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Sibirien-Expedition bei stern.de: Auf den Spuren früherer Leben

Sie sind Chirurgen, Finanzmakler, Programmierer oder Wissenschaftler, aber nebenberuflich arbeiten sie als Schamanen: Der Schamanismus erlebt in Jakutien eine kleine Renaissance.

T-Shirt-Wetter mit sengender Sonne in Permafrost-City Jakutsk – sogar mit einigen Straßencafés. Seit wir unsere Winterkleidung geholt haben, scheint die Sonne. Ein verrückter Zufall? Heute wollen wir uns mit dem Schamanismus beschäftigen, für den es nur die Kausalität gibt. Vielleicht scheint die Sonne, gerade weil wir unsere Winterkleidung geholt haben - Ludwig Boltzmann, der große Physiker, der als erster Wahrscheinlichkeitsvorstellungen in die Physik einführte, würde sich bei diesen Überlegungen wohl im Grabe umdrehen. Heiterer Stimmung gehen wir zu unserem ersten Treffen mit einer Schamanin. Offenbar scheinen sich für schwere Problemgedanken eher die dunklen Wintermonate des Jahres zu eignen. Welche Vorstellungen über Schamanen in der jakutischen Geschichte begegneten uns auf unserer Fahrt durch Zentraljakutien?

Zu dumpfen Trommelrhythmen tanzt sich ein Schamane langsam in Trance, verdreht die Augen, sein Körper zuckt unwillkürlich und er nimmt Kontakt zu anderen Welten auf, um Menschen zu heilen oder um in die Zukunft zu sehen. Tieropfer werden gebracht, bei besonders schweren Erkrankungen sogar Kühe oder Pferde. Die Bedeutung eines in prächtige Felle gekleideten Schamanen zeigt sich an der Anzahl der langen und dünnen Fellstreifen, die er an seinem Gewand trägt. Diese nehmen sukzessive zu, da er für jede gelungene Heilung von dem nun wieder gesunden Menschen einen Fellstreifen für sein Gewand geschenkt bekommt.

Dieses Bild vom Schamanismus gewannen wir, als wir die Alaskultur der Jakuten während der vergangenen Jahrhunderte auf unserer Fahrt durch die Taiga studierten. Es ist eine für uns sehr fremde Welt, die wir kaum verstehen, sondern nur beschreiben können.

Nachdem wir die jahrhundertealten Rituale des Schamanismus an verschiedenen Orten Zentraljakutiens kennen gelernt haben, wollen wir Formen des Schamanismus im 21. Jahrhundert erfahren. Wir hoffen, dass wir diese moderne Welt des Schamanismus zumindest verstehen können, da viele Jakuten, obwohl sie als Finanzmanager, Computerspezialisten oder Wissenschaftler ihr Geld verdienen, aus diesem vom Schamanismus geprägten Weltbild ihr Selbstverständnis ableiten.

Wir besuchen ein Zentrum des traditionellen Schamanismus am Stadtrand von Jakutsk, das von Anhängern des Schamanismus in den letzten zehn Jahren aufgebaut wurde. Während der Zeit der Sowjetunion war der Schamanismus verboten. Stalin wollte ihn gänzlich ausrotten und ließ alle bekannten Schamanen ermorden. Heute erlebt der Schamanismus in Jakutien eine kleine Renaissance. Wir werden von der Schamanin Klavdia Maxsimova , "Saina" genannt, empfangen. Um die Atmosphäre zu reinigen, gibt sie einige Pferdehaare und etwas Kumys, gegorene Stutenmilch, in das offene Kaminfeuer. Dann ist sie bereit, unsere Fragen zu beantworten.

Wie wird man Schamane?

Schamanismus ist kein Beruf, den man erlernen kann. Viele Schamanen arbeiten hauptberuflich u.a. als Chirurgen, Finanzmakler, Programmierer oder Wissenschaftler. Meist ist Schamanismus eine Familientradition. Fast immer bildet eine schwere Krankheit die Zäsur. In dieser Krankheit erkennt der Mensch seine Berufung zum Schamanen. Schamanen können heilen oder in die Zukunft sehen oder beides gleichzeitig. Schamanen sehen energetische Felder um einen Menschen. Sie heilen u.a., indem sie das energetische Feld eines Menschen wieder ordnen.

Das Drei-Welten-Modell

Nach Auffassung der Schamanen ist die Welt in drei Teile geteilt. Es gibt die Oberwelt, in der die weißen und guten Geister leben, die Mittelwelt, welche unserer Lebenswelt entspricht, und die Unterwelt, in der die dunklen und bösen Geister leben. In der Oberwelt gibt es nur positive Energie, in der Unterwelt nur negative. Das ist der Grund, weshalb es dort keine Entwicklung gibt, diese entsteht nämlich erst durch das Zusammenspiel von positiver und negativer Energie in der Mittelwelt, so dass sich der Mensch weiter entwickeln kann. Der Schamanismus empfindet sich nicht als Religion, und so sehen auch die von uns befragten Schamaninnen keinen Gegensatz zur russisch-orthodoxen Kirche.

Die Maultrommeltherapie

Jeder von uns sitzt auf einer Bank auf einem kleinen Teppich. Wir sitzen entspannt und schließen die Augen. Es ist absolute Ruhe. Die Schamanin spielt nach einiger Zeit Melodien auf der Maultrommel und geht dabei langsam im ganzen Raum herum. Die Töne werden mal leiser, mal lauter. Nach einiger Zeit verstummen sie ganz.. Nur leise knistert das Kaminfeuer. Dann sollen wir wieder die Augen öffnen und über unsere Gefühle und Gedanken berichten. Alle fühlen sich deutlich frischer, aber über besondere Gedanken während des Spiels der Maultrommel vermag kaum einer zu berichten. Mit der Maultrommeltherapie soll der Vernunft orientierte Mensch für andere Welten geöffnet werden.

Lebensspirale und Wiedergeburt

Der Geist ist für die Schamanen unsterblich und nicht an Materie gebunden, eine auch für uns deutsche Schülerinnen und Schüler nicht unbekannte Vorstellung. Er hat die Möglichkeit, die von der Spirale des Lebens angebotenen verschiedenen physischen Formen anzunehmen. Der Geist beginnt auf der niedrigsten Stufe der Lebensspirale und wird als Mineral geboren. Einfache Steine können aber keinen Geist besitzen. Über Wiedergeburten in Pflanzen und Tieren steigt der Geist auf der Lebensspirale bis zum Menschen auf. Als Mensch wird der Geist so lange wiedergeboren, bis er genug Weisheit erlangt hat, um ein Geist der Oberwelt zu werden. Begeht ein Mensch jedoch eine große Sünde, so kann sein Geist zurückgestuft werden. Der Geist eines Menschen kann sich dann beispielsweise in der Form eines Vogels wieder finden. Geister der Oberwelt können sich freiwillig zu Menschen zurückstufen lassen, da sie manchmal das Bedürfnis nach Entwicklung haben und Entwicklung gibt es nur in der Mittelwelt, in der sich positive und negative Energien mischen.

Wir fragen eine Schamanismus-Forscherin der Universität Jakutsk nach den Gründen dieser Vorstellungen von Wiedergeburten. Eine Erklärung fanden wir besonders überraschend. Die Schamanismus-Forscherin arbeitete noch zu Zeiten der alten Sowjetunion in einem Institut, das sich mit einem weltweiten genetischen Vergleich verschiedener Volksgruppen beschäftigte. Die Jakuten, die vor über tausend Jahren von Süden kommend langsam die Lena aufwärts diesen Raum besiedelten, wiesen eine sehr große Übereinstimmung mit dem genetischen Material der Hindi in Indien auf. Sollten die Vorstellungen der Wiedergeburt der jakutischen Schamanen letztlich aus Indien stammen?

Das Unbewusste

Die Vorstellung der Wiedergeburten ist für uns ziemlich fremd und konfrontiert uns mit unseren eigenen religiösen Vorstellungen. Was glauben wir? Die Diskussion der eigenen religiösen Überzeugungen ist nach unserer Ansicht in Europa stärker tabuisiert als die Diskussion sexueller Themen. Vielleicht darf man als Schüler auch mal anmerken, das viele religiöse Vorstellungen in Europa mindestens genau so exotisch anmuten wie das Modell der Wiedergeburt. Aber bei Modellen muss man auch nach ihrer jeweiligen Erklärungskraft fragen. Dazu treffen wir uns mit Anna Chastaeva, einer "modernen Schamanin". Sie würde man auf der Straße nicht als Schamanin erkennen und sie lehnt auch alle schamanistischen Rituale ab. Das Gespräch ist ihr wesentliches Medium. Sie erläutert uns, dass nach den Vorstellungen des Schamanismus das Unbewusste in zentraler Weise das Leben bestimmt.

Dies erinnert uns an die Psychoanalyse Freuds und auch an die Ergebnisse der modernen Hirnforschung, nach denen sich unser Ich oft nur einbildet, bestimmte Handlungen zu entscheiden, die in Wirklichkeit längst von unserem Unbewussten verursacht wurden. Anna Chastaeva erläutert uns, dass der Geist eines jeden von uns in seinen vielen Leben in verschiedensten Formen sehr viel erlebt habe. Diese Erlebnisse bestimmen auch unser heutiges Leben.

Wir wollen mehr über unseren Geist in seinen früheren Formen erfahren und verabreden uns mit ihr am nächsten Tag zu Einzelgesprächen, in denen sie jedem von uns über seine früheren Leben berichten will. Auch über Krankheiten sollen wir berichten, damit sie diese vielleicht heilen kann. Wir sehen dem nächsten Tag sehr skeptisch entgegen. Am nächsten Mittag sitzen wir an einem großen Tisch in der Universität und jeder von uns wird einzeln zum Gespräch in ein Nebenzimmer gerufen. Jeder, der zurückkommt, wird lautstark empfangen und muss aus seinen vorherigen Leben berichten. Scheinbar haben fast alle von uns schon mal in Russland gelebt, aber auch England, Amerika, Frankreich oder China wurden von uns in früheren Leben schon aufgesucht. Dort waren wir Wissenschaftler – Herr Völckner soll in Frankreich sogar eine bisher unbekannte Pflanze entdeckt haben – Sänger, Kaufleute oder Flieger.

Interessant finden wir den hinter diesen Vorstellungen stehenden Kompensationsgedanken. Einer von uns – sehr friedlich und sehr unreligiös – war in seinem früheren Leben Kampfmönch in China und zehnmal hintereinander Priester verschiedener Religionen gewesen. Seine Aggressionen und seine spirituelle Kraft müssen sich erst im Laufe der nächsten Leben wieder allmählich aufbauen. Aber auch die Toleranzvorstellung finden wir sehr sympathisch, die sich aus dem Leben in verschiedenen Ländern und Kulturen ergibt. Einige schilderten der Schamanin auch familiäre Probleme, um einmal zu sehen, welchen Zugang sie zur Problemlösung sucht. Aber auch kleinere Wehwehchen wie leichte Allergien wurden behandelt und waren am nächsten Tag verschwunden. Aber vielleicht wären diese Wehwehchen am nächsten Tag sowieso verschwunden?

Eine Jakutin erzählt uns, dass sie häufig Alpträume mit großer Atemnot gehabt habe, in denen sie ertrunken sei. Eine Schamanin habe dies auf ihr früheres Leben in Ägypten zurückgeführt, in dem sie im Nil ertrunken sein soll. Diese Erklärung habe ihr so geholfen, dass diese Albträume und die damit einhergehende Atemnot verschwunden seien. Wenn auch die Weltvorstellungen des Schamanismus uns fremd sind, so können wir sie doch jetzt nachvollziehen. Viele Gefühle, die uns bekannt sind, werden durch diesen Naturglauben nur anders beschrieben. Ein jakutischer Begleiter auf unserer Expedition umarmte Zitterpappeln in der Taiga und wünschte sich gute Erfahrungen für sein Leben. Dies Gefühl des Einsseins mit der Natur ist wohl für uns alle nachvollziehbar. Vielfach scheint uns der Schamanismus neue Perspektiven auf uns bekannte Gefühle zu bieten.

Zivilisation

Die mit Zivilisation und Erziehung einhergehenden Zwänge werden immer stärker, da die von außen kommende Verbote immer mehr verinnerlicht werden und uns einschränken. Dies verschließt bei uns die Verbindung zwischen Verstand, Intuition und Emotion. Bei Kindern ist diese Verbindung noch offen. Beide Schamaninnen betonen, dass sie sehr viele Besucher haben, die vor dem Hintergrund großer zivilisatorischer Ansprüche und der auch heute noch sehr unberechenbaren eigenen Zukunft in den GUS-Staaten Rat suchen.