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Stars der Biokiste: Die Sprossen

In Samen schlummert geballte Lebenskraft. Viele Keime enthalten mehr Vitalstoffe als später die ganze Pflanze.

"Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", schrieb Hermann Hesse. Gut möglich, dass er dabei auch jenen wundersamen Prozess im Sinn hatte, mit dem die Natur aus unscheinbaren Samen neues Leben wachsen lässt. Denn so dröge Erbsen, Linsen oder Getreidekörner auch scheinen: In ihnen schlummert geballte Lebenskraft. Wasser und Sauerstoff – mehr ist nicht nötig, um ihnen einen Keim zu entlocken, in dem mehr Mineralstoffe und Vitamine stecken als später in der ganzen Pflanze.

Während er sich ans Licht der Welt kämpft, vervielfacht sich, wie aus dem Nichts, sein Nährstoffgehalt. Sprossen enthalten daher in rauen Mengen Vitamin C, B-Vitamine, Folsäure, Eisen, Kalium, Zink, Kalzium, Magnesium. Dazu erheblich mehr verdauungsfördernde Ballaststoffe als die meisten Gemüse. Praktischerweise haben sie immer Saison und lassen sich problemlos in einem (zum einfacheren Spülen mit Gaze bespannten) Marmeladenglas auf der Fensterbank ziehen. So hat man auch im Winter immer etwas Frisches im Haus. (Achtung: Sämereien aus dem Gartengeschäft sind meist chemisch behandelt. Nehmen Sie darum die aus dem Bioladen oder Reformhaus.) Geeignet sind zum Beispiel Weizen, Hirse, Kichererbsen, Sonnenblumenkerne, Senf, Rettich, Leinsamen oder Alfalfa.

Roh geben die Sprossen Salaten und Kräuterquark den knusprigen Extrakick und je nach Sorte etwas Schärfe. Auch zu Rührei, Omeletts und im Obstsalat sind sie klasse. Kurz (!) gedünstet schmecken sie als Beilage zu Fleisch und Fisch, der Frühlingsrolle fehlte ohne sie der Frühling, und jede Gemüsepfanne kann mit ihnen nur gewinnen. Schon vor 5000 Jahren soll der Kaiser von China seinem Volk befohlen haben, Sojabohnen zu ziehen. Als Befehl ist das vielleicht etwas schrullig, doch hatten Staatsmänner weiß Gott schon schlechtere Ideen.

Ruth Hoffmann / GesundLeben
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