Insel Pellworm Hochzeit unter Sternen


Auf der Nordseeinsel Pellworm wird das Jawort zu einem besonderen Erlebnis. Dort können Paare unter dem nächtlichen Sternenhimmel den Bund fürs Leben schließen. stern.de war dabei.
Von Caroline Werner

"Sie schenkte mir die schönste Nacht meines Lebens", heißt es in dem Kinofilm "Sin City". Dieser Satz könnte auch auf der friesischen "Hochzeitsinsel" Pellworm in der Nordsee gesprochen worden sein. Denn das friedliche Eiland ist eine Oase der Ruhe und Schauplatz ungewöhnlicher Eheschließungen. Heute ist die "Nacht der Nächte" für Detlev Lisson und Maren Rode aus Bad Harzburg - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die beiden wollen mit einer Trauung unterm Sternenhimmel ihre zwei Wege zu einem verschmelzen. Im Jahr 2005 klingt so etwas verrückt. Erst recht, wenn das Paar keine achtzehn mehr ist und der Bräutigam eigentlich die Entscheidung getroffen hatte, nie zu heiraten - bis eine plötzlich Begegnung alle Entschlüsse über den Haufen warf. "Es ist gar nicht so einfach, einen überzeugten Junggesellen zu einer solchen Entscheidung zu bringen", kommentiert Braut Maren. Und was meint der Heiratskandidat dazu? "Entweder sie oder keine", sagt er mit einer Spur von Stolz in der Stimme. Das klingt wie aus einem kitschigen Roman, wirkt aber überzeugend. Sie strahlen. Von einer ganzheitlichen Erfahrung ist die Rede und vom zusammen wachsen - Wollen. Also doch etwas Dauerhaftes. Verrückt.Die Trauungszeremonie auf Pellworm besteht aus mindestens drei verschiedenen Teilen. Kleine Rituale machen daraus etwas Besonderes. Für Ängstlichkeit ist dort kein Platz mehr - dafür sorgt schon die herzliche Art der Insulaner.

Jeder Ort ist denkbar

Los geht es mit dem Hochzeitsbankett, das traditionsgemäß eigentlich erst nach der Trauung stattfindet. Aber da auf Pellworm einiges anders ist als bei üblichen Hochzeiten, hatte das Brautpaar zu einem "vorehelichen Souper" eingeladen. Im Hotel "Friesenhof", beim Leuchtturm hinterm Deich, feiert die Hochzeitsgesellschaft aus Verwandten und Freunden, mit einem dreigängigen Menü. Noch weiß niemand der Anwesenden, was kommen wird - die nächtliche Trauung ist eine Premiere.In den Räumen nebenan feiern zwei weitere Hochzeitsgruppen. Eines der Paare ließ sich auf dem Leuchtturm trauen, das andere bei den Seehundsbänken der Insel. Möglich ist das standesamtliche Jawort auf Pellworm übrigens auch auf einem Fischkutter, vorm Kaminfeuer oder an anderen ungewöhnlichen Orten. Dieter Clausen, Standesbeamter und Initiator dieser Vielfalt versichert: "Wir sind für jeden Blödsinn zu haben. Bei uns gibt es fast zwanzig verschiedene Zeremonien und Trauungsorte. Aber die ungewöhnlichste Art zu heiraten ist und bleibt die Sternenhochzeit." Auch der Wochentag oder die Uhrzeit der Trauung sind auf Pellworm nicht maßgebend, es zählt allein der Wunsch des Brautpaares. Für Clausen ist nur wichtig, "dass wir keinen Massentourismus betreiben, sondern jede Eheschließung einzigartig ist." Wer das Besondere sucht, kommt also nach Pellworm. Unter den bisher getrauten Leuten sind nicht nur Deutsche, sondern Paare aus aller Welt - aus der Schweiz, Mexiko, Norwegen, Kanada oder Korea.

Mondritual vor Mitternacht

Kurz vor Mitternacht wird das Brautpaar von Karin Lipski, der anderen Standesbeamtin, zum Pellwormer Mondritual abgeholt. "Dies ist ein kleines Eingangsritual mit symbolischem Charakter, bei dem das Brautpaar noch einmal in sich gehen kann, ehe es das Jawort spricht", erklärt Lipski. Die Hochzeitsgäste bleiben noch beim Souper sitzen oder zerstreuen sich, der Moment am Meer gehört allein den Brautleuten. Erst zur Geisterstunde versammelt sich die Hochzeitsgesellschaft auf einer offenen Wiese unterm samtdunklen Himmel. Die Milchstraße ist zu sehen, klare Sternenbilder soweit der Inselhorizont reicht. In der Ferne sind ein paar Häuser auszumachen, aber es bleiben Silhouetten. Die Stille wird nur unterbrochen von ein paar Vogelrufen. Fackeln lotsen über einen Hügel und enden vor der Warft "Kiek in't Land". Diesen abgelegenen Ort würde man als Tourist gar nicht erst finden. Einige lassen ihre Gedanken schweifen und schauen mit offenem Mund zum Himmel. Bevor die Stimmung zu besinnlich wird, flüstert Clausen: "Und wehe, ich höre ein 'Nein' heute Nacht." Und bringt damit alle Beteiligten wieder in die Realität zurück.

Salzzeremonie und Hochzeitsbrief

Ein Muschelfußboden und die rustikale Einrichtung der Warft verbreiten uriges Flair. Durch offene Panorama-Türen sind Fackelallee und Sternenhimmel zu sehen. Die Gäste rücken ihre Stühle zurecht und setzen sich. Es ist soweit. Beim Eintreten in die Warft wird das Paar zunächst mit einem fröhlichen Haussegen, der "Pellwormer Salzzeremonie" begrüßt. Auf altwestfriesisch spricht Lipski sinngemäß: "In diesem Haus soll Ihnen nur Gutes widerfahren." Dazu werden Salzkörner über die Schultern des Paares gestreut. Weil diese kleinen Rituale individuell gestaltbar sind, kann so eine Trauung dann auch bis zu anderthalb Stunden dauern.Erst mit dem Hochzeitskuss nach dem Jawort kommt wieder ein bekanntes Element. Beim Neu-Ehepaar hat die Anspannung jetzt nachgelassen. Ganz stolz sehen die beiden aus. Die Standesbeamten überreichen noch kleine Präsente: das "Pellwormer Nis-Puk-Brot" - ein geflochtener Zopf aus Salzteiggebäck - , echt friesisches, von Hand gesiedetes Salz und den gesiegelten "Pellwormer Hochzeitsbrief". Frau Lipski gibt kleine Weisheiten mit auf den Weg und am Ende der Zeremonie trägt Frau Hoffmann, die dritte im Bunde der Standesbeamten, ein Gedicht vor. Spätestens jetzt, als der Vorleserin Tränen der Rührung über die Wangen kullern, wird klar, mit wie viel Herz die Pellwormer jede Trauung begleiten. Ein Sektumtrunk beschließt die Zeremonie. Glückliche Umarmungen folgen, weitere Geschenke werden überreicht. Darunter befindet sich auch ein eigener Stern für die Brautleute, der auch für Laien am Himmel sichtbare "Honeypie". Im Inseltaxi geht's zurück zur Hotelpension, wo ein üppiges Büffet wartet - Emotionen machen hungrig. Dann wird getanzt, bis der Morgen dämmert.

Hochzeitstorte nach dem Baden

Nach ein paar Stunden Schlaf trifft sich die Gesellschaft am späten Vormittag wieder zum Brunch. Mit Pancakes und Kaffee gestärkt, verstreuen sich die Gäste in sämtliche Himmelsrichtungen. Draußen scheint die Sonne, es ist Badewetter. Der Strand ist nur 50 Meter entfernt. Auf Fahrrädern kann die Gegend erkundet werden. Einziger Fixpunkt an diesem Sonnentag bleibt das Anschneiden der Hochzeitstorte am späten Nachmittag: eine echte Friesentorte mit viel Sahne, Pflaumenmus und natürlich einem Leuchtturm obendrauf. Während die Gesellschaft noch lange zusammensitzt und redet und lacht, geht ein weiterer Tag auf Pellworm zu Ende. Einige Schafe grasen auf dem nahen Deich, überall herzliche Menschen und Ruhe, viel Ruhe. Aber eigentlich kann man Pellwormer Hochzeiten gar nicht beschreiben. Man muss sie erleben.


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