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Umweltbelastung: Traumschiffe als Dreckschleudern

Gigantische Kreuzfahrtschiffe wie die "Queen Mary II" bringen viele Menschen zum Träumen. An Schwerölabfälle, Feinstaubbelastung und Klimawandel denken beim Anblick der Ozeanriesen nur die wenigsten.

"Nach UN-Angaben stammen 16 Prozent aller Schwefelemissionen aus Mineralölverbräuchen von Schiffen", sagt der Sprecher der Internationalen Stiftung für Seerecht, Ludwig Rademacher. Von den massiven Belastungen des rasant steigenden Schiffsverkehrs seien neben Weltmeeren und Küsten auch die Häfen bedroht. Während sich Lübeck und Kiel für Landstromanlagen rüsten, um für bessere Luft zu sorgen, blicken Experten in Hamburg dieser Lösung zunächst skeptisch entgegen.

Dabei ist das Thema in der Elbmetropole, in der zur Zeit das gigantische Bauprojekt HafenCity entsteht, jüngst wieder aufgekocht. Laut einem von der Stadt in Auftrag gegebenen Schadstoffgutachten ist an den geplanten Gebäuden in unmittelbare Nähe des künftigen Kreuzfahrtterminals mit einer Grenzwertüberschreitung von Stickstoff- und Schwefeldioxid sowie Feinstaub zu rechnen. Die Planer der HafenCity haben bereits reagiert. "In unmittelbarer Terminalnähe dürfen zwar Bürogebäude aber keine Wohnhäuser entstehen", sagt eine Sprecherin der Behörde für Stadtentwicklung. Die Büros würden kontrolliert belüftet, indem die Raumluft aus unbelasteten Bereichen abgesaugt und zusätzlich gefiltert werde. Außerdem könnten die Fenster zur Terminalseite nicht geöffnet werden.

Ähnliche Probleme bewegen die Hansestadt Lübeck. Die Anwohner des mitten in bewohntem Gebiet liegenden Nordlandkais klagen seit Jahren über die Schadstoffe, die die Tag und Nacht laufenden Dieselmotoren der Schiffe produzieren. Dem zu Lübeck gehörenden Ostseeheilbad Travemünde droht, seinen Status als Heilbad zu verlieren, wenn es nicht gelingt, die Luftqualität erheblich zu verbessern. Doch Besserung ist in Sicht. Noch im Februar soll der Bau einer Pilotanlage zur Landstromversorgung während der Liegezeiten beginnen.

Alleingänge sind unrealistisch

Auch der Kieler Seehafen - mit 115 Kreuzfahrern in dieser Saison - richtet sich auf die moderne Energieversorgung ein. Beim Bau des neuen Ostseekais, an dem von Ende April die großen Schiffe anlegen sollen, werden Rohre verlegt, die für eine Landstromversorgung genutzt werden können. Marketingchef Hein Bachmann verweist aber auch darauf, dass ein Anschluss nur Sinn mache, wenn die Schiffe länger im Hafen liegen. Hinzu kommt der riesige Strombedarf: Ein großer Kreuzfahrer brauche 10 bis 15 Megawatt, berichtet er. Wenn der Anschluss für alle Schiffe Pflicht wäre, müssten neue Kraftwerke gebaut werden.

Vor allem die Reedereien müssen bei einer Landstromversorgung mit höheren Kosten rechnen. Denn im Gegensatz zum Strom aus dem Netz ist das für die Schiffsmaschinen genutzte Schweröl steuerfrei. Hinzu kommt der Umbau der Schiffe, die entsprechende Übernahmestationen benötigen, um Strom aus der Steckdose beziehen zu können. Das erweist sich in Hamburg als problematisch, wo jährlich 12 000 Schiffe mit ihren Gütern aus aller Welt einlaufen.

Realistisch könne die Landstromversorgung im zweitgrößten Hafen Europas frühestens in zehn Jahren umgesetzt werden, sagte der Sprecher des Verbands Deutscher Reeder, Max Johns. "Die Schiffe in Hamburg fahren kreuz und quer durch die ganze Welt, da müssen wir uns auf internationale Standards einigen." Ein Alleingang Hamburg wäre ein klarer Wettbewerbsnachteil.

Jenny Tobien/DPA

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