Reise Aufstieg im Drahtseilpakt

Pochende Herzen, bennende Muskeln, malerische Panoramen: Im Schweizer Kanton Obwalden können Anfänger auf Klettersteigen Wände erklimmen, die sonst nur Alpinisten schaffen.
Von Johannes Schweikle

Man kann gegen die Schweizer sagen, was man will. Aber wenn du in der Fürenwand hängst, bist du froh, dass Bergführer aus diesem Volksstamm mit schwerblütiger Gründlichkeit das Seil im Fels verankert haben, das dich über diesem gähnenden Abgrund hält. Die Wand fällt senkrecht in die Tiefe, unter dem Hintern sind 500 Meter Luft, die Bergstiefel stehen auf zwei bleistiftdünnen Stahlbügeln, die Hände hangeln sich an einem Seil quer an der Wand entlang. Schräg über dem Nichts hängt der Oberkörper, die Arme krampfen, und wenn du jetzt zwischen deinen Füßen nach unten schaust, geht gar nichts mehr.

"Wer normal sportlich ist und keine Höhenangst hat, der schafft diesen Klettersteig", hat Christian Aschwanden vorher gesagt. Unser Bergführer stammt aus der Innerschweiz, redet und bewegt sich bedächtig. Seine Arme sind so dick wie bei anderen Leuten die Schenkel, und sein Gesicht sieht jungenfrischer aus als bei anderen 41-Jährigen.

Klettersteige für die Amateure

Rund um Engelberg, am Fuß des 3238 Meter hohen Titlis im Schweizer Kanton Obwalden, geht er mit uns Klettersteige. Das sind Wege, die Wanderern ein Bergerlebnis verschaffen, wie es sonst nur geübte Alpinisten haben können.

Als Einstieg hat Aschwanden die Route am Brunnistöckli gewählt. Dieser Steig überwindet 200 Höhenmeter und wurde eigens für Anfänger und Familien angelegt. "Da kommst du auch mit dem Kinderwagen hoch", sagt er.

An der Bergstation des Sessellifts hilft er uns, die Ausrüstung anzulegen: Am Klettergurt hängt ein Spezialseil in YForm, versehen mit zwei Karabinerhaken, von denen jeder drei Tonnen hält. > Zum Schutz gegen Steinschlag setzen wir Helme auf.

Immer gesichert am Berg

Nach einem kurzen Zustieg erreichen wir das erste Fixseil: ein Stahlseil, einen Zentimeter dick, das alle paar Meter fest am Fels verankert ist. Hier klicken wir die beiden Karabiner ein und sind so auf dem ganzen Steig gesichert. Bis zum Gipfel begleitet uns das leise Surren der Haken am dicken Draht.

"Ich werde Karabiner-Fetischistin", sagt Manuela aus Stuttgart. Sie ist Mitte 30 und zierlich. Bisher war sie im Gebirge lediglich auf Wanderwegen unterwegs. Doch die Psychologie des Karabinerhakens wirkt bei ihr auf Anhieb: Spielend leicht kraxelt sie den Grat hoch. Wo sie am Fels keine Griffe fi ndet, greift sie zum Stahlseil und hangelt sich hoch.

Einige Passagen entsprächen, wären da nicht die Steighilfen, dem dritten Schwierigkeitsgrad der Alpinisten. "Am Matterhorn ist's auch nicht schwieriger", sagt Christian Aschwanden. Er gibt kaum Anweisungen, und das ist gut so: Körper und Geist kommen mit dem Klettern wie von alleine zurecht, weil das sichernde Seil die blockierende Angst nimmt. "Wenn einer nicht zwei linke Hände und Füße hat, kann er spätestens seinen dritten Klettersteig ohne Führer machen", sagt er, "verlaufen kann er sich ja nicht, wenn er einmal das Drahtseil gefunden hat."

"Oben machen wir Rast"

Vor und hinter uns klettern zahlreiche Kinder. Sie turnen intuitiv den Berg hinauf, ihre Gesichter zeigen, wie sehr ihnen diese Herausforderung gefällt. Auf der Hängebrücke über dem Teufelsschlund jauchzen sie vor Vergnügen. "Gell, oben machen wir Rast", wünscht sich eine Achtjährige mit blonden Zöpfen, ihr Vater stöhnt: "Hier ist ein Verkehr wie auf der A 7."

Im Ersten Weltkrieg wurden in den Dolomiten in großer Zahl Klettersteige angelegt - aus todernstem Anlass: Österreichische Gebirgsjäger kämpften gegen italienische, die Truppen mussten im Alpenkrieg auf gesicherten Pfaden ihre Stellungen erreichen. Als die verlustreichen Schlachten geschlagen waren, kamen Bergwanderer auf die Idee, die am Fels verbliebenen Fixseile für friedliche Zwecke zu nutzen.

Derzeit hat sich in den Alpen von Slowenien bis Frankreich ein regelrechter Klettersteig-Boom entwickelt. In Engelberg lockte man vor zehn Jahren die Sommergäste mit Bungee-Sprüngen. Als man merkte, dass dieser kurze Kick nicht urlaubsfüllend ist, legten Bergführer rund um den Ort vier Klettersteige an. Die klassischen Alpinisten schimpfen, weil sich plötzlich Flachlandtiroler durch senkrechte Felswände hangeln, die vorher ihrer Spezies vorbehalten waren.

Die Eigennordwand versinkt in den Wolken

Was die Puristen so ungern teilen möchten, erfahren wir, als wir vom Gipfelkreuz die Alpen betrachten. Ringsum sehen wir Variationen in Grün: tiefgrünen Bergwald, Kühe bimmeln auf sattgrünen Weiden, der Trübsee leuchtet türkisgrün. Darüber blendet der Titlis-Gletscher in strahlendem Weiß, die Eigernordwand versinkt in den Wolken, im Norden reicht das Panorama bis zum Vierwaldstättersee. Am Scheideggstock lässt sich die erdgeschichtliche Auffaltung der Alpen studieren, die Felsschichten sind hier gebogen wie ein Alphorn am Schallbecher.

Beim Abendessen in der Brunnihütte spüren wir unseren Körper. Die Muskeln an Armen, Rumpf und Rücken melden, dass sie heute arbeiten mussten, und das ist ein wohliges Gefühl. Auch nach dem Duschen fühlen sich die Handinnenfl ächen noch warm an. Manuela hat Muskelkater in den Armen, aber sie ist glücklich. "Beim Wandern hänge ich meinen Gedanken nach", sagt sie, "aber hier war ich ganz bei mir."

Die Wände der Hütte sind mit dunklem Holz getäfelt, die Familie am Nebentisch spielt Malefiz, hinter den kleinen Sprossenfenstern zucken Blitze wie in einer Theaterkulisse. Und die Bettwäsche im Lager unter der Dachschräge ist rotweiß kariert.

"Nichts für schwache Nerven"

In seinem großen Klettersteigatlas beschreibt Eugen Hüsler mehr als 880 verdrahtete Routen in den Alpen. Die Schwierigkeitsskala reicht von eins bis sechs, die Fürenwand in Engelberg bewertet er mit vier bis fünf. "Nichts für schwache Nerven", warnt Hüsler, "schwierig und sehr exponiert."

Am nächsten Tag hängen wir mitten in dieser Schwierigkeit. Es geht senkrecht die Wand hoch, und der Fels ist so glatt, dass die Füße ohne die künstlich angebrachten Stahlbügel keinen Tritt fi nden würden. "Die nackte Wand wäre eine Zehn plus", sagt Bergführer Aschwanden, "das würde ich auch nicht schaffen." Manuela sagt: "Ich wünschte, ich hätte Beine, so lang wie Barbie."

Richtig schlimm sind die Querungen. Weil du da automatisch zwischen den Füßen in die Tiefe schaust. Und weil du dich nicht an einem festen Geländer halten kannst, sondern nur an einem Seil, das nachgibt, wenn du dein Körpergewicht daranhängst. "Immer vorwärts machen", rät Aschwanden. "Sobald du anfängst, die Probleme zu studieren, geht nichts mehr." Zur Ablenkung weist er uns auf das Edelweiß weiter links in der Wand hin, und er muntert uns auf: "Jetzt wird's gleich wieder gemütlich."

Durch den Karabiner gesichert

Tatsächlich durchzieht ein Grasband die Wand, wie ein breiter Fenstersims, auf dem sogar ein paar Bäume wachsen. Eine rote Bank haben sie auf dieses Band gestellt, auf der verschnaufen wir, im Sitzen durch den Karabiner am Seil gesichert.

"Bisher ist mir noch keiner auf dem Klettersteig gestürzt", erzählt unser Bergführer, "aber an dieser Querung hat schon mal ein Gast blockiert." Er zitterte so, dass er keinen Schritt mehr gehen konnte. Aschwanden hat ihn dann zurückgeführt an eine Stelle, wo er stehen konnte, ohne sich festzuhalten. Für einen zweiten Anlauf hat er den Mann von oben mit einem 30-Meter-Seil gesichert, diese spürbare Verbindung zum Bergführer hat die Blockade im Kopf gelöst.

"Jetzt kommt der Hosenscheißertest", sagt Aschwanden fröhlich, als wir das letzte Hindernis erreichen. Die Fürenwand hat oben einen Überhang, eine 20 Meter lange Strickleiter überwindet diese Stelle. Ganz vorsichtig setzt du einen Fuß auf die nächste Sprosse, aber das Ding schwankt und schaukelt, 600 Meter über den Wiesen im Tal. Wenn du den Karabiner umhängen musst, klemmst du mit dem Arm eine Sprosse in die Achselbeuge, aber du zitterst bis hinunter in die Waden.

Hochgefühl im Berggasthaus

Umso stärker stellt sich das Hochgefühl im Berggasthaus über der Fürenwand ein. Noch nie im Leben hat ein Apfelkuchen so gut geschmeckt, der Triumph der Selbstüberwindung überhöht den Genuss, wir sitzen Aug' in Aug' mit dem Firnalpeligletscher.

Bei der Talfahrt mit der Seilbahn erfährt unser Hochgefühl noch eine Steigerung. Aus der Gondel sehen wir erst richtig, wie exponiert diese Wand ist. "Da seid ihr hochgekommen?", fragt ein Mitreisender. Wir genießen die Bewunderung in seinem Blick, und Manuela staunt über sich selbst: "Wenn ich vorher gewusst hätte, wie steil das ist, hätte ich mich nicht getraut."

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