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Unfallstatistik: Trügerische Sicherheit

Der stern wollte wissen, in welchem Verkehrsmittel sich die Deutschen am sichersten fühlen. Dass die eigene Einschätzung und die Analyse der Unfallstatistiken deutlich auseinanderklaffen, war das erstaunliche Ergebnis einer Umfrage.

Von Matthias Weber

Bei Reisen fühlt sich die Mehrheit der Deutschen im Auto am sichersten. Das erklärten in einer Forsa-Umfrage für den stern 42 Prozent der Bürger. Knapp ein Viertel hat das Gefühl, in der Bahn am sichersten unterwegs zu sein. 16 Prozent haben im Flugzeug am wenigsten Angst. Doch das subjektive Gefühl täuscht: Tatsächlich ist die Bahn das ungefährlichste Verkehrsmittel.

Europaweit starben 2005 bei Bahnunfällen gerade mal 62 Reisende, bei Flugzeugunglücken waren es 135. Im selben Jahr wurden allein in Deutschland 5361 Menschen im Straßenverkehr getötet und mehr als 400.000 verletzt. Je Milliarde gefahrener Personenkilometer sterben im Auto durchschnittlich sechs Menschen, im Flugzeug 0,4 und in der Bahn sogar nur 0,2 Passagiere. Am gefährlichsten bewegen sich, bezogen auf die Strecke, Fahrradfahrer (30 Todesfälle je Mrd. km), Fußgänger (38 Tote) und Motorradfahrer (45 Tote).

"Verzerrtes Bild"

Dass die Bahn bei der Bevölkerung als unsicher empfunden wird, mag mit dem schweren ICE-Unglück vor fast genau zehn Jahren in Eschede oder dem jüngsten Zusammenprall eines ICE mit einer Schafherde in einem Tunnel bei Fulda zusammenhängen. "Aber solch spektakuläre Fälle verzerren das Bild", sagt Professor Wolfgang Fengler, Bahnexperte an der TU Dresden. "Verglichen mit den anderen Verkehrssystemen hat die Bahn ein Sicherheitsniveau erreicht, das mit vertretbarem Aufwand kaum noch zu steigern ist."

Dennoch bleiben Fragen, etwa, weshalb die ICE-Gleise nicht eingezäunt sind - wie bei den Hochgeschwindigkeitsstrecken in Frankreich und Belgien. Bahnsprecherin Diana Scharl sagt: "Das ist nicht finanzierbar. Im Gegensatz zu Frankreich oder Belgien gibt es in Deutschland - abgesehen von der Strecke Köln–Frankfurt - kein separates ICE-Netz: Auf den ICE-Schienen sind auch andere Personen- und Güterzüge unterwegs, man müsste mehr als 34.000 Kilometer einzäunen."

Auch Verkehrsexperte Fengler hält den Aufwand für zu hoch. Er rät aber zu prüfen, ob es irgendwo noch Abschnitte gibt, wo Tierherden in unmittelbarer Nähe grasen. "Hier sollte die Bahn zusammen mit den Tierhaltern über mögliche Lösungen nachdenken." Die Bürger müssten akzeptieren, dass Reisen gefährlich ist und es selbst beim sichersten Verkehrsmittel immer ein Restrisiko gibt.

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