Landpartie im Schwarzwald Neues aus dem Kuckucksheim


Der Schwarzwald - das ist Kirschtorte und Bollenhut? Mitnichten, die Region hat viel mehr zu bieten. Ein Loblied auf eine deutsche Provinz, die sich vom Kitsch befreit hat.
Von Bernd Schwer

Diesen Duft kenne ich. Den werde ich mein Leben lang nicht mehr aus der Nase bekommen. Eingesogen habe ich ihn schon als Kind. Holzrauch und Tannen, Tier und Stall und etwas schwächer noch Gewürze, Wacholder und schwarzer Pfeffer. So duftet ein Stück Schwarzwälder Speck, wenn es frisch abgeschnitten ist. Nicht zu verwechseln mit Schinken, einer Erfindung der Nachkriegszeit. Doch hier in der Gegend, im mittleren Schwarzwald, wo die Gutach Richtung Kinzigtal fließt, wird noch richtiger Speck geräuchert. Aus den Seiten des Schweins, nicht von den Keulen. Er ist dunkler, würziger und hat mehr Fett, also auch mehr Geschmack.

Der Mann, der mir das Stück in die Hand gedrückt hat, trägt eine rote Wollmütze und einen Ring im Ohr. Nicht gerade das typische Bild eines Schwarzwälder Metzgers. Niemand wäre überrascht, ihm in Berlin über den Weg zu laufen. Er hat auch keinen stattlichen Bauch, ist drahtig wie ein Marathonläufer. Im "Specklädele", einem kleinen Raum in seinem Gehöft, zieht Franz-Josef Kaltenbach mit einer einzigen flüssigen Bewegung ein dünnes Messer durch die Speckseite. Der Hinterhauensteinhof steht auf gut 800 Meter Höhe an den Hängen eines steilen, schmalen Tals. Drüber ragt der Karlstein über die Wipfel, eine Felsgruppe, von deren Spitze man weit über den gesamten mittleren Schwarzwald blickt. Über ein hügeliges Waldmeer, Wiesen und verstreute Bauernhöfe. Unterhalb des Hauensteinhofs, talabwärts, stehen Tannen und Fichten stramm. Dunkler Schwarzwald, auch an einem Augusttag kühl und schattig. Die Bauern und Forstleute wissen, wenn sie diese Bäume an den steilen Stellen schlagen würden, käme ihnen der Berg bald als Erdrutsch entgegen. Deshalb dürfen sie zu Riesen heranwachsen.

Tradition natürlich aufbereitet

Ich bin nicht zufällig am Hauenstein gelandet. Drüben in Schonach, meinem Heimatort, wo ich losgewandert bin, hat das Wort Klang: Hauenstein! Jedes Kind weiß, es steht für besten Speck und Schnaps. Schon als ich hier aufwuchs, wurde der Name mit Respekt ausgesprochen. Damals traf sich die Familie oft sonntags bei den Großeltern zum Vesper, wie man hier das Abendbrot nennt. Nachdem sich alle an Speck und Käse sattgegessen hatten, ging der Großvater ins Schlafzimmer und kam mit einer Flasche aus dickem Glas zurück. Ohne Etikett, mit einer klaren Flüssigkeit. Einem Hefebrand. Er schenkte aus, alle prosteten einander zu, kippten die Schnapsgläser, und der Großvater sagte jedes Mal mit versonnenem Lächeln: "S'isch halt ein Hauenstein."

Als ich Franz-Josef Kaltenbach auf den Hefeschnaps und dessen legendären Ruf anspreche, lächelt er: "Ja, den hat mein Großvater gebrannt." Er selbst lernte das Metzgerhandwerk. Doch dann zog es ihn weg von zu Hause. Mehr als zehn Jahre arbeitete er im Bayrischen, ehe er zurückkehrte und ganz selbstverständlich die Tradition wiederaufnahm: Was du machst, mach es so gut du kannst. Sein Hinterhauensteinhof steht so abseits, dass man dort nicht zufällig vorbeikommt. Dennoch geht sein "Specklädele" so gut, dass er Schweine zukaufen muss. "So viele, wie ich verarbeite", sagt er, "könnte ich gar nicht selber halten." Er bezieht sie von Nachbarbauern, von Familienbetrieben, achtet darauf, dass sie artgerecht gehalten und nicht mit Pharmaka und Kraftfutter vollgestopft worden sind.

Ein Trendsetter aus dem Schwarzwald

Kaltenbach, der drahtige Metzger mit dem Ring im Ohr, würde wahrscheinlich verlegen abwinken, wenn man ihn als Trendsetter bezeichnen würde. Dennoch ist er einer. Der Trend mag sich nicht in Lifestyle-Magazinen beschrieben finden, doch er sagt einem etwas über diese Region. Das Wegziehen und Wiederkommen, mit einem angereicherten Blick auf die Welt. Das Qualitätsbewusstsein. Handwerkliche Sorgfalt und eine ganz nüchterne Sorge für die umgebende Natur – nicht die romantische Naturschwärmerei von Städtern, sondern das Wissen: Du kannst hier oben nur von der Natur leben, wenn du sie pflegst und schützt.

Für all das gibt es ein Wort: Heimat. Ein haariger Begriff. Nichts klang damals für uns Jugendliche in den Siebzigerjahren enger. Es war das Gegenteil von dem, was wir lebten. Heimat, das war Speckbrettle-Folklore, Dirndlmoden, autoritäres Gerede am Stammtisch, Marschmusik zum Frühschoppen, während wir Rolling Stones und Ton, Steine, Scherben hörten. Auf keinen Fall wollten wir werden wie die Alten, wie diese Alten. Heimat, das hatten auch die Nazis gekapert und pervertiert. Danach dann die süßliche, falsche Schwarzwaldmädel- Idylle der Wirtschaftswunderjahre, Heile-Welt-Sehnsucht und Verdrängung in einem. Heimat? Unerträglich.

Heimat? Wie geil ist das denn!

"Holy Heimat" sprüht und malt der Offenburger Künstler Stefan Strumbel, 33, auf Leinwände. Es ist der Schlüsselbegriff seines künstlerischen Selbstverständnisses. Darum kreist er in immer neuen Anläufen. Strumbel hat als Sprayer angefangen, mit Street Art, heute hat er in der deutschen Kunstszene einen Namen. Sein Durchbruch kam, als Karl Lagerfeld sich für den "stern" mit einer Strumbel-Kuckucksuhr fotografieren ließ. Aufsehen erregte er 2011. In Goldscheuer, einem Dorf zwischen Offenburg und Straßburg, gestaltete er eine Dorfkirche, der schon die Schließung drohte, neu. Mit einer riesigen gesprühten Madonna in lokaler Tracht, mit LED-Leuchten und Sprechblasen über Weihwasserbecken. Welcher Maler durfte zum letzten Mal eine ganze Kirche gestalten? Leonardo da Vinci? Seit Strumbels total rebrush kann sich das Kirchlein vor Besuchern kaum retten. Stefan Strumbel lebt weiter in Offenburg, am Eingang zum Schwarzwald. Seine Aktionen und Ausstellungen laufen in Hamburg und Berlin, in New York und London. Doch ihm würde es nie einfallen, wegzuziehen. Sein Markenzeichen: die Kuckucksuhr. Strumbel dekoriert sie mit Handgranaten und gekreuzten Knochen. Er setzt ihr Totenschädel auf, hängt ihr Kalaschnikows um. Die Uhren überzieht er mit Sprühlack in klaren Farben, Knallrot etwa, wobei die Farbe im Runtertropfen erstarrt. Dick wie Blut.

Den vollständigen Text mit ausführlichem Serviceteil finden Sie im April-Heft "Geo Saison".

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker