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Kreuzfahrt in der Krise: Passagiere verzweifelt gesucht

Es hätte ein gutes Jahr für die Kreuzfahrtbranche werden können, vielmehr - werden sollen. Zehn neue Schiffe gehen weltweit auf Jungfernfahrt, die Taufen werden glanzvoll inszeniert. Doch die Buchungen sind im Wirtschaftskrisenjahr verhalten. Bevor ganze Decks leer bleiben, gibt es die Kabinen nun günstiger.

Von Swantje Dake

Die Kopfkissen in den Kabinen sind aufgeschüttelt. Die Drinks zum Cocktail mit dem Kapitän schon gerührt. Und theoretisch wird die Lust der Reisenden, ihren Urlaub auf dem Wasser zu verbringen, immer größer. 15 Prozent der Deutschen träumen laut Deutschem Reiseverband von einer Seereise. Das war in den vergangenen Jahren abzusehen, daher gaben die Reedereien viele neue, und vor allem große, Schiffe in Auftrag. 25.000 zusätzlich frisch bezogene Betten stehen 2009 bereit.

Überkapazitäten auch ohne Krise

Nur: Weit weniger Deutsche als je zuvor haben sich bislang für einen Sommerurlaub entschieden. In den ersten Monaten des Jahres wurden 13,5 Prozent weniger Reisen gebucht. Das drückt die Preise für alle Urlaubsangebote. Doch während Reiseveranstalter reservierte Betten einfach an die Hoteliers zurückgeben, können die Reedereien Schiffe nicht verkleinern.

Damit steht die Kreuzfahrtbranche gleich vor zwei Problemen: Überkapazitäten und zögerliche Kunden. "Selbst wenn die Wirtschaft stabil geblieben wäre, hätte es Sonderangebote gegeben. Die neuen Schiffe verursachen ein Überangebot", sagt Bernd Brümmer vom Reisebüro Koch in Hamburg.

Preiskampf unter den Drei-Sterne-Schiffen

Bevor ganze Decks leer bleiben, senken die Reedereien die Preise. Entweder durch einen schnöden Preisnachlass, aber zumeist mit verlockenden Zusatzangeboten. "Auf Drei- und Vier-Sterneschiffen ist ein Preiskampf zu erwarten", so Helge Grammerstorf vom Beratungsunternehmen Seaconsult. Er rät von Rabattschlachten ab. "Die Preisanreize sind nicht gut für die Branche. Die Kunden werden noch länger abwarten."

Gerade im Luxussegment werden Rabatte nicht rausposaunt, sondern als Extras angepriesen. Silversea Cruises wirbt mit Butlerservice in allen Suiten, die italienische Reederei MSC offeriert einen Economy-Flug, wenn eine Erste-Klasse-Kabine gebucht wird. Die edle Cunard-Reederei wirbt mit bunten Prospekten und 200 Euro Rabatt pro Person. Die amerikanische Reederei Crystal Cruise füllt das Bordkonto jeder Suite mit 2000 US-Dollar, die für Wein, Champagner, Spa-Behandlungen, Shopping an Bord und Trinkgelder eingesetzt werden können. Royal Caribbean verspricht "individuellere Gästebetreuung" und "exklusive Serviceleistungen", was frisches Obst, bereitstehendes Trinkwasser, einen Bademantel und eine Einladung zum Cocktail mit dem Kapitän bedeutet.

Kreuzfahrt vom Discounter

Andere scheuen den Kontakt mit neuen Zielgruppen nicht. Die italienische Reederei Costa vermarktet ihre Reisen bei Aldi. Problematisch dabei: Wer eine Schnäppchenreise bucht, legt an Bord nicht Unsummen für Getränke, Landausflüge und Wellness-Behandlungen auf den Tisch. Doch genau daran verdienen Reedereien. Umso erstaunlicher ist, dass Hapag-Lloyd ihren Gästen auf drei Reisen mit der "Columbus" sämtliche Nebenkosten erlässt. Kreuzfahrt all-inclusive.

Für das kommende Jahr hat die italienische Reederei Costa, die 2009 zwei neue Schiffe in Dienst stellt, schon vorsorglich die Preise um 30 Prozent reduziert, die Preise für Mittelmeerreisen gesenkt, und seit einigen Wochen bietet die Reederei ihre Kabinen auf der Internetseite des Billigfliegers Ryanair an. Dennoch: "Die Rabattschlacht hat noch gar nicht begonnen", sagt Costa-Deutschland-Chef Heiko Jensen. Die Reederei Deilmann, die mit der "Deutschland" nur ein Hochseeschiff fahren lässt, will sich nicht unter Wert verkaufen. Sie hat zwei Flussschiffe still gelegt. Die "Dresden" und die "Königstein" bleiben in diesem Jahr im Hafen.

"Wer jetzt nicht bucht, ist blöd"

Nur eine Reederei scheint die Krise gekonnt zu umschiffen. Zumindest posaunt Aida-Chef Michael Thamm: "Wir haben zu wenig Schiffe." Mit der in wenigen Tagen auf Jungfernfahrt gehenden "Aida Luna" schippern sieben Schiffe für die Rostocker, zwei weitere sind für 2010 und 2011 bestellt. Von Zweifeln keine Spur. "2008 war unser bislang erfolgreichstes Jahr. 2009 wird das mit Sicherheit noch toppen", so Thamm. Aber auch die Rostocker offerieren Reisen auf ihren Schiffen mit Knutschmund Schnäppchenreisen und nette Extras wie Spa- oder Restaurantgutscheine. Schließlich bestürmt Tui Cruises mit dem ersten Schiff eine ganz ähnliche Zielgruppe.

Sieger der Krise ist der Urlauber: "Wer schon immer eine Seereise machen wollte und sie in diesem Jahr trotz der Preisaktivitäten nicht bucht, der ist blöd", sagt der Kreuzfahrtprofi Bernd Brümmer. Der Reisefachmann sieht in Kreuzfahrten einen Zukunftstrend. "Das Potential in Deutschland ist da", so Brümmer. Während 13 Millionen Amerikaner die Weltmeere unsicher machen, scheuen die Reiseweltmeister noch den Weg auf die Gangway. Rund 850.000 waren es im vergangenen Jahr. Stellen die Reedereien es geschickt an, könnten sie aus der Krise als Sieger hervorgehen; denn, so Brümmer, wer einmal auf hoher See war, fährt auch ein zweites Mal. "Von hundert Kreuzfahrern kommen 95 wieder an Bord." Auch Berater Grammerstorf bleibt bei seiner vor der Krise erstellten Prognose von zwei Millionen deutschen Kreuzfahrern im Jahr 2018.

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