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Bergkirchweih in Erlangen Das fränkische Oktoberfest


Ab Pfingsten herrscht Ausnahmezustand in Erlangen. Dann ist Bergkirchweih. Der Vergleich zeigt: Das älteste Bierfest der Welt sticht sein Münchener Pendant in vielem aus.
Von Peter Neitzsch

Verfehlen kann man sie nicht, die Erlanger Bergkirchweih. Egal wo in der Stadt: Wie ein Magnet lenkt das Fest alle Schritte Richtung Berg. Man braucht nur den Menschenmassen zu folgen: Über eine Million Besucher pilgern jedes Jahr ab Pfingsten nach Erlangen, zur fränkischen Variante des Münchener Oktoberfests, die mit weniger Touristen, günstigeren Bierpreisen und Bänken unter freiem Himmel den Vergleich mit der bekannten bayerischen Schwester nicht zu scheuen braucht.

Immer am Donnerstag vor Pfingsten ist Anstich für die Bergkirchweih: In diesem Jahr am 24. Mai. Dann beginnt die hiesige fünfte Jahreszeit und die beschauliche Stadt wird für knapp zwei Wochen zur Volksfestkulisse. 2012 bereits zum 257. Mal. Denn die "Berchkärwa", wie die Erlanger sagen, ist nicht nur 55 Jahre älter als das Oktoberfest, sondern - laut Eigenwerbung - sogar das älteste Bierfest der Welt.

Die im 17. Jahrhundert zugewanderten Hugenotten begannen damit Keller in den Berg zu treiben, damit das Bier auch im Sommer kühl lagert. Vom Hugenottenplatz führt der Strom der Menschenmassen dann auch die Hauptstraße entlang - bis man das Riesenrad über den Baumwipfeln sieht und in eine Wolke aus Kirmesgerüchen nach Zuckerwatte, gebrannten Mandeln und Brathering eintaucht.

Bierkeller von 20 Kilometer Länge

Der Erlanger Burgberg ist bereits nach kurzem Anstieg erklommen. Rechts geht's zu den Fahrgeschäften, links zu den Bierkellern. Genau genommen ist der "Berg" keine 60 Meter hoch, ein Kastanienhain, in dem sich ein Biergarten an den anderen reiht. Statt im Zelt sitzt man auf und vor den Kellern, die in den Hang getrieben sind. Oder besser: steht, denn sitzen bleibt keiner lange, wenn auf Tischen und Bänken getanzt wird.

In insgesamt 16 Kellern, die es in den besten Zeiten auf fast 20 Kilometer brachten, lagerte einst das Bier. Der Brauch, die Fässchen gleich auf den Kellern zu leeren, hat sich auch nach der Erfindung der Kühlmaschine gehalten. Und das geht nie so gut wie zur Kirchweih: Klassengrenzen sind dann aufgehoben, der Punk sitzt zwischen dem Rentner und dem trachtentragenden Firmenchef. Bier verbindet.

Der Preis für eine Maß liegt seit Jahren stabil bei 7,50 Euro - auf dem Oktoberfest waren es zuletzt 9,20 Euro beim Festbier und 13,60 Euro beim Weißbier. Getrunken wird aus Tonkrügen - auch hier ist der Erlanger traditionsbewusster als der Münchener.

Hunderttausende Liter Bier werden gezapft

Im 19. Jahrhundert verkauften Erlanger Brauereien - nicht zuletzt dank der Kellerlagerung - noch Hunderttausende Hektoliter ins Ausland und lagen damit noch vor den Bierzentren München und Kulmbach. Seit dem großen Bauereisterben der 1960er Jahre wird am Berg vor allem Tucher, Kitzmann sowie die Regionalmarke Steinbach ausgeschenkt. Von den alten Erlanger Biersorten wie Erich oder Henniger zeugen nur noch die Namen der Keller.

"Ich bin jetzt 58 Jahre alt und seit 59 Jahren dabei", sagt Friedrich Engelhardt, der Wirt des Entla's Kellers. Der Berg-Veteran, der schon im Bauch der Mutter hinter der Zapfanlage stand, schenkt Kitzmann aus. Den Entla's Keller führt er bereits in der vierten Generation. "Die Kirchweih ist enorm wichtig für unser Geschäft", sagt der Wirt. Ein Großteil des Jahresumsatzes wird in wenigen Tagen erwirtschaftet.

Mindestens zehn Bergbesuche in zwölf Tagen

50.000 bis 70.000 Gäste bewirtet Engelhardt in einer Kirchweih-Saison. Hunderttausende Liter Bier werden dann ausgeschenkt. Die Vorbereitungen dafür beanspruchen das ganze Jahr: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel", sagt der Geschäftsmann. Übers Jahr beschäftigt Engelhardt zehn Mitarbeiter, an den zwölf Kirchweihtagen sind es 150. "Um diese Extremsituation zu meistern, braucht man ein gutes Team." Das schwierigste sei, Harmonie herzustellen. Nur dann laufe es auch rund.

Das größte Volksfest Nordbayerns hat Anhänger weit über die Region hinaus. Doch viele der Festbesucher sind Erlanger. Besonders für die rund 30.000 Studenten der 100.000-Einwohner-Stadt ist die „Kärwa“ Pflicht. Bis 1999 gab es an der Universität Erlangen-Nürnberg noch offiziell "Bergferien": Während der Kirchweih fanden keine Vorlesungen und Seminare statt. Seitdem müssen die Studenten an diesen Tagen blau machen, um den großen „Bergschein“ abzulegen, der aus mindestens zehn Bergbesuchen in zwölf Tagen besteht.

Von Peter Neitzsch

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