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Deutschland für Entdecker: Mit Mäusen unter einem Dach

King-Size-Betten mit dicken Kissen, reich verzierte Baldachine, opulente Himmelbetten - wozu der ganze Luxus? Stroh- und Heuhotels sind authentisch, natürlich und man spart im Schlaf..

Von Roland Brockmann

Ein alter Gutshof in Hessen. Es ist so dunkel, wie man es als Städter kaum noch kennt. Dazu knistert es geheimnisvoll. Über uns zeigt ein kleines Fenster nächtlichen Sommerhimmel; matt schimmern die Sterne. Der kleine Leonardo hat sich noch nicht entschieden, ob er unser seltsames Lager als Abenteuer oder Zumutung einordnen soll.

Der Dachboden einer Scheune, wo einst Stroh und Heu gelagert wurde, dient uns als Nachtlager. Nur mit einer Taschenlampe sind wir die Holzstiege hoch. So wie einst arme Wanderer, die beim Bauern am Wegesrand für eine Nacht unterkamen, ohne Taschenlampe natürlich, dafür bereits mit reichlich Branntwein der Müdigkeit geweiht.

Stroh gibt's auf dem Gutshof bei Trendelburg noch immer, aber unten, da wo einst die Pferde standen, warten nun moderne Drahtesel auf Aktivurlauber. Das Hofgut Stammen, seit 1465 Sitz der Adeligen von Pappenheim, dient heute als Stroh-Hotel - direkt am Flüsschen Diemel gelegen, ein romantisches Freizeitparadies zum Baden, Radeln oder auch Bogenschießen.

Eine Nacht im Stroh

Bis in die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts lebten Pappenheims hier. In ihrem Schloss befindet sich heute ein Altenheim, in der Gutsanlage eröffnete die Familie Valtingojer 1990 ihren Gasthof. Aus Melkständen wurden Ferienwohnungen, aus Sauställen eine Schankwirtschaft. Die Besitzer zogen in die ehemalige Schnapsbrennerei. Über den Ställen breiten wir unsere Schlafsäcke aus.

Draußen nieselt es. In der Scheune ist es trocken, das Stroh federt, eine wahrhaft bequeme Bettstatt, die wir allerdings mit Mäusen teilen müssen, wie Jörg Valtingojer vorab bereits warnte. Ein Detail, das ich meinem Sohn lieber vorenthalte. Mäuse kennt er bislang nur aus dem Kinderklassiker "Max Maus".

In seinen Schlafsack gekuschelt, schläft Leonardo ein, bevor Max Maus aus dem Bilderbuch im Licht der Taschenlampe noch auf seine realen Geschwister treffen kann. Der Papa allein liegt wach und lauscht dem Rascheln - oder ist es nur Einbildung? Ich knipste die Taschenlampe wieder an - nichts zu sehen, Mäuse sind flink.

Beim Schlafen sparen

Warum zieht es moderne Urlauber, die sich auch ein Federbett nebst Schrank und Bad leisten könnten, immer häufiger in urige Quartiere ohne Komfort? Die Nächte in der einfachsten Form der Landhotels sind ein neuer Trend im Tourismus. Selbst Heuhotels sind im Internet vernetzt. Nahezu in jeder Region bieten Bauernhöfe ihr Stroh als Bettstatt an - oft allerdings so perfekt präpariert, das man kaum noch das Rascheln spürt, aber Heizstrahler in den eigens hergerichteten Kammern für Wärme sorgen und Allergikern Ersatzbetten geboten werden. Liegt es nur am Geld? Tatsächlich kommt eine Nacht im Stroh billiger als so mancher Zeltplatz: unter zehn Euro pro Person und Nacht.

"Die Leute", so der neue Herr vom Gut Stammen, "sparen gerne an der Übernachtung und geben ihr Geld dann für Kanufahrten oder Essen und Trinken aus." Von der Motorradgang bis zum Kegelverein reiche das Spektrum der Stroh-Fans. Vor allem Gruppen und Familien würden das Lager im Heu buchen.

Jörg Valtingojer ist ein ehemaliger Motocross-Profi, der als Student bereits auf dem Gut lebte, sich später in Australien als Wanderarbeiter durchschlug, und auf den Farmen dort das einfache Übernachten auf Baumwollsäcken erlebte. So kam er, als einer der ersten in Deutschland, auf die Idee mit dem Heuhotel, das sich künftig womöglich bis nach Asien ausbreiten wird - dann allerdings wohl auf Reisstroh: Vor ein paar Wochen tauchte auf Gut Stammen plötzlich eine Delegation vom koreanischen Tourismusverband auf - auf der Suche nach naturverbundenen Urlaubsformen "Made in Germany".

Wir überschlafen am Morgen den ersten Hahnenschrei. Erst als das Sonnenlicht durch die kleine Dachluke fällt, blinzeln die Augen von Leonardo in den neuen Tag, der uns mit goldgelb leuchtendem Stroh empfängt - eine einzige Spielwiese. Da wird natürlich erst mal getobt; die Frage ob Zumutung oder Abenteuer erübrigt sich spätestens jetzt. Und nun erzähle ich ihm, dass hier im Stroh die Mäuse leben. "Max auch?" fragt er. - "Nein, der nicht, nur seine Geschwister." Da fängt er an, im Stroh zu suchen. Aber keine Maus lässt sich finden.

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