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Vorfahren von Affe und Mensch: Zögerliches Ende einer Affäre

Neue Gen-Analysen deuten darauf hin, dass die Vorfahren von Mensch und Affe nicht vor sieben Millionen Jahren, sondern erst viel später getrennte Wege gegangen sind - und wohl noch lange Zeit miteinander Sex hatten.

Mensch und Affe hatten einen gemeinsamen Vorfahren - doch wann der zuletzt gelebt hat, ist noch umstritten. Als heißester Kandidat galt bislang Sahelanthropus tchadensis, auch Toumaï genannt, dessen fossiler Schädelknochen im Tschad gefunden wurde und auf ein Alter von rund sechs bis sieben Millionen Jahre datiert wurde. Da parallel genetische Analysen den Zeitraum der Abspaltung der menschlichen und der Affenlinie auf sieben Millionen Jahre festlegten, vermuteten Wissenschaftler, dass Toumaï entweder einer der frühesten Akteure in der Entwicklung des Menschen, oder der letzte gemeinsame Vorfahr von Mensch und Affe gewesen sein könnte.

Vorfahren des Affen und des Menschen paarten sich

Eine neue Analyse des menschlichen und des Schimpansengenoms bringt diese Sichtweise ins Wanken. Für ihre Studie analysierten die Biologen des Broad-Instituts in DNA-Analysen 800 Mal mehr Gene als in früheren Untersuchungen, insgesamt 20 Millionen Basenpaare von menschlicher, Schimpansen-, und Gorilla-DNA. Das ermöglichte es ihnen, den Zeitraum der evolutionären Trennung wesentlich genauer zu bestimmen als zuvor.

Ihre Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass die Abspaltung der beiden Linien früher stattfand als bislang angenommen, wesentlich länger dauerte und "ungewöhnlich" verlief, wie es Eric Lander, Gründungsdirektor des gemeinsamen Instituts der Hochschulen MIT und Harvard im US-Staat Massachusetts, vorsichtig formuliert.

Mit anderen Worten: Während der Trennungsphase muss es zu Paarungen zwischen den Vorfahren des Menschen und des Affen gekommen sein. "Uns ist es zum ersten Mal gelungen, die in der DNA festgelegten Einzelheiten zu sehen", sagte Eric Lander. "Das mindeste, was sie uns sagen, ist dass die Artenbildung von Mensch und Schimpanse sehr ungewöhnlich war."

Trennung fand später statt und dauerte lang

Nach Erkenntnis der Forscher teilte sich eine frühe Affenart erstmals vor etwa zehn Millionen Jahren in zwei getrennte Populationen auf. Nach einigen Jahrtausenden fanden beide Gruppen wieder zusammen, hatten sich bis dahin jedoch genetisch etwas unterschiedlich entwickelt. Bei der Paarung entstand dann eine dritte Mischart, die sich wiederum mit einer oder beiden Elternpopulationen gekreuzt haben könnte.

Später, vor etwa 6,3 bis 5,4 Millionen Jahren, bildeten sich schließlich zwei getrennte Linien heraus, aus denen Mensch und Schimpanse entstanden. Die Trennungsdauer könnte sich demnach über einen Zeitraum von einer Million Jahren hingezogen haben - während der es immer wieder zu Kreuzungen der beiden Linien gekommen sein könnte.

Andere Evolutionsexperten äußerten sich zwar skeptisch über dieses konkrete Szenario, zeigten sich aber dennoch beeindruckt von der Untersuchung. "Es ist eine extrem clevere Analyse", sagte Daniel Lieberman, Professor für biologische Anthropologie in Harvard. "Ich kann mir nur schlecht vorstellen, wie ein aufrecht gehender Hominid und ein Schimpanse im jeweils anderen einen geeigneten Partner sehen könnten - um es nicht zu plump auszudrücken."

"Es hat viele Überraschungen gegeben"

Frühere Studien zum Vergleich der DNA von Mensch und Schimpanse konnten den Zeitpunkt der Trennung nur schätzen, indem sie die durchschnittlichen Abweichungen zwischen den Genen berechneten. Demnach gehen beide Arten seit etwa sieben Millionen Jahren getrennte Wege. Mit der neuen Studie konnten die Forscher hingegen auch untersuchen, wie sich einzelne Abschnitte des genetischen Codes entwickelt haben. Ihre Ergebnisse sollen demnächst im Fachmagazin "Nature" erschienen.

"Es hat viele Überraschungen gegeben", sagte Lander. Unter anderem habe die Abspaltung offenbar deutlich länger gedauert als bisher vermutet. In einigen Abschnitten seien die genetischen Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse so groß, dass diese Gene seit fast zehn Millionen Jahren voneinander isoliert gewesen sein müssten. An anderer Stelle dagegen ähnelten sich beide Gene so stark, dass sie sich noch vor höchstens 6,3 Millionen Jahren überlappt hätten.

lub/AP / AP
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