Aus stern Nr. 42/2004 Morgenthau im TV

Die Sender schliddern in eine Legitimationskrise - die öffentlich-rechtlichen vergessen ihren Informationsauftrag, die privaten ihre Verantwortung.

Das Fernsehen versagt. Öffentlich-rechtlich wie privat organisiert. Beide Systeme gemeinsam versagen vor der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die öffentlich-rechtlichen vor ihrer Aufgabe, die privaten vor ihrer Verantwortung. ARD und ZDF weichen vor der politischen Realität zurück - in Teil- und Ersatzwelten des Politischen -, um den vermeintlichen und echten Quotenerfolgen der Privaten nachzujagen. Sie werden dem Programmauftrag nicht mehr gerecht und gefährden die Rechtfertigung ihrer Gebührenfinanzierung. Die privaten Kanäle flüchten aus der Wirklichkeit - in Abgründe von Niveau- und Geschmacklosigkeit -, um die öffentlich-rechtlichen durch Unterbieten zu übertreffen. Sie kennen kein Wertegerüst mehr und riskieren damit ihren wirtschaftlichen Erfolg. Beide Systeme rutschen in eine tiefe Legitimationskrise.

Das Versagen des Fernsehens wird zum ernsthaften Faktor der Politik. Denn Politik ohne Fernsehen muss scheitern. Finden die großen gesellschaftlichen Themen nicht mehr den notwendigen Raum in jenem Medium, das für die Verständigung der Nation unverzichtbar ist, zerreißt die Verbindung zwischen Volk und Politik. Verweigert sich das Fernsehen als solches Forum, stört oder zerstört es die politische Kommunikation. Es wird mitverantwortlich für die Vertrauenskrise der Politik, ist Teil des Problems, nicht mehr der Lösung.

Kommunikative Katastrophe

Die Politik selbst hat sich eine kommunikative Katastrophe beschert. Rente, Gesundheit, Pflege, Steuern, Arbeitsmarkt, Bildung - nie zuvor haben die deutschen Parteien auf so vielen Baustellen so konfus gewerkelt. Und sich selbst, wie die Dinge, so armselig erklärt. Die verwirrte, ratlose, enttäuschte Nation antwortet mit dramatisch niedriger Wahlbeteiligung.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat dazu seinen Teil beigetragen. Es hat seine wichtigste Aufgabe versäumt: die gründliche und didaktisch überlegte Information, das Ordnen der unüberschaubaren Reformwelt, um den Zuschauer urteilsfähig zu machen. Die außerordentliche Lage hätte außergewöhnliche neue Sendeformate erfordert, zu attraktiver Zeit - doch dazu fehlten Mut wie Kreativität. In dieser Lage höhere Gebühren zu verlangen zeugt von Erblindung. Die Printmedien haben ihr Informationsangebot über die Reformen vervielfacht; ARD und ZDF zogen sich auf Nachrichten und politische wie semipolitische Talkshows zurück. Doch Nachrichten erklären nicht (genug), und Talks dienen bestenfalls dem Meinungsstreit, im schlechtesten Fall parteitaktischer Vernebelung. Dazwischen fehlt der entscheidende Link: die Information.

Professionell geführte oder innovativ gestaltete Talks wie "Berlin Mitte" (ZDF) und "Hart aber fair" (WDR) vermögen diese Lücke bei bester Absicht nicht zu schließen. Und "Christiansen" (ARD) als chaotischer Marktplatz für Parteigaukler ist der permanente Krisengipfel ohne Lösung. Ein erschöpftes Format, die sonntägliche Konsum- und Konjunkturbremse durch gründlich verwirrte Zuschauer. Wer jetzt die Konfrontation von Volk und Politik organisiert, ergänzt durch Information, hat das Talk-Format der Zukunft.

Die Privaten denken, senden und kriseln vollends neben der Zeit. Ein Publikum, das klüger ist, als man ihm unterstellt, straft solche Realitätsflucht gottlob mit Quotenentzug. Der Zuschauer zeigt mehr Würde als der Sender. Ausgerechnet in Zeiten von Hartz IV eine "Hire or Fire"-Show auszustrahlen und auf sozialdarwinistischen Voyeurismus zu spekulieren ist an Zynismus kaum zu überbieten. Die Quote war denn auch kaum zu unterbieten - und der Spuk umgehend vorbei.

Proleten-Guckkasten als Leitbild

Der Proleten-Guckkasten scheint zum Leitbild der Privaten geworden zu sein. Ganzkörpertätowierte Kretins und busenfixierte Silikonpuppen beobachtet beim suppekochenden Kampf um ihre Frau, beim erektionsfördernden Wannenbad zu zweit oder bei der egopolsternden Brustvergrößerung - das einstmals innovative Reality-TV treibt ab in der Gosse. Der amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau wurde einst zum Begriff, weil er Deutschland nach dem Krieg zum Agrarstaat machen wollte. Manche Programm-Designer erwecken heute den Eindruck, als hätten sie ein geistiges Morgenthau-Programm entworfen.

Das Privat-TV steht Kopf. Als es entstand, wurde Schlimmstes vom Kommerz befürchtet. Heute sind die Werbekunden die letzten Niveaugaranten. Denn in der Werbepause nach dem Vollbad in Kuhscheiße oder Kakerlaken mag kein Appetit auf Joghurt aufkommen - also kommt der Spot in den Kühlschrank. Deutsche Werber, rettet das Fernsehen!

Hans-Ulrich Jörges print

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