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Interview

Raketenexperte Markus Schiller: "Nordkoreas Atomprogramm ist völlig zusammengewürfelt"

Nicht die Atombomben Nordkoreas sind so gefährlich, sondern die konventionellen Waffen, sagt der Raketenexperte Markus Schiller.

Von Janis Vougioukas

Vor Kurzem hat Nordkorea seine sechste Atombombe getestet, es war die bislang mit Abstand stärkste. Halten Sie es für möglich, dass das Land solche Waffen tatsächlich einsetzt?

Ehrlich gesagt: Ich halte die Situation für nicht sehr beängstigend. Gefährlich könnte es nur werden, wenn Donald Trump oder Kim Jong-un die Nerven verlieren. Aber Nordkorea selbst hat kein Interesse an einem bewaffneten Konflikt.

Wie kommen Sie an Ihre Informationen über die Rüstung der Nordkoreaner?

Seit ein paar Jahren ist das Land da erstaunlich offen, etwa was Bilder angeht. Und durch die regelmäßigen Tests sind die Sprengköpfe heute nicht viel geheimer für uns, als es die der Inder oder Pakistanis sind. Aus den einzelnen Puzzlestücken muss man sich dann ein Bild zusammensetzen. Im Prinzip ist das ganze Programm darauf ausgerichtet, der Welt zu sagen: Nehmt uns ernst! Darum geht es. Und nicht darum, wirklich Krieg gegen eine Großmacht zu führen.

Dass Nordkoreas Atombomben gefährlich sind, ist doch unumstritten ...

Ja, aber das Programm ist völlig zusammengewürfelt. Die Raketen bestehen zum Teil aus alten russischen Bauteilen. Das Bruttoinlandsprodukt von ganz Nordkorea ist etwa halb so groß wie das der Stadt Wien. Und davon will Kim offenbar 14 verschiedene Raketentypen, ein Uran- und ein Plutonium-Programm finanzieren? Da muss man sich fragen, ob das wirklich alles stimmt. Für Südkorea ist der Norden sicherlich eine Bedrohung. Aber es wäre absurd zu glauben, dass in den nächsten Wochen ein Atomschlag auf Washington drohen könnte.

Atombomben gibt es seit über 70 Jahren. Ist die Technik tatsächlich so kompliziert?

Eine Atombombe zu bauen ist schwierig genug. Doch viel komplizierter ist es, eine Langstreckenrakete zu entwickeln, die den Sprengkopf auch tragen kann. Das dauert mindestens zehn Jahre. Eine Rakete muss mehrere Minuten lang unter extremsten Bedingungen funktionieren.

Inzwischen allerdings zweifelt kaum jemand daran, dass die Nordkoreaner die Technik bald meistern werden.

Ja, Kim Jong-un scheint das Atomprogramm wesentlich ernster zu verfolgen als sein Vater. Und Nordkorea muss Hilfe aus dem Ausland erhalten haben. Wir wissen, dass es in den 80er und 90er Jahren massive Unterstützung aus Russland gab. Möglich ist auch, dass der Antrieb aus der Ukraine kommt.

Haben die Sanktionen denn nichts gebracht?

Man kann auf Google Earth Satellitenbilder der Grenze zwischen Russland und Nordkorea sehen. Da steht auf beiden Seiten ein großer Bahnhof, und es sieht nicht so aus, als sei die Grenze in den letzten zehn Jahren geschlossen gewesen. Auch zwischen China und Nordkorea herrscht ein reger Warenaustausch. Wenn etwas verboten ist, wird das für viele Leute nur noch interessanter, weil man damit sehr viel Geld verdienen kann.

Wenn der Einsatz der Nuklearwaffen selbst kaum realistisch erscheint – könnte das Rüsten in einen konventionellen Krieg münden?

Das ist sehr viel wahrscheinlicher. Die Gefahr durch Nordkoreas Kurz- und Mittelstreckenraketen ist ja real. Schon jetzt könnte das Land damit Nutzlasten – also Bomben – von einer Tonne Gewicht bis nach Japan transportieren. Und Südkoreas Hauptstadt Seoul liegt ohnehin in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie. Wenn ein Vergeltungsschlag auf den anderen folgt, dann hat man schnell einen ausgewachsenen Krieg auf der koreanischen Halbinsel, wenn auch mit konventionellen Mitteln.

Welche Optionen hat US-Präsident Trump, um Nordkoreas Atomprogramm zu stoppen?

Das ist schwierig. Wie groß auch immer das Programm ist: Mit Sicherheit sind die Anlagen gut verbunkert, vielleicht sogar in Berge hineingebaut. Man könnte natürlich das Testgelände mit Marschflugkörpern beschießen, aber das ist nicht sehr nachhaltig. Ich sehe keine Möglichkeit, das Atomprogramm wirklich militärisch zu beenden.

Wie sollte der Westen denn mit Nordkorea umgehen?

Auch wenn es zunächst seltsam klingt: Am schlimmsten wäre für Kim Jong-un sicher, seine Drohungen nicht zu ernst zu nehmen. Je mehr er sein Land gegen den gemeinsamen Feind im Ausland vereint, desto fester sitzt er im Sattel.

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