube. Doch dann stellt sich die Frage: "Wieso hat dann diese Evolutionsreligion so viele Anhänger?" Den Grund vermutet er in einem Dogma, dem die Evolutionsbefürworter anhängen: "Der Mensch hat Gott abgeschrieben, es darf Ihn einfach nicht geben, weil man Ihm ja sonst eventuell verantwortlich wäre."

Arroganter Mensch?


Oder ist es einfach nur die typisch anthropozentrisch-engstirnige Sicht? "Fällt es Menschen so schwer zu akzeptieren, dass sie Teil einer Entwicklung sind? Dass sie nicht die Krönung der Schöpfung sind, sondern nur die derzeitige Krönung, wenn man mal so will?", fragt sich fitheach.

Intoleranz und Unnachgiebigkeit auf beiden Seiten
Dogma Evolution gegen Dogma Schöpfung - und keine Beweise auf beiden Seiten: "Von der zweifelsfreien, bestätigten und bewiesenen Lehre sind wir genauso weit entfernt wie zu Zeiten Darwins", mahnt Sandy37. "Also warum bestehen die Anhänger dieses Glaubens so sehr darauf, dass ihre Erklärung zu Entstehung des Lebens die einzig Richtige ist, wo es doch in keiner Weise bewiesen wurde?"

Für Sachsenwinni tragen beide Seiten Schuld: "Es liegt an der dogmatischen Rechthaberei auf beiden Seiten, dass sie eine wissenschaftlich begründete Naturerkenntnis und den Glauben an eine höhere Intelligenz nicht unter einen Hut bringen können."

BlackJack plädiert für eine Entspannungspolitik: "Ich halte erstmal alle Erklärungsversuche für sinnvoll und wer sich der Wahrheit nähern will, sollte immer die Gegenmeinung mit einbeziehen. Wer nur seine (Nicht-)Religion für einzig wahr hält, ist meiner Meinung nach am weitesten davon entfernt."

Hat Wissenschaft Grenzen?


Kann Wissenschaft überhaupt alles erklären?, fragten sich viele stern.de-Leser. Nein, gibt Marcaurel1957 zu. Aber das rechtfertigt seiner Meinung nach nicht den Automatismus "wer nicht weiß, muss glauben": "Mich stört der ständige Hinweis darauf, dass die Wissenschaft nicht alles erklären kann und die daraus abgeleitete Schlussfolgerung, dass diese Lücken durch Glauben/Religion (basierend auf unbewiesenen Behauptungen) gefüllt werden können."

Nichtwissen als Herausforderung sehen und nicht als negative Rechtfertigung für einen Glauben - das möchte fitheach: "Sicherlich ist nicht alles erklärt, es gibt noch offene Fragen und die wird es hoffentlich auch bis in alle Ewigkeit geben, da es ansonsten arg langweilig wird."

So sieht das auch RomanTicker: "Darwin hat seine Evolutionstheorie nicht beweisen können, sie ist aber das Beste, was wir bisher haben." Man müsse seiner Meinung nach nicht immer automatisch in die "Kiste mit den übernatürlichen Wesen" greifen, "nur weil man etwas nicht verstanden hat."

Glaube und Wissenschaft sind vereinbar


Viele Leser waren der Meinung, dass Glaube und Wissenschaft sicht nicht ausschließen. Was spricht gegen die Evolution, wenn es vielleicht jemanden gegeben hat, der die Spielregeln aufgestellt hat?

"Natürlich ist die moderne Wissenschaft mit einem Gott und einer Schöpfung vereinbar, denn die Wissenschaft beschreibt vorhandene Naturgesetze. Sie kann aber nicht erklären, warum es diese gibt", sagt RomanTicker.

"Eine von Gott geleitete Evolution ist für mich auch eine 'Schöpfung'", sagt S.H. Und außerdem ist für S.H. "die Frage nach der Existenz Gottes ist keine wissenschaftliche, sondern eine philosophische."

Findet Gott Kreationismus gut?


Doch, wenn es einen Gott gibt - könnten ihm dann vielleicht sogar selbst die Standpunkte der Kreationisten missfallen?

Bernie-abg ist sich sicher, den "Beweis" dafür zu haben: "Ein Wort an die Kreationisten: Gott mag euch nicht! Sonst hätte er nicht das ganze schöne Öl bei den Moslems vergraben."

Jens Lubbadeh

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker